Grunge-Wegbereiter: 1990: Pearl Jam - Süßes aus Seattle
VON GIANNI COSTA - zuletzt aktualisiert: 29.01.2005 - 07:00Düsseldorf (RP). Die Musik von Pearl Jam ist emotionaler, trauriger Grunge-Rock. Ein Gemisch, das die Wirkung einer schlechten Nachricht hat, die ein wenig deprimiert und die einen die Vorhänge zuziehen lässt. Das Seattle Anfang der 90er Jahre war einfach ein gutes Pflaster, um an einer ordentlichen Rock 'n' Roll-Karriere zu basteln.
Dutzende mehr oder minder begabte Gruppen tummelten sich dort. Praktischerweise schufen die Nachwuchskünstler mit Grunge gleich ein eigenes Musikgenre. Mittendrin Pearl Jam. Ein Haufen idealistischer Hippies, der auf kommerzielle Totalverweigerer macht, kaum Interviews gibt und nur dann auf Tournee geht, wenn es unbedingt sein muss. Sie gehörten zu den Identifikationsfiguren einer ganzen Generation. Mehr als zehn Jahre danach ist von der Bewegung nicht mehr viel übrig. Pearl Jam ist indes geblieben.
Eddie Vedder ein Glücksgriff
Es ist das Jahr 1988. Irgendwo in Seattle. Die lokalen Musiklieblinge Green River haben sich nach drei mäßigen Alben gerade in die Formationen Mudhoney und Mother Love Bone aufgespalten. Zwei Bands, die sich schnell einen Ruf weit über die Grenzen der Boeing-Stadt erschraddeln. Sie entwickeln sich zu den Wegbereitern einer Musikbewegung, die schon bald unter dem Label Grunge ihren Siegeszug weltweit antreten wird. Doch zunächst gilt es, einige Rückschläge zu verkraften. Andrew Wood, Sänger von Love Bone, stirbt an einer Überdosis Heroin. Als Woods Nachfolger schlägt Jack Irons, zuvor Schlagzeuger der Red Hot Chili Peppers, den übrigen Bandmitgliedern einen gewissen Eddie Vedder vor. Ein Glücksgriff, wie sich später herausstellen soll - 1990 ist die Geburtsstunde von Pearl Jam.
Vedder ist ein Besessener. Er hat mit dem oftmals oberflächlichen Pop-Zirkus nicht viel am Hut. Die Musik von Pearl Jam, die Band benennt sich nach einer von Vedders Großmutter gekochten Marmelade, ist emotionaler, trauriger Rock. Ein Gemisch, das die Wirkung einer schlechten Nachricht hat, die ein wenig deprimiert, die einen die Vorhänge zuziehen lässt. Doch gerade dafür werden sie geliebt. Sie bedienen das Lebensgefühl einer ganzen Generation. Ihre erste LP "Ten" ist ein absoluter Kassenschlager - bis heute verkaufte sich das Album weltweit fast zehn Millionen Mal. Es ist ihre Eintrittskarte in den Rock-Olymp. Die Band erhält ein Dutzend Auszeichnungen, wird vom US-Magazin "Spin" 1992 zum Aufsteiger des Jahres gekürt.
Eddie Vedder ist ungewollt Anführer der Bewegung. Die Marke Grunge-Rock zieht eine ganze Industrie hinter sich. Mode, Frisuren, Einrichtung - für alle Lebenslagen finden sich die passenden Produkte. Es ist eine ruhmreiche Zeit, es ist allerdings auch das Ende vieler Ideale. Einen Ruhm, den Pearl Jam eigentlich gar nicht wollten. "Wir konnten uns den Luxus leisten, das Drehbuch zu unserem eigenen Arbeitsleben zu schreiben", verrät Eddie Vedder später in einem Interview. "Dieses Skript beschränkt sich auf eine einzige Zeile: ,Make music'. Alles, was darüber hinausgeht, erfüllt uns nicht gerade mit Enthusiasmus. Es ist nun mal schwer, in Preisverleihungen und Interview-Marathons eine Inspirationsquelle zu sehen."
Tragödie von Roskilde
Nach dem Tod von Nirvana-Sänger Kurt Cobain im April 1994 steigt Pearl Jam endgültig zur meist beachteten Grunge-Band auf. Die Gruppe reagiert darauf auf ihre ganz eigene Weise. Fortan meiden Vedder und Anhang die Öffentlichkeit, produzieren keine Musikclips mehr, ziehen sich aus dem Rampenlicht zurück. Sie legen sich mit dem Konzertkarten-Vertreiber Ticketmaster an, um die Eintrittspreise für ihre Konzerte niedrig zu halten. Sie arbeiten mit Neil Young an dem gemeinsamen Projekt "Mirror Ball". Erst 1998 kehren die Musiker aus Seattle wieder zurück ins Rampenlicht - um die Platte "Yield" zu promoten.
Pearl Jam füllt die größten Hallen und spielt auf vielen Festivals - auch in Europa. Doch am Ende steht eine der größten Katastrophen der Rock-Geschichte. Beim Roskilde-Festival in Dänemark kommt es zum Massensturz im Publikum. Neun Zuschauer werden zu Tode gequetscht. Zu dem Zeitpunkt stehen Pearl Jam gerade auf der Bühne. Es ist das Bild des weinenden Vedder, das um die Welt geht. "Nach diesem Tag, war nichts mehr wie zuvor", sagt er. "Es ist ein verrücktes Geschäft." Den Opfern der Tragödie widmet die Band das Stück "Love Boat Captain."
Band: Eddie Vedder (Gesang), Stone Gossard (Git), Jeff Amment (Bass), Mike McCready (Git) und Matt Cameron.
Problem: Die Position des Schlagzeugers wurde bei Pearl Jam immer wieder neu besetzt. Dave Krusen ('90 bis '91), Matt Chamberlain ('91), Dave Abbruzzese (bis '94) und Jack Irons. Seit 1998 ist Cammeron dabei.
Erfolge: (Auszug) "Ten" (1991). "Vs." (1993), "Binaural" (2000), am 15. November erschien das Best-of-Album "Rear view Mirror".
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