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Die ersten großen Ferien
Mit dem Sohn im Meer der Zeit

Die ersten großen Ferien: Mit dem Sohn im Meer der Zeit
David am Strand von Lacanau.
Düsseldorf. Die ersten großen Ferien des Kindes: Unser Autor erlebte die vergangenen sechs Wochen dank eines tiefenentspannten Sohnes doppelt intensiv. Ein Lob der langen Weile. Von Philipp Holstein

Als Davids erste große Ferien vor sechs Wochen begannen, hatte ich selbst noch keinen Urlaub, und ich fragte mich, wie wir diese lange Zeit bloß rumkriegen sollten. Nun ist sie tatsächlich vorüber, es war herrlich, und ich möchte nicht, dass Schulkinder im Sommer jemals weniger als anderthalb Monate frei bekommen. Nie soll ein Politiker oder Wirtschaftsprüfer für Verkürzung plädieren. Das wäre nicht gut, für die Kinder nicht und für ihre Familien.

David ist sieben Jahre alt, er hat das erste Schuljahr beendet, und in der ersten Ferienwoche kam er an einem Morgen zu uns ins Schlafzimmer und fragte, ob wir nicht mal im Bett Kakao trinken wollten. Wir mochten zunächst nicht, wir wollten keine Kakao-Flecken auf der Bettdecke. Aber dann fanden wir die Idee doch schön. Also tranken wir Kakao im Bett, und wir tun das seither jeden Tag. Nachdem David die Tasse auf dem Nachttisch abgestellt hatte, legte er sich auf den Rücken, faltete die Hände hinter dem Kopf und sah zur Decke. "An was denkst Du?", fragte ich. Und David antwortete: "Ich überlege, was ich gleich mache."

 "Welcher Tag ist heute eigentlich?"

Meistens baute er mit Lego oder verabredete sich mit Freunden zum Legobauen, und wenn er sich mittags von den Freunden verabschiedete, sagte er "bis gleich", weil die Freunde nachmittags zumeist wiederkamen oder er zu ihnen ging. Zwischendurch seufzte David; das "Ah" klang sehr zufrieden, und seine Leichtigkeit übertrug sich auf uns. Ich spürte, dass ich gelassener zur Arbeit ging, diese hektische Zeit vor dem Urlaub, in der viel geregelt und organisiert werden muss, heiterer anging als in den Jahren zuvor. "Welcher Tag ist heute eigentlich?", fragte David.

Nach zwei Wochen fuhren wir in den Urlaub nach Südfrankreich. Ich hatte Sorge, ob das mit der langen Autofahrt wohl gut gehen würde, aber hinter Paris legte David das Malbuch weg. Er sagte: "Ich träum jetzt mal." Und dann sah er aus dem Fenster und schloss bald die Augen. Als wir in Lacanau ankamen, fragte er, warum wir die einzigen seien, die lange Hosen trügen.

"Man kann die Grillen sonst nicht hören"

Ich hatte Bücher mitgenommen, dicke Bücher, ich wollte lesen im Urlaub, die beiden autobiografischen Bände des Norwegers Karl Ove Knausgård, in denen er so detailliert über sein Familienleben schreibt. Sie heißen "Leben" und "Spielen" und sind jeweils 600 Seiten lang. Aber ich kam nicht zum Lesen, denn ich musste an früher denken, an meine Sommerferien und an das Gefühl der gedehnten Zeit, das manche Langeweile nennen, und das eigentlich ganz angenehm ist, weil es die Gelegenheit bietet, sich seiner selbst bewusst zu werden. Ich hatte einen kleinen Lautsprecher mitgebracht, den man mit dem Handy verbindet, um Musik zu hören. David sagte: "Kannst Du die Musik ausmachen?" - "Warum?" - "Man kann die Grillen sonst nicht hören." Ich machte die Musik aus und dachte an Diogenes.

Das Meer war zu wild, man durfte nur bis zu den Knien hinein, und so spielte ich mit David am Strand. Wir schütteten eine Sand-Insel im Priel auf und spielten Sumpf-Polizei mit Lego-Männchen. Wir entdeckten, dass es auch in Frankreich Wattwürmer gibt und legten eine Wurm-Farm an. Wir gaben den unterschiedlichen Wellen Namen, und unsere Lieblingswellen waren "Schwappwelle" und "rollende Wand". Nach dem Mittagessen las ich "Kalle Blomquist" auf dem Handtuch vor, bis ich heiser war: Eva-Lotta, Wachtmeister Björk und Onkel Einar. Es war für mich genauso spannend wie für David.

Kakao im Bett

David weckte uns morgens um kurz vor sieben. Er kam zu uns ins Bett und fragte, was wir heute machen würden, und dann tranken wir Kakao und bauten mit Legosteinen, und wenn wir aufbrachen zum Strand, war es schon nach elf, und ich wusste nicht, warum. Ich glitt zurück durch die Zeit, Davids erste große Ferien fühlten sich an wie meine eigenen, und wenn ich im Urlaub sonst schon mal gedacht hatte, dass es ja jetzt nur noch sieben Tage seien oder drei, bis es zurückgehe, war nun alles Gegenwart und für immer heute.

Nach der Rückkehr hatte David noch zwei Wochen frei, und ich blieb auch noch eine Woche zuhause. David hatte die Idee, dass wir alle Legobauten wieder auseinandernehmen und dann erneut zusammensetzen sollten. Ich nickte und dachte an die tibetischen Mönche, von denen ich mal gelesen hatte. Sie arbeiten mit voller Aufmerksamkeit an akkuraten und ausufernden Mandalas aus Sand, sie zeichnen sie tagelang mit dem Stock auf den Boden. Und wenn die Mönche fertig sind, wischen sie die Kunstwerke einfach aus. Dieser Akt gilt im Buddhismus als Symbol für die Vergänglichkeit des Lebens und für die Loslösung von der materiellen Welt. Die Mönche ziehen aus dieser Mandala-Meditation Kraft und Ruhe, und ein bisschen so ging es mir auch. Nur dass mein Mandala aus bunten Plastik-Steinchen war.

Verstecken im Wildpark

Inzwischen war es so, dass ich morgens nach dem Kakao David fragte: "Und, was machen wir heute?" Ich machte Ferien für zwei, ich erlebte sie doppelt intensiv. Wir fuhren mit Davids Freunden in den Wildpark. Wir spielten verstecken dort, und als ich mit den Händen vor den Augen laut bis 30 zählte, sah ich zwischen den Fingern, dass mich andere Parkbesucher anblickten. Sie guckten komisch, womöglich befremdet. Vielleicht aber auch neidisch.

Am Mittwoch beginnt das neue Schuljahr, sechs Wochen Ferien sind nun vorbei. Karl Ove Knausgårds Romane "Spielen" und "Leben" habe ich nicht gelesen. Aber das ist nicht schlimm.

Ich glaube, ich weiß, was drinsteht.

Quelle: RP
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