| 16.26 Uhr

Wolfgang Niedecken im Interview
"Merkel hat alle überrascht"

Düsseldorf. Wolfgang Niedecken spricht im Interview mit unserer Redaktion über die zeit nach dem Schlaganfall, die Jubiläumstournee und über die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin. Von Annette Bosetti

Es geht ihm wieder gut. Wolfgang Niedecken hat den Schlaganfall von 2011, kurz nach seinem 60. Geburtstag, fast vergessen. Nur die regelmäßigen ärztlichen Untersuchungen erinnern ihn an den Schicksalsschlag, aus dem er als Sieger hervorgegangen ist. Heute kann er dieser Zäsur in seinem Leben sogar Positives abgewinnen. Als er damals im Krankenhaus aufwachte, fühlte er sich merkwürdig geborgen, wie von allem Ballast befreit.

Das Büro des BAP-Chefs liegt in der Kölner Altstadt. "Ich leite einen kleinen Rock 'n' Roll-Familienbetrieb", sagt er, um die Fülle seiner Aufgaben zu betonen. Ein paar Kilometer weiter, in seinem Zuhause direkt am Rhein, entsteht die Musik, ein Song nach dem anderen, der zum Hit oder zur Hymne wurde: "Verdamp lang her", "Ne schöne Jroos"", "Müsli-Män", "Jupp" oder "Jraaduss". Auch die neuen Lieder. Darüber wollen wir sprechen, außerdem über Politik, über den Kulturpreis der Sparkassen und wie es im Leben weitergeht. In Niedeckens Büro bietet ein altes Sofa mit Tigerstoff Platz, im Chefsessel liegt ein Tiger-Kissen. Bohème statt Hightech. Der Kölschrocker bleibt sich treu, trägt Blue Jeans und T-Shirt.

Sie erhalten einen Preis als Erfinder des Kölschrock. Freut Sie das?

Niedecken Das steht mir gar nicht zu. Die eigentlichen Pioniere waren die Bläck Fööss. Zeltinger und wir haben ziemlich gleichzeitig nachgezogen.

Aber Sie sind sicher der erfolgreichste Betreiber des Kölschrock.

Niedecken Wir waren die Ersten, die es überregional geschafft haben.

Wie würden Sie BAP beschreiben?

Niedecken Wir sind eine ganz normale Rock ‘n' Roll-Band, in der der Sänger zufällig Kölsch singt, weil er Kölsch denkt, weil er in Köln zu einer Zeit geboren ist, in der die Umgangssprache tatsächlich noch Kölsch war.

Der Bandname ist der Legende nach von Ihrem Spitznamen abgeleitet?

Niedecken Das ging ganz schnell. Der Mann, der uns zu unserem ersten Auftritt überredet hat, hat uns 1978 regelrecht gezwungen, uns einen Namen zu geben. Er ging einfach nicht mehr aus unserem Probenraum raus, bis er sein Ziel erreicht hatte. Dann sagte er: Was soll ich denn auf das Plakat schreiben, wie heißt ihr denn? "Schriev do Bapp drop", sagte unser Gitarrist, "ävver loss dat zweite p fott. Das sieht Scheiße uss!"

Zuerst waren Sie alleine unterwegs.

Niedecken Ja, und so wurde ich bekannt. Wolfgang Niedecken war plötzlich ein Name in Köln. Dann kam das Eigelstein-Label an und wollte ‘ne Platte mit mir machen. Aber ich wollte das schon gerne mit den Jungs machen, so schrieben wir Wolfgang Niedeckens BAP drauf. Das haben wir drei Platten durchgehalten, beim vierten haben wir meinen Namen weggestrichen. Seit dem vorigen Album heißt es wieder Niedeckens BAP. Denn die Zeiten der festen Besetzung sind vorbei.

Wie haben Sie sich als Musiker über die bald vier Jahrzehnte verändert?

Niedecken Ich sehe mich nicht in erster Linie als Musiker.

Was?!

Niedecken Ich bin ein Geschichtenerzähler, der Begriff steht über allem. Mich würde niemals jemand als Gitarrist engagieren, höchstens zum Mitschrammen als Rhythmus-Gitarrist. Und dann bin ich noch froh, wenn ich nicht unangenehm auffalle. Ohne meine Geschichten, die ich zu erzählen habe, und ohne meine Fähigkeit, die in Strophen zu fassen und auf der Bühne zu vermitteln, gäbe es BAP nicht. Ich bin definitiv nicht austauschbar. Und das ist gut so, auch wenn es fast überheblich klingt.

