| 09.54 Uhr

Mit Franz Schubert in den Abgrund

"Die schöne Müllerin", die "Winterreise" und der "Schwanengesang" liegen jetzt in spannenden neuen Aufnahmen vor. Von Christoph Vratz

Ein schwarzhaariger Mann, der sich in Gesellschaft seiner Zeitgenossen unbehaglich fühlt und einsam durchs winterliche Eis stapft. Ein Zweiter, der seiner großen Liebe über den Weg läuft und aus Verdruss darüber, dass aus ihnen beiden nichts werden kann, sich im Fluss ertränkt. Ein Dritter, der im nächtlichen Dunkel seinem Widersacher begegnet und beim zweiten Hinschauen sich selbst als Schatten-Doppelgänger entlarvt.

Drei düstere Situationen. Doch diese Szenen stammen nicht aus Filmen ohne Happyend, sondern aus Liedern. Nicht von heute, sondern von vor knapp 200 Jahren. Alte Kamellen? Mitnichten. Die Stoffe sind brandheiß und aktueller denn je.

Franz Schubert hat mit seinen großen Liederzyklen nicht nur Musikgeschichte geschrieben, er hat mit der Klangwerdung der Texte von Wilhelm Müller, Heinrich Heine und Ludwig Rellstab so tief in unsere Seelen geblickt, dass wir von der Gültigkeit dieser Beobachtungen immer noch gerüttelt und gepackt werden. Kein Wunder, dass "Die schöne Müllerin", "Winterreise" und "Schwanengesang" ununterbrochen von allen großen Sängern im Konzert und auf CD gesungen werden.

Dabei ist die ästhetische und stilistische Interpretations-Vielfalt in der Zeit nach Jahrhundertsänger Dietrich Fischer-Dieskau größer geworden, auch weil die meisten Sänger diese Werke sogar mehrfach aufnehmen. Von Christian Gerhaher stammt bereits eine "Schöne Müllerin" von 2003, und auch der Däne Bo Skovhus hat Mitte der 90er Jahre bereits einen "Schwanengesang" vorgelegt, Florian Boesch 2011 eine "Winterreise", und Matthias Goerne hat diesen Zyklus bereits dreimal auf CD dokumentiert, jetzt auf DVD. Langeweile durch Wiederholungen? Nein. Dafür jede Menge Verfeinerungen, Modifizierungen, größere Detailschärfe, Reife.

Auch Roman Trekel hat die "Winterreise" bereits zweimal dokumentiert, zuletzt vor zehn Jahren, zeitnah mit einer "Schönen Müllerin". Was fehlte, war der "Schwanengesang" - bis jetzt. Zunächst fällt auf, dass Trekel und sein Klavierpartner Oliver Pohl nicht auf die heute übliche, wenn auch umstrittene Reihenfolge der Lieder setzen. Als eine Art Prolog dient das Lied "Schwanengesang" D 744, die Vertonung nach einem Text von Johann Chrysostomus Senn. Anschließend folgen vier thematisch verwandte Lieder, darunter "Meeres Stille" und "Totengräbers Heimweh", darauf die Heine-Vertonungen, schließlich die (um "Herbst" D 945 erweiterten) Rellstab-Lieder und zuletzt die "Taubenpost".

Trekels Stimme hat sich ein wenig eingedunkelt, sie mag gaumiger, sicherlich samtiger erscheinen, was vor allem Titeln wie dem "Doppelgänger" zugute kommt: Geradezu gespenstisch wirkt sein Vortrag, wenn aus der Mischung von Flüstern und Rezitativ die lauten Höhepunkte erwachsen, in die Trekel alle Bitterkeit legt. Die Welt als Ballast und Bürde. Es sind diese dynamischen Kontraste und die vielen leisen Passagen, mit denen beide Musiker ihren Schubert zum Seelenstriptease weiten. Trekel wendet den Blick nach innen, zieht ein Piano vor, wo auch ein Mezzoforte möglich wäre. So bekommt diese Aufnahme einen ungemein intimen Charakter. Das ist durchaus eigen, aber stimmig, trotz oder auch wegen der vergleichsweise moderaten Tempi. Innerhalb der "Schwanengesang"-Diskographie rückt diese Produktion in eine Nische mit eigenem Geltungsanspruch, einerseits wegen der ungewohnten programmatischen Abfolge und zum anderen wegen der markanten Deutung.

Auch Bo Skovhus und Stefan Vladar haben bei ihrem "Schwanengesang" an der Reihenfolge geschraubt. Am Beginn stehen einige Seidl-Vertonungen, es folgt auch hier erst die Gruppe der Heine-Lieder, dann Rellstab. So entsteht ein Bogen von "Sehnsucht" zu Beginn bis "Abschied" als letztem Titel. Auch darüber kann man, soll man, darf man diskutieren.

