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Düsseldorf
Mörder ohne Fratze

Düsseldorf. Die Uraufführung von "Barbie - Begegnung mit dem Bösen" in Düsseldorf ist mehr Hörspiel als Theater. Andreas Grothgar spielt den NS-Massenmörder. Von Annette Bosetti

Haben böse Menschen eine Fratze? Und sprechen sie stets mit schneidender Stimme? Sind ihre Gesten verräterisch, aggressiv?

Im Falle eines der tausend bösesten Deutschen jüngerer Geschichte, im Falle des Klaus Barbie (1913-1991), kann man auf solche Fragen keine andere Antwort geben als diese: Täter, selbst Massenmörder wie er, entlarven sich nicht durch einschlägige Attribute. Sie rekrutieren sich meist aus einem ganz normalen Milieu. Sie sind vielleicht nie besonders aufgefallen außer durch ihre grausamen Taten. Sie haben sich durchs Leben laviert, haben Befehle durchgeführt, wenn es welche gab, neuen Herren gedient, wenn alte die Macht verloren hatten.

Auch Klaus Barbie, der berüchtigte Gestapo-Chef von Lyon, der in Frankreich "Schlächter" genannt und in jedem Schulbuch aufgeführt wird, weil er tausende Menschen auf grausamste Art und Weise gefoltert oder ums Leben gebracht hatte, auch er war von dieser Sorte. Ein Wolf im Schafspelz, ein Normalo, in allem Mittelmaß, nur im Morden überdurchschnittlich effektiv.

24 Jahre nach seinem Tod bringt man diesen Schwerverbrecher des sogenannten "Dritten Reichs" auf die Bühne des Central, der Ausweichstätte des Düsseldorfer Schauspielhauses. Der Mime Andreas Grothgar verleiht in "Barbie - Begegnung mit dem Bösen" der Titelrolle Gestalt und Stimme. Den Schädel kahl rasiert, sitzt er meist aktionslos in einem grell beleuchteten schwarzen Kubus, der eine Zelle sein kann. Und er spricht. Pausen werden mit Donnerschlägen und Dunkelheit markiert. Grothgar erzählt beherrscht, so wie Barbie erzählen würde, wenn er noch lebte: in Originaltönen, nach einem Manuskript, das aus zum Teil noch nie veröffentlichtem Archivmaterial zusammengesetzt wurde. Ein preisgekröntes Hörspiel mit gleichem Titel und Autor wie das Theaterstück lag schon vor. Für die Bühne hat Leonhard Koppelmann weitere Quellen hinzugezogen wie Selbstzeugnisse des SS-Mannes, Protokolle eines 14-stündigen Interviews von "Stern"-Reporter Gerd Heidemann mit ihm und Recherchen von Peter F. Müller, die auf die Zeit weisen nach dem Krieg, als dieser SS-Täter mithilfe von Amerikanern und des Vatikans unerkannt weiterleben, emigrieren und agieren konnte. Obwohl zwei Todesurteile in Frankreich gegen ihn vorlagen, wurde er erst 1983 in diesem Land vor Gericht gestellt und zur Rechenschaft gezogen.

Am Ende ist ein zwar unterkühltes, doch recht subtiles Sprechstück entstanden, das von Textprojektionen flankiert wird, die Geschichte erklären. Das Normale, Alltägliche wird ausgestellt, erst in zweiter Reihe die Deformation des Charakters. Je nachdem, was ein Besucher schon vorher wusste, wird er Worte mit den unvorstellbaren Taten gegen die Menschlichkeit verknüpfen, die vage anklingen: Dass sich Barbies erstes Manöver gegen schwule Männer der Hitler-Jugend richtete. "Fettes Schwein" nennt der Menschlächter einen, den sie hinterher folterten. Mit Worten verrät er den Grad seiner Gemeinheit. Dann ist es "der Jude", Erschießungen in Amsterdam. Zu gleichen Teilen verächtlich und heldenhaft färbt sich Grothgars Stimme, als er davon erzählt: "Da spritzte der ganze Laden weg." Von der Zeit als Gestapo-Chef im besetzten Frankreich, wo er von seinem Quartier aus im Lyoner Hotel "Terminus" die Widerstandsbewegung brechen sollte, werden Eckdaten genannt. Dass er Menschen Knochen und Rückgrat zertrümmerte, Köpfe zertrat, sie grausamst zu Tode folterte, seinen Schäferhund auf sie hetzte - dazu vernimmt man: "Ja, wir waren ziemlich hart."

Den Kern der Gewalt gibt das in die Zeit passende Stück verschlüsselt preis. Mit allzu wenig theatralischen Mitteln beschränkt es sich auf die Rechtfertigung. Reue hat Barbie nicht gezeigt. Ohne seine große Schuld einzugestehen, ist der an Krebs erkrankte Häftling gestorben.

Für das Lehrstück über das Böse im Menschen und Andreas Grothgar gab es ordentlichen Applaus.

Quelle: RP
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