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Hilden
Mit den Augen Hans-Peter Feldmanns

Hilden. Der international gefeierte Künstler hat für sein Projekt "100 Jahre" Menschen jedes Lebensalters porträtiert. Die anrührende Foto-Arbeit des 75 Jahre alten Düsseldorfers ist zurzeit im Kunstraum Hilden zu erleben. Von Barbara Steingiesser

Dem Düsseldorfer Konzeptkünstler Hans-Peter Feldmann sitzt der Schalk im Nacken. Er fügt bürgerlichen Porträts aus dem 19. Jahrhundert neue Details hinzu, wie rote Pappnasen oder Tattoos. Er lässt die Nofretete schielen oder präsentiert anstelle von Bildern nur leere Wände mit Bilderhaken und rechteckigen Spotlights in den Abmessungen der fehlenden Exponate. Auch als er 2010 mit dem "Hugo Boss Prize" ausgezeichnet und im darauffolgenden Jahr mit einer Einzelausstellung im New Yorker Guggenheim Museum geehrt wurde, nahm Feldmann die Gesetze der Kunstwelt augenzwinkernd auf die Schippe, indem er in einem Ausstellungsraum das gesamte Preisgeld in Form von 100.000 gebrauchten Ein-Dollar-Scheinen ringsum an die Wände pinnen ließ.

Mit dem Projekt "100 Jahre" aber, das jetzt in Hilden zu sehen ist, hat sich der wohl humorvollste der deutschen Gegenwartskünstler internationalen Formats einem ernsten Thema zugewandt: dem Werden und Vergehen des menschlichen Lebens. In einer Serie von Schwarz-Weiß-Fotos hat er 101 Personen aus seinem Bekanntenkreis porträtiert, eine als Beispiel für jedes Lebensjahr eines großzügig mit 100 Jahren bemessenen Menschenlebens. Der Zyklus beginnt mit der acht Wochen alten Felina, die rücklings auf einem Lammfell liegt, und endet mit der 100 Jahre alten Maria Victoria, die in ihrem Sessel im Altenheim sitzt und den Besuch des Fotografen erwartet. In den Gesichtern spiegelt sich alles, was einen Menschen im Wandel seines Lebens prägt: das Selbstbewusstsein und die Neugier des Kleinkindes, pubertärer Trotz, jugendliche Aufbruchstimmung und der Ernst des Lebens. Enttäuschung und Freude, Trauer und Glück, Zweifel und Zuversicht.

Die Idee zu diesem Lebensalter-Projekt hatte der heute 75-jährige Feldmann vor gut 15 Jahren. "Ich wollte für mich selbst herausfinden", erklärt er, "wo ich im Leben stehe. Also habe ich meine Umwelt fotografiert, um zu gucken, wo ich mich in der Linie von 0 bis 100 wiederfinde." Die Altersstufen der ersten beiden Drittel hatte er bereits selbst durchlebt; von den meisten Angehörigen der darauffolgenden aber war er positiv überrascht, etwa von der 94-jährigen Elisabeth, die ihm voller Tatendrang im Garten mit der Gießkanne entgegenkam, oder von dem 87 Jahre alten Herrn mit weißem Hemd, weißer Hose, Fliege und Panama-Hut, dem Düsseldorfer Ehrenbürger und Widerstandskämpfer Aloys Odenthal (1912-2003). Die Begegnungen mit diesen Menschen und ihren Geschichten waren nebenbei eine Art von Selbsttherapie. Sie haben dem Künstler die Angst vor dem Alter genommen.

Auch der Betrachter, der an diesen Porträts vorübergeht, die sich entlang den Wänden des Ausstellungsraumes wie Perlen einer Kette aneinanderreihen, wird seinem eigenen Lebensalter ins Gesicht blicken. "Fotos sind nur Farbe auf Papier", sagt Feldmann, "aber ein Bild kann Auslöser sein für Fantasien. Es ist das, was im Kopf passiert, was zählt." Und Schwarz-Weiß-Aufnahmen - davon ist Feldmann überzeugt - regen die Vorstellungskraft in besonderem Maße an. "Die sind in meinen Augen bunter als viele Farbfotos", sagt er. So lenken hier keine lauten Farben von den leisen Tönen ab, von den Ausdrucksschattierungen der Gesichter, die sich dem Betrachter zuwenden. Davon bleibt niemand unberührt. Doch Feldmann weiß auch: "Ein Bild ist zu wenig, um das Ganze zu verstehen." Deshalb befasst er sich seit fast fünf Jahrzehnten unter anderem damit, nicht nur in Ausstellungen, sondern auch in Heften und Büchern, gefundene und selbst aufgenommene Fotos zusammenzutragen, die dann "in ihrer Gesamtheit mehr ergeben als nur die Summe der Bilder".

"100 Jahre" ist eine weitgereiste Ausstellung, die schon einige Stationen hinter sich hat. Entstanden ist das Projekt in Verbindung mit einer Schau im Museum Folkwang Essen. Die vorige Etappe war Montreal, die nächste wird das Ausstellungshaus für Fotografie C/O Berlin sein. "Es macht keinen Sinn, das nur einmal zu zeigen", sagt Feldmann. "Wenn die Rolling Stones jeden Song nur einmal singen würden, das wäre doch auch sinnlos, oder?" Dazu passt, dass er seine Werke grundsätzlich nicht datiert, limitiert, nummeriert oder signiert.

Als alle Bilder hängen und nur noch von ihren Schutzfolien befreit werden müssen, geht Hans-Peter Feldmann noch einmal an der langen Reihe der verschieden alten Menschen vorbei. Federnden Schrittes und mit einem Lächeln auf den Lippen.

Quelle: RP
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