Wie bereits bei ihrer Aufnahme der "Schönen Müllerin" hinterlässt der ausgewählte Yamaha-Flügel einen unglücklichen Eindruck, denn die Qualität von Stefan Vladars Klavierspiel wirkt gemindert. Manche seiner Ideen und Anschlagsfinessen erfahren nicht die Würdigung, die sie verdient hätten. Bo Skovhus singt, wie Trekel, mit großer Text-Prägnanz, stellenweise mit einer den Liedern angemessenen Text-Gewalt. Gerade die bitteren Momente, "Die ganze Welt der Schmerzen muss ich tragen", gelingen besonders ausdrucksstark: leidend, aufbegehrend, existenziell. Der gespenstischen Ruhe der statischen Akkorde am Beginn von "Am Meer" lassen die beiden Interpreten rasch eine Wendung ins Idyllische folgen. Doch entsteht dabei kein Belcanto im worteigentlichen Sinne: Das ist nicht Gesang um der Schönheit willen, sondern mit der Botschaft des Fahlen, Herbstlichen.

Skovhus und Vladar kennen einander lange und harmonieren sehr gut. Sie haben diese Musik auf viele Details hin abgeklopft und stimmen das Wort-Ton-Verhältnis genau aufeinander ab. Ein Ansatz, der belegt: Schubert komponiert so modern, so biedermeierfern, so schonungslos und doch so poetisch, dass es kein Mindesthaltbarkeitsdatum für diese Musik gibt.

Die "Winterreise" ist weniger zerklüftet als die einzelnen Gruppen im "Schwanengesang". Sie ist ein richtiger Zyklus. Bei Bariton Florian Boesch sind die gewachsenen Unterschiede beim Umgang mit diesem Werk markant, obwohl zwischen seinen beiden Einspielungen nur fünf Jahre liegen. Seine Tempi weichen in mehrfacher Hinsicht von denen der früheren Aufnahme ab. Jetzt ist er zügiger unterwegs, sehr deutlich etwa im "Leiermann". Insgesamt ist Boesch nun sechs Minuten früher am Ziel.

Sein Vortrag wirkt insgesamt dichter, an einigen Stellen von einer größeren, gestalterisch genau kalkulierten Unruhe durchdrungen, wie in der "Post", deren rhythmisches Pochen jetzt weniger wie das ausschließliche Signal der Postkutsche wirkt, sondern zugleich wie ein nervös pochendes Herz. Während der "Greise Kopf" in der früheren Einspielung wie ein Entsagungs-Traktat eines philosophierenden Außenseiters erscheint, wirkt die neue Lesart weniger menschenscheu und weniger niedergeschlagen. Roger Vignoles erweist sich als aufmerksamer Partner am Klavier, dem etwa die rhythmischen Impulse in "Irrlicht" mit einer Mischung auf fahlem Leuchten und prägnanter Unerbittlichkeit gelingen - eine in sich schlüssige, keine spektakuläre Aufnahme.

Eine bebilderte "Winterreise" liefern Matthias Goerne und Markus Hinterhäuser aus Aix-en-Provence auf DVD. Mit dem südafrikanischen Künstler William Kentridge haben sie eine visuelle Inszenierung auf die Bühne gebracht. Künstlerisch eindrucksvoll, bietet darüber hinaus eine knapp einstündige Dokumentation Nah-Einblicke in die Probenarbeit und in die Ideen, die diesem Konzept zugrunde liegen. Sie ist mehr als die sonst üblichen Hintergrundfilmchen.

In der "Schönen Müllerin" gelangt ein junger Müllersbursche bei seiner Wanderung am Bach entlang zu einer Mühle. Die Tochter des Meisters hat es ihm angetan, doch zu einer Liaison kommt es nicht. Die Dame zieht ihm einen Jäger vor. Weltabgewandt sucht er Erlösung im Tod - in einem Bach! Der Gedichtzyklus von Wilhelm Müller umfasst eigentlich 25 Texte, 20 davon hat Franz Schubert vertont. Bei seiner Neueinspielung setzt Christian Gerhaher nun auf die komplette "Müllerin", soll heißen: Er rezitiert die von Schubert ausgelassenen Texte. Im Gegensatz zur "Winterreise" oder Schumanns "Dichterliebe" ist die "Müllerin" der einzige große Liederzyklus mit durcherzählter Handlung, und Gerhaher möchte diesen narrativen Charakter hervorheben. Schon die Rahmung ist anders: Der Tonfall in "Prolog" und "Epilog" ist ein anderer. Wilhelm Müller zeigt eine, wie Gerhaher betont, "bis an Sarkasmus grenzende Ironie".

Das hat Konsequenzen für die Interpretation. Anders als in seiner früheren Aufnahme betont Gerhaher stärker die Momente der Bitterkeit. Da durchlebt man nicht mehr eine Postkarten-Kulisse mit "Bach", "Mond", "Wald" und "Blümelein". Es entsteht vielmehr eine gefährdete Welt, voller Abgründe, eine schwarze Welt, in der dauerhaftes Liebesglück ohne Chance bleibt. In Gerold Huber hat Gerhaher einen Pianisten zur Seite, der diese Ideen mitträgt und mitprägt. Im weiteren Verlauf wird dem Hörer immer klarer, dass bereits in den ersten Liedern eine Melancholie als Subtext mitschwingt, die auf den späteren Weg in den Tod vorausdeutet.

Eine großartige Aufnahme, minutiös, aber nie gelehrig oder belehrend. Das ist Liedgesang auf höchster Ebene, so dass diese Produktion neben denen mit Fritz Wunderlich und wenigen anderen als neuer Maßstab geführt werden darf.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Mit Franz Schubert in den Abgrund


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.