Wie entsteht ein Song?

Niedecken Immer anders, meistens ist irgendeine Akkordfolge da, die ich interessant finde, und damit laufe ich so lange durch die Gegend, bis die zu meinem Soundtrack wird. Manchmal schreibe ich meine Songs so, wie Lieschen Müller sich das vorstellt. Auch oft vorm Fernseher beim Fußball, wenn beispielsweise Leverkusen gegen Wolfsburg spielt und es langweilig wird, klimper ich ein bisschen auf der Gitarre rum, und dann kann da schon mal was Gutes dabei rumkommen.

Sie haben das Bundesverdienstkreuz für Ihr politisches Engagement bekommen. Wie hoch ist Ihre politische Erregung im Moment?

Niedecken Ich engagiere mich gerne, aber ich lass mich vor keinen Karren spannen. Ich bin auch kein Aktivist, wie manche meinen.

Aber Sie knipsen Ihre politische Gesinnung nicht an und aus?

Niedecken Natürlich nicht. Ich bin Zeitungs- und Nachrichtenjunkie – wenn ich keine vernünftige Zeitung gelesen habe, fehlt mir was.

Würden Sie bei sich zu Hause Flüchtlinge aufnehmen?

Niedecken Ich glaube, dass sie nicht in diesen improvisierten Haushalt wie den unseren passen würden ... das ist illusorisch. Außerdem käme ich mir da wie ein Poser vor, denn das würde ja unmittelbar öffentlich.

Wie bewerten Sie die aktuelle Politik?

Niedecken Ich bin sehr positiv überrascht über die neue Willkommenskultur der Deutschen. Sicher wird noch mal das Ganze wie ein Pendel zur anderen Seite ausschlagen. Ich hoffe, dass sich international was bewegt, dass gerechte Quoten ausgehandelt werden und dass die osteuropäischen Staaten einsehen, dass die EU nicht nur eine Zugewinngemeinschaft ist, sondern dass es da auch Pflichten gibt. Ich hoffe, auch, dass Europa an dieser Frage nicht zerbricht.

Sind wir Deutschen gut aufgestellt?

Niedecken Ich breche mir keinen Zacken aus der Krone, Angela Merkel an dieser Stelle mal zu loben. Die hat sich als Bundeskanzlerin vorbildlich verhalten. Und alle total überrascht. Vor allen Dingen damit, dass sie sagte: "Wir schaffen das." Das andere Mal: "Dann ist das nicht mehr mein Land." Wir sind de facto seit vielen Jahren ein Einwanderungsland. Schon vor Jahren hätte man ein ordentliches Einwanderungsgesetz machen müssen. Der Strom, der jetzt nach Deutschland kommt, ist kaum mehr verwaltbar. Ich bin begeistert, dass die Menschen dermaßen empathiefähig sind, und hoffe, dass dieser Zustand möglichst lange andauert.

Tun Sie selbst etwas?

Niedecken Es gibt verschiedene Aktionen. Das Wichtigste ist, dass ich das Thema künstlerisch bearbeite.

Was bringt das neue Album, das 2016 zum Jubiläum herauskommt?

Niedecken Wir veröffentlichen nur neue Songs. Zur Tour bringen wir dann noch ein Doppelalbum mit den beliebtesten Liedern raus.

Für Anfang Oktober war doch ein Konzert geplant?

Niedecken Ja, mit Grönemeyer, Lindenberg und anderen vorm Reichstag, das ist aus organisatorischen Gründen gescheitert.

Einen neuen Termin gibt es nicht?

Niedecken Nein. Aber im Moment habe ich so viele Termine um die Ohren, dass ich kaum weiß, wo mir der Kopf steht.

Und wie geht dieses Jahr zu Ende?

Niedecken Neben den aktuellen Geschichten habe ich ein gutes Gefühl. Ich bin dabei, die Ernte einzufahren, und fühle mich wie auf meinem großen Bauernhof: Und ich sage mir: Bloß kein Regen. Hoffentlich hält das Wetter!

Annette Bosetti führte das Gespräch

Quelle: RP
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