Europa-Tournee: Leonard Cohen – der weise Mönch

VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 06.10.2008 - 07:42

(RP) In Berlin eröffnete der Sänger vor 12.000 Menschen seine Europa-Tournee. Es war ein Konzert von wunderbarer Schönheit. Am Ende bedankte sich das Publikum beim 74-Jährigen, dass es das Geheimnis des Lebens erfahren durfte.

Leonard Cohen Foto: SonyBMG
Leonard Cohen Foto: SonyBMG

Als ein Spotlicht vom anderen Ende der gewaltigen O2-Arena in Berlin ausgesandt wird und den Mann mit Hut auf der Bühne erleuchtet, da hat man doch den Eindruck, dass das hier eine Messe ist. Dieser Mann ist Leonard Cohen, er ist 74 Jahre alt und der sanfteste Sänger im Schattenreich der Träume und Hoffnungen. Aber nicht nur das. Wenn man erlebt hat, wie seine Musik Paare verbindet, wie sie nebeneinander eintraten und umschlungen herauskommen, möchte man sagen: Er ist auch ein Heiler.

Leonard Cohen ist nach 15 Jahren wieder auf Tournee in Europa. Die Rückkehr hat profane Gründe: Er braucht das Geld, erzählt er in Interviews, denn seine Managerin hat ihn um sein Vermögen gebracht. Neun Millionen Dollar soll sie veruntreut haben, während er bei einem fünfjährigen Aufenthalt in einem kalifornischen Kloster den Buddhismus und die absolute Hingabe erlernte, sich "Jikan" nannte, was so viel wie Stille bedeutet. Nicht wenige dankten heimlich der bösen Frau während dieses Auftaktkonzertes für diese Begegnung mit Leonard Cohen. Es wurde ein Erlebnis, und wer dabei gewesen ist, der wird diesen Begriff nicht für übertrieben halten: reinigend.

Cohen, der sein erstes Album vor 40 Jahren veröffentlichte, ist ein anderer geworden. Nicht mehr der "ladies' man", sondern ein altersweiser Mönch. Er steht da, die Augen geschlossen, das schöne Gesicht zum Himmel erhoben, die Hände zu Fäusten geballt. So nimmt er die Weisung entgegen und übersetzt sie uns in seine Verse. "So long, Marianne", "Bird on a Wire", "Suzanne", "Sisters of Mercy" und "Tower of Song" heißen die Lieder, die von der Liebe erzählen, vom Leben und von anbetungswürdigen Frauen, die nach Erlösung suchen in Schmerz und Wirrnis.

Im Publikum sitzen Männer, die schon Camus lasen, als der noch lebte, und Schals tragen, obwohl es nicht zieht. Frauen um die 60, die sich an Zeiten erinnern, als alles noch eine Zukunft hatte, das Lieben auch. Und die Jungen, die die Lieder des Meisters zuerst in Coverversionen kennengelernt haben, von Nick Cave, Johnny Cash, REM. Sie alle wirkten beseelt von Leonard Cohen, der sich oft verbeugt, den Hut zieht und damit sein Herz bedeckt, der sich bedankt und später sogar niederkniet. Worte kommen einem in den Sinn, die man selten spricht: Demut. Cohen strahlt vor Spiritualität.

Seine Stimme ist noch schöner geworden. Sie ist tiefer, das ist der Bariton des magischen Realisten. Gelassenheit umgibt ihn. Ihn, der jahrelang auf der griechischen Insel Hydra in einer Hütte am Meer gelebt hat. "Seid auch gelassen, seid heiter", sagt er. "Wir sind alle verwundet, aber durch die Brüche im Leben sieht man das Licht."

Eine neunköpfige Band unterstützt den Sänger. Sie sind gut eingespielt. Eine spanische Gitarre kündet von der Sehnsucht. Folk, Jazz, Weltmusik. Selbst der Schlagzeuger trägt einen Dreiteiler, und natürlich streichelt er die Felle nur. Die Background-Sängerinnen scheinen aus dem Feenland zu stammen. Immer wieder stellt Cohen seine Gefährten vor, dankt ihnen, dankt dem Publikum, "eine Ehre" sei das. In den 90ern hatte sich Cohen gefürchtet, er wusste nicht, vor was, und soff drei Flaschen Wein vor den Auftritten. Er fand sein Heil in der Demut, und er singt "repent, repent, repent", er möchte, dass wir bereuen, und manche weinen, als sie das hören.



Cohen war ein Dichter, bevor er zum Sänger wurde. Der Jude aus Montreal galt als großes Talent unter den kanadischen Lyrikern, aber er verkaufte zu wenige Bücher. Also vertonte er seine Gedanken, und damit berührte er die Herzen vieler, die zu der Zeit jung waren, als irgendwie alle jung waren, in den 1960er Jahren. Cohen war Existenzialist, aber nicht so richtig. Man hörte ihn in den Studentenbuden, in den Betten, man hörte ihn beim Lesen und Diskutieren. In der ersten Hälfte des Programmes beschwört er diese Jahre. Sie erscheinen als Zeit der Hoffnung.

Im zweiten Teil spielt Cohen mit dieser Vergangenheit. Er erzählt vom Alter, spricht Verse ohne Musik, und er fragt, ob man wissen möchte, wie die Antwort auf das kosmische Rätsel namens Leben lautet. "Ja", rufen alle. Cohen lächelt milde, und dann greift er tief in den Honigtopf, sagt die Antwort, sagt mit dieser unglaublichen Stimme: "Du dam, du dam, dam dam, dadam". Ein ungeheuerlicher Ausbruch schüttelt die Halle, und kurz danach bringt Cohen seine Jünger mit dem Song "Hallelujah" zur Ekstase. Sie schreien auf wie erlöst, einige rennen nach vorn, weil sie dem Mann im dunklen Anzug nah sein wollen, sie wollen das nächste Lied mitsingen: "First we take Manhattan, then we take Berlin". Er hat die 12.000 in der Halle mitgenommen; jetzt sind sie bei ihm.

Als Cohen sich nach über drei Stunden und sieben Zugaben verabschiedet, applaudieren die Zuhörer im bestuhlten Saal im Stehen. Sie bedanken sich dafür, dass er sie beschenkt hat, dass sie die Einmaligkeit erfahren durften. Sie bedanken sich für die Beglückung und dafür, dass sie nun das Geheimnis kennen. Du dam, du dam, dam dam, dadam.


Nächstes Konzert: 2. November, 20 Uhr, König-Pilsener-Arena Oberhausen

Quelle: RP

 
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Autor: Tante Lisbeth | 20.10.08 21:13 (1/4)
Cohen Konzert Oberhausen 02.11.
Hallo Symphonie und andere, es gibt noch Eintrittskarten bei ebay zu ersteigern, die nicht ganz so furchtbar teuer sind. Schauen Sie mal nach!!! Allen Interessenten viel Glück und Erfolg! Tante...
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Autor: Symphonie | 09.10.08 09:23 (2/4)
ja das wäre nett ...
ja - das würde mich auch interessieren - liebe Grüße an Tante Lisbeth
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Autor: Tante Lisbeth | 09.10.08 00:09 (3/4)
Konzertkritik Leonard Cohen
Das ist eine wunderbare, sehr einfühlsam geschriebene Konzertkritik. Ich war schon früher mehrmals bei einem solchen beeindruckenden Ereignis, bin aber in diesem Jahr leider leider verhindert....
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