Von Rock bis Blues: 1960: Ray Charles - Genialer Gebrauchsmusiker
VON ANDREAS HUBER - zuletzt aktualisiert: 30.12.2004 - 07:00Düsseldorf (RP). Als am 10. Juni 2004 die Nachricht vom Tode Ray Charles' um die Welt ging, reagierte die globale Pop-Gemeinde bestürzt. Auch die Kritiker würdigten den Mann am Klavier, den Billy Joel einst den "Architekten des Rock´n Roll" nannte, in zahlreichen Nachrufen. Zu Recht. Galt Charles doch als einer der charismatischsten, beliebtesten und einflussreichsten Musiker der Popwelt.
Ray Charles Robinson wurde am 23. September 1930 in Albany im US-Bundesstaat Georgia geboren und wuchs ohne Vater in ärmlichen Verhältnissen auf. Mit sechs Jahren erkrankte er am Grünen Star und erblindete kaum zwölf Monate später. Bereits als 15-jähriger Teenager war er nach dem tragischen Verlust von Bruder und Mutter Vollwaise. Allen Widrigkeiten zum Trotz begann Ray Charles damals seine musikalische Ausbildung in der St. Augustine-Blindenschule in Florida.
Soulman schlechthin
Mit 17 gründete er seine erste Band (Maxim Trio) und spielte 1949 erste (Jazz-)Schallplatten für das Swing Time-Label ein. Anfang der 50er Jahre wechselte er zum Branchenführer Atlantic und entwickelte als Pianist und Sänger seinen unverwechselbaren Stil. Er wurde der Soulman schlechthin: Erstmals kombinierte ein Musiker bis dato unvereinbar geltende Blues- und Gospelelemente.
Mit diesem revolutionären Crossover aus „Sex und Salvation“ durchbrach Ray Charles sämtliche bekannten Schranken und entwickelte sich zum Vorbild für Rock- und Popstars wie die Beatles, Elvis Presley und B.B. King. Seine Songs ("What‘d I Say") liefen nicht nur in US-Jukeboxen auf Powerrotation, sondern gehörten zu Beginn der "Swinging Sixties" auch zum Standardrepertoire von (Cover-)Bands wie den jungen Rolling Stones oder den Beach Boys.
Dann, auf dem Zenit seiner Karriere, überraschte er weiße und schwarze Popfans, indem er Western- und Country-Melodien in sein Repertoire aufnahm. Die Alben "Modern Sounds in Country and Western Music Vol. 1 + 2" verkauften sich 1962 in Millionenauflage. Es war unglaublich. Und gipfelte darin, dass man für ein Konzert des Ray Charles Orchester im Star Club in Hamburg satte 20 Mark zahlen musste. Eine für damalige Verhältnisse astronomische Summe, hatte man sich bis dato in Shows von Rock´n Roll-Helden wie Bill Haley, Little Richard oder Jerry Lee Lewis für zwei Mark einkaufen können.
Outing als Junkie
Seinen einzigen Karriereknick musste Ray Charles hinnehmen, als er 1964 in Boston wegen Heroinbesitz verhaftet wurde und sich im Polizeiverhör als Junkie outete. Nach fälliger Entziehungskur gab Bruder Ray sein Geld vorzugsweise für Martin Luther King aus, den er bewunderte, und für Frauen, die er liebte. Letztgenannte waren häufig nicht die eigenen, was eine handvoll (verlorener) Vaterschaftsklagen nach sich zog. Unvergessen bleibt sein Cameo-Auftritt ("Shake Your Tailfeather") in der Kultklamotte "Blues Brothers" (1980), der, bei allem Respekt vor Aretha Franklin und James Brown, richtig rockt.
Obwohl sich Ray Charles seiner Bedeutung durchaus bewusst war, blieb er immer bescheiden. Das Lob von Frank Sinatra, der ihn als das einzige Genie im Business adelte, kommentierte er lakonisch mit den Worten: "Ich bin kein Jazzer, aber ich kann Jazz spielen. Ich bin kein Blues-Sänger, aber ich kann den Blues singen. Ich bin kein Country & Western-Sänger, aber ich kann Country singen. Ich bin ein Gebrauchsmusiker. Deswegen bin ich noch da!"
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