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Im harmlosen Detail steckt das Grauen

Der Schweizer Martin Suter ergründet mit seinem neuen Roman "Montecristo"die unkontrollierte Macht des Geldes. Von Frank Dietschreit

Seit Jahren schlummert ein Film-Script mit dem Titel "Montecristo" in der Schublade von Jonas Brand. Denn irgendwann hatte er keine Lust mehr, für seine moderne Kino-Variante des alten Romans von Alexandre Dumas ("Der Graf von Monte Christo") von Film-Produzenten und Kultur-Förderungsfonds nur Ablehnungen zu kassieren. Seitdem schlägt sich der verhinderte Drehbuch-Autor als Video-Journalist durch und produziert Klatsch-Geschichten über Stars und Sternchen für ein blödsinniges TV-Lifestyle-Magazin.

Da hätte es ihn eigentlich stutzig machen müssen, dass ihm plötzlich alle Türen im Filmbusiness offenstehen, dass er mit Geld zugeschüttet wird und ihm ein komplettes Film-Team zur Verfügung steht, um jetzt einen Film zu drehen, für den sich noch gestern niemand zu interessieren schien. Auch als man ihn drängt, sich sofort auf Recherche-Tour nach Fernost aufzumachen und ihm dort Drogen untergeschoben werden - deren Fund ihn offensichtlich für immer ins Gefängnis bringen sollen - will Jonas Brand sich nicht eingestehen, dass ihn irgendjemand ablenken will von etwas Wichtigem: von einer monströsen und tödlichen Gefahr, die er flüchtig wahrgenommen, aber nicht wirklich begriffen hat.

Der Schweizer Bestseller-Autor Martin Suter schafft es wie kaum ein anderer, mit leichthändiger Eleganz und feinsinniger Ironie Geschichten zu erzählen, in denen Kunst und Kommerz, Geld und Politik, Macht und Medien eine ebenso abgründige wie spannungsreiche Verbindung eingehen. Hinter den kleinen Gaunern stehen oft große Interessen. Lokale Todesfälle entpuppen sich als Puzzleteil einer globalen Verschwörung. Nur wer dem Zufall auf die Schliche kommt und im scheinbar harmlosen Detail das nackte Grauen entdeckt, kann das Böse im Banalen entdecken.

Wie der Fotograf in Michelangelo Antonionis Kult-Film "Blow Up" muss auch Jonas Brand in Suters Roman "Montecristo" erst seine Aufnahmen alltäglicher Vorgänge genauer betrachten, um zu kapieren, dass er zufällig auf kriminelle Vorgänge gestoßen ist, die nicht nur die Schweizer Banken, sondern auch das globale Finanz- und Wirtschaftssystem zum Kollabieren bringen könnten.

Es beginnt mit einem "Personenschaden" bei einer Fahrt im Intercity, bei dem der vermeintliche Selbstmord eines Börsianers auch ein kalt geplanter Mord sein könnte. Und was hat es mit den beiden Hundertfranken-Scheinen mit identischer Serien-Nummer auf sich, die Jonas Brand in seiner Geldbörse findet? Beide Scheine, so wird ihm von seiner Bank versichert, seien absolut echt. Doch wie kann das sein, wo doch normalerweise Fehldrucke sofort erkannt und dann vernichtet werden?

Brand beginnt, nachzuhaken, unliebsame Fragen zu stellen; und allmählich ahnt er, dass der Tod des Börsianers, der mehrere Milliarden verzockt hat, und die Herstellung nummerngleicher Banknoten nur Bausteine einer finanzpolitischen Verschwörung sind. Wer da warum, mit wem und mit welchem Effekt kungelt und mordet, soll hier nicht verraten werden. Auch ob es Jonas Brand gelingt, als investigativer Journalist die kriminellen Finanzmanipulationen aufzudecken und zugleich als Film-Regisseur seine künstlerischen Ambitionen mit Hilfe der dubiosen Geldgeber umzusetzen.

Die Verführbarkeit ist jedenfalls genauso groß wie die Macht des Geldes, die Politiker zu hilflose Statisten degradiert. Wo das Überleben "systemrelevanter Banken" wichtiger wird als das Wohl der Menschen, könnte vielleicht die Liebe ganz heilsam sein. Hofft Jonas Brand. Oder ist Marina, seine neue Freundin, auch Teil des Überwachungs-Apparates, der alles wissen und nichts zu Zufall überlassen will? Wahrheit und Lüge, Sein und Schein: Wer kann das noch unterscheiden?

Marin Suter nimmt uns mit auf eine ziemlich desillusionierende Odyssee durch menschliche Abgründe.

Quelle: RP
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