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Grüner Hügel in Bayreuth
Die traurigen Festspiele

Richard-Wagner-Festspiele: Begleiten Sie unseren Kritiker
Bayreuth. Die am Montagabend eröffneten Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth standen im Zeichen der Terroranschläge und Amokläufe der vergangenen Tage. Der rote Teppich wurde nicht ausgerollt, auch der Staatsempfang wurde abgesagt. Von Wolfram Goertz

Die Richard-Wagner-Festspiele haben in diesem Jahr zwei Burgen. Die eine befindet sich auf der Bühne, in der Oper "Parsifal", die andere ist das Festspielhaus selbst. Es gleicht einem Hochsicherheitstrakt, mit weitläufigen Absperrungen, die sogar die Taxis betreffen, und Ausweiskontrollen an den Eingängen. Am Himmel kreisen Polizeihubschrauber, unten sind Beamte mit Spürhunden zu sehen; Sitzkissen, Rucksäcke, Trinkflaschen – alles verboten. Journalisten durften ihre Notebooks nicht mehr mitnehmen, der Bayerische Rundfunk musste den Ü-Wagen in der Peripherie parken. Die Polizei war präsenter denn je. Und der rote Teppich für den Schaulauf der Reichen, Schönen und Mächtigen wurde abgesagt, aus Respekt vor den Toten in München.

Süddeutschland, bevorzugt Bayern, befindet sich in einer Art Schockstarre. München, Reutlingen, Ansbach, Würzburg – das steckt eine Region nicht so einfach weg. Und sie geht auch nicht automatisch zur Tagesordnung über. Vor allem die bayerische Polizei wirkt in diesen Tagen und auch in Bayreuth hinter der ortsüblichen Freundlichkeit und Fröhlichkeit ziemlich angestrengt; kein Wunder angesichts der Belastungen, denen die Polizisten seit Monaten ausgesetzt sind. Ein Bayreuther Polizist sagte hinter vorgehaltener Hand: "Wir sind am Limit." Man glaubte es ihm aufs Wort. 

Kein Promi-Schaulaufen auf dem Grünen Hügel

Das machte aus dem Grünen Hügel jedenfalls ein bisschen eine Einöde, denn die Einheimischen interessiert ja nicht so sehr der "Parsifal" als vielmehr das Erscheinen der Kanzlerin, das fotogene Lächeln von Thomas Gottschalk, Gloria von Thurn und Taxis oder Roberto Blanco. Manche bedauerten das: Wozu hatten sie denn jetzt das neue Smartphone mit super Kamerafunktion gekauft? Frau Merkel hatte allerdings sowieso schon vor Wochen abgesagt (als spezielle Vorkommnisse noch gar nicht aktenkundig waren), andere Minister und Prominente schlossen sich in den vergangenen Tagen an, und der Rest der höheren Welt musste sich in der halben Stunde vor der Premiere notgedrungen einreihen. Am Eingang des Festspielhauses kam es zu erbitterten Debatten zwischen den Ordnungshütern und Damen über die Größe von Handtaschen. In den meisten Fällen mussten die Damen ihre Taschen abgeben. Für einige kam das einer Amputation gleich. Wenigstens gaben die Festspiele Sitzkissen aus.

Infos: Das ist der Spielplan der Bayreuther Festspiele 2016 FOTO: RPO

All das hatte etwas Demokratisches. Das allfällige "Ah" und "Oh" mit Beifallrauschen entfiel jedenfalls, auch wenn es selbstverständlich einige unverdrossene Bild- und Glamourjäger gab, die Bilder zu machen versuchten. Es raubte Bayreuth etwas "Schickimicki-Glanz", ohne Zweifel. Es machte auch schon das Wort von den traurigen Festspielen die Runde. Aber die Wagnerianer selbst verdross es nicht, die steckten auch gestern, bei enormer Schwüle und bedecktem Himmel, in ihren Rüstungen der Smokings und schwarzen Anzüge, und die Damen ließen es wie üblich luftig angehen. Man ließ sich die Laune nicht verderben, so schien es. Das gelang aber nicht gänzlich.

Die Polizei-Eskorte zum Staatsempfang entfiel

Das Verweilen im Festspielhaus hatte etwas Belastendes für das Herz-Kreislaufsystem. Nur hinterher war alles viel einfacher, entspannter, weil das Abrauschen der geladenen Gäste zum Staatsempfang – unter der üblichen Eskortierung von etwa 60, 70 Polizeiwagen – einfach ausfiel.

Trotzdem ruhte das Auge des Gesetzes – jeder von uns merkte das, ob er wollte oder nicht – schärfer auf den Festspielbesuchern als je zuvor. Jeder von uns könnte ja ein Amokläufer oder Terrorist sein. Andererseits vermochte die bayerische Polizei dadurch unser Sicherheitsbedürfnis zu befriedigen. Das ist in diesen Tagen keine schlechte Option fürs Seelenleben, da es nicht selten hieß: Bitte meiden Sie öffentliche Veranstaltungen! Nirgendwo in Deutschland war man am Premieren-Tag so sicher wie in Bayreuth. Der Frohsinn blieb allerdings im Mezzoforte.

Hier geht es zum Video-Bericht von Wolfram Goertz.

Quelle: RP
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