| 19.09 Uhr

"Berlin, Kapstadt, Prag"
Annett Louisan singt Rammstein

Düsseldorf. Auf den ersten Blick scheint es, als wolle die Hamburgerin mit ihren neuen Liedern das größtmögliche Spektakel erreichen: Teilzeithippie versus die Biester. Doch ganz so leicht macht es sich das Coveralbum "Berlin, Kapstadt, Prag" nicht. Von Stefan Petermann

Die Lieder anderer zu singen, bedeutet in die Haut von Fremden zu schlüpfen. Man muss sich mit neuen Gedanken und anderen Perspektiven auf die Welt auseinandersetzen und dann überlegen, wie man selbst dazu steht und was man dem eigenes hinzufügen kann. Es ist also durchaus interessant, genau hinzuschauen, in welche Köpfe sich Annett Louisan auf ihrem siebten Album begibt. Roboter sind das, österreichische Strizzis, teutonische Pyromanen und ein androgyner Spaceman. Nicht unbedingt Charaktere, die man im ansonsten so flauschigen Universum der Sängerin vermuten würde.

Viel Aufmerksamkeit durch TV-Format

Dabei war das gar nicht so geplant. Ursprünglich wollte Louisan in Berlin einfach ihre nächste Platte aufnehmen. Dann kam die Anfrage, in der neuen Staffel von "Sing meinen Song - Das Tauschkonzert" mitzumachen. Unter der Führung von Xavier Naidoo treffen sich dafür in Kapstadt verdiente Sängerinnen und Sänger des Landes und interpretieren wechselseitig ihr Repertoire neu. Ein erfolgreiches Format, das den Beteiligten viel Aufmerksamkeit bringt.

Nicht zufällig wird die Sendung, in der Louisan im Mittelpunkt steht, genau zum Release von "Berlin, Kapstadt, Prag" ausgestrahlt. Jedenfalls entwickelte sich aus ihren Erfahrungen in Südafrika der Wunsch, ein komplettes Album mit Liedern zu füllen, mit denen sie sich seit langem verbunden fühlte.

Texte von Frank Ramond

Eigentlich kein abwegiger Gedanke. Die Stücke, die Annett Louisan bisher sang, hat sie sich auf ähnliche Weise zu eigen gemacht. Sie ist niemand, die allein etwas aus sich heraus schafft - in erster Linie ist sie eine Interpretin. Dafür hat sie ein Team von Musikern, Komponisten und Textern um sich geschart, die sie unterstützen. Denn gute Lieder brauchen vor allem drei Dinge: einprägsame Musik, einen Text, der auf originelle Weise vom Menschlichen erzählt, und eben eine Interpretin, die das Gesungene und Gesagte glaubhaft vertreten kann.

Für die Worte gibt es Leute wie Frank Ramond. Ramond schrieb schon die Texte für Barbara Schöneberger, Roger Cicero, Udo Lindenberg und Yvonne Catterfeld. In einem Interview hat Annett Louisan erklärt, wie das bei ihnen funktioniert: "Frank versucht, meine Geschichte aufzusaugen und in andere Worte zu bringen."

So kam auch "Das Spiel" zustande, das Lied, mit dem für Louisan das Leben als Sängerin begann. Kess und charmant, ein bisschen frivol, ohne ordinär zu sein, ein eleganter Popchanson mit Jazz- und Folkelementen, etwas, das man in Deutschland nicht so oft hört. Die Zeilen des Refrains - "Ich will doch nur spielen" - gingen in den Alltagsgebrauch ein und prägten das Bild von Annett Louisan, mit dem sie seither auf der Bühne steht: ein Kokettieren mit dem Niedlichen und Unschuldigen, durchsetzt von sanfter Ironie und einer durchaus kalkulierten Unbekümmertheit und doch in jeder Sekunde mit Kontrolle über die Dinge. Bewusst begibt sich Louisan dabei in die Tradition legendärer Interpretinnen wie Marlene Dietrich oder Hildegard Knef, deren "Papillon" sie neu einsang.

Und nun ein komplettes Album mit bekannten Stücken, einige davon echte Klassiker. Es fällt auf, dass sie ausschließlich Lieder männlicher Künstler gewählt hat. Tori Amos hat auf dem famosen "Strange Little Girls" Ähnliches getan und stellte der männlichen Perspektive so bewusst eine weibliche gegenüber. So weit will Louisan dann doch nicht. Hauptsächlich bewegt sie sich auf vertrautem Terrain: Mit Liedern der Münchener Freiheit, Philipp Poisel, Udo Jürgens oder Ich+Ich geht sie kein Risiko ein. Das ist bedauerlich, weil ihre gelungene Version von Materias religionskritischem "OMG" zeigt, wie interessant ein solcher Ausflug in unbekannte Gewässer sein kann.

Denn der Reiz bei solchen Zusammenstellungen besteht aus einem möglichst großen Kontrast zwischen der eigenen Befindlichkeit und dem gecoverten Lied. Und tatsächlich wird es bei Interpreten wie David Bowie, Kraftwerk, Rammstein und der österreichischen Band Wanda spannend. Was hat Lousian zu Themen wie Inzest und Tod zu sagen, auf welche Weise nähert sie sich dem an?

Gerade bei einem Lied wie "Heroes" kann die Fallhöhe besonders gewaltig sein. Das Aneignen dieser Stücke gelingt Louisan oftmals, weil sie das Ungewohnte zu ungewöhnlichen Reaktionen zwingt. So verwandelt sie nicht nur die fremde Musik in etwas Neues, sondern erweitert auch das eigene Bild um ungewohnte Facetten. Und die stehen ihr gut.

Quelle: RP
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