Oper auf Bregenzer Seebühne: "Aida" an der Freiheitsstatue
VON WERNER MÜLLER-GRIMMEL - zuletzt aktualisiert: 24.07.2009 - 14:42(RP). Das Wetter spielte mit bei der Eröffnung der Bregenzer Festspiele. Gesellschaftskritische Ansätze verpufften in Graham Vicks Neuinszenierung zu harmloser Polit-Folklore. Musikalisch überzeugend: die Wiener Symphoniker. Die Solisten waren nicht optimal bei Stimme.
Bregenz. Zwei riesige Füße, blau mit kupfergoldenen Sternen, stehen auf einer ins Wasser abgesenkten Pyramide. Sind das Überreste gigantomanischer Selbstdarstellung einstiger Macht, inzwischen zerbrochen, teils überwandert von Sanddünen der Wüste, teils untergegangen in den Fluten eines neuzeitlichen Staudamms? Aus den Betonwänden der hohlen Waden–stümpfe ragen Eisenstangen in den Abendhimmel über der Bregenzer Seebühne. Oder möchte der Regisseur Graham Vick, der in diesem Ambiente Verdis Festoper "Aida" inszeniert hat, eine Probensituation inmitten eines halbfertigen Bühnenbilds andeuten?
Links und rechts dieser Szenerie stehen Baukräne mit deutlich sichtbarem Schild einer bekannten Firma, die zu den Sponsoren der Festspiele gehört. Modern gekleidetes Personal feiert auf den Treppenstufen besagter Pyramide (Bühnenbild und Kostüme: Paul Brown). Fast unmerklich mischen sich die Streicherklänge des Ouvertürenbeginns unter die ausgelassenen Rufe, die allmählich verstummen, während die Musik Fahrt aufnimmt. Weitere Fragmente jener Freiheitsstatue sind verstreut. In schwindelnder Höhe schweben aus dunkler Nacht Teile des strahlenbekränzten Kopfes von den Seiten herbei und vereinigen sich über den Füßen zu einem Gesicht, durch das freilich – Symbol für gebrochenes Freiheitsversprechen – ein Riss geht.
Zum Triumphmarsch fährt links eine blaugoldene, mehr als 20 Meter hohe Hand mit Fackel triefend aus dem Wasser nach oben. Boote landen an und fahren wieder weg. Weit hinten im See wandern Prozessionen über einen Steg. Der siegreich zurückkehrende Feldherr Radamès sitzt auf einem gigantischen Elefanten. Häufig waten Sänger oder andere Akteure auf einer absenkbaren Plattform knöcheltief durch die Fluten. Tänzer führen dort als Sklaven ein sensationelles Wasserballett auf, während die "ägyptischen" Herrenmenschen in glamouröser Abendgarderobe von den Treppenstufen aus zuschauen und violettes Licht über die Bühne flackert (Wolfgang Göbbel). Die enge Verzahnung der Szene mit der nie ganz kontrollierbaren Natur, dem See, den für die Kranaktionen nicht ungefährlichen Winden entfaltet im Laufe der Aufführung Faszination.
Der Kostümmix aus moderner Kleidung, ägyptischen Accessoires, katholischen Kardinalsroben für die Isis-Priester (Hinweis auf Verdis antiklerikale Einstellung) und Fantasieuniformen deutet auf eine futuristische Diktatur. Eine martialisch ausgerüstete Polizeigarde ist stets präsent, knüppelt Aufstände nieder und drangsaliert die von der Oberschicht wie Hunde an Leinen gehaltenen Arbeitssklaven, die mit Plastiktüten à la Abu Ghraib über den Köpfen auf allen Vieren kriechen müssen und von feinen Damen auch mal zu perversen Sexspielen missbraucht werden. Leider verpuffen derlei Ansätze zu gesellschaftskritischer Lesart des Stücks meist unentschlossen in harmlos-pittoresker Politfolklore.
Auch der Richtspruch über Radamès wird lediglich zu einer Gruselszene mit dumpf verfremdeten Klängen aufgemotzt. Konzentriertes Kammerspiel gelingt im Nilakt. Während die Bühne dunkel ist, begibt sich rechts unten das herzzerreißende Loyalitätsdrama Aidas, die sich zwischen Vater und Geliebtem entscheiden soll – eine szenisch und musikalisch ideal in das Uferambiente eingebaute Szene.
Zu lange bleibt in der zweiten Hälfte der Aufführung, die Verdis vieraktige Prachtoper in zweieinviertel Stunden ohne Pause bietet, die Bühnentotale ausgeblendet. Das Pulver spektakulärer Ansichten und Effekte wird zu früh verschossen, die Weite, Tiefe und Höhe des bespielten Raums kaum mehr genutzt. Erst zum leise verklingenden Schluss serviert Graham Vick noch einen Überraschungscoup. Radamès und Aida gleiten in einem Totenboot von der Seite herbei und entschwinden singend allmählich nach oben in furchterregende Höhen, bis sie am Ende nur noch als kleine Pünktchen im Lichtkegel am Nachthimmel zu sehen sind.
Unter der kompetenten Leitung von Carlo Rizzi überzeugen die Wiener Symphoniker als exzellentes Orchester, auch wenn das technisch ausgefeilte Surround-System, das die Live-Interpretation aus dem Festspielhaus auf die Bühne überträgt, nach wie vor Schwächen aufweist. Dies gilt auch für die Verstärkung der Solisten, von denen manche am Premierenabend freilich nach zwei Probenwochen kalten Wetters nicht optimal bei Stimme waren.
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