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Festspiele in Oberfranken
Die Wagners und die "Fifa von Bayreuth"

Bayreuther Festspiele: Familie Wagner und die "Fifa von Bayreuth"
Verfeindete Stämme: Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier stehen gegen... FOTO: dpa
Bayreuth. Nike Wagner, Urenkelin Richard Wagners, wird heute 70 Jahre alt. Wieder einmal sieht sie die Festspiele in einer tiefen Krise. Auf dem Hügel selbst machen die Schwestern Katharina und Eva derzeit aus einer Lappalie ein Drama. Von Wolfram Goertz

Es ist nichts anderes als eine Variante von "Dinner for one". Jeder kennt das Spielchen zur Genüge, jeder kann es im Wortlaut mitsprechen, doch niemand will die alljährliche Wiederausstrahlung zu Silvester verpassen.

...Nike Wagner. FOTO: dpa

Ähnlich ist es mit der regelmäßigen Darbietung der ältesten Seifenoper des deutschen Kulturprogramms. Ihr Titel lautet sinngemäß: "Die Familie Wagner". Die schräge Show wird Jahr für Jahr etwa anderthalb Monate vor Eröffnung der Bayreuther Festspiele auf den Spielplan gesetzt - in der Regel durch eine gezielte Indiskretion im "Nordbayerischen Kurier", der in Bayreuth erscheint. In dieser Soap wirken allerdings keine Männer, sondern nur Damen mit. In einer Annäherung an die Terminologie des Urgroßvaters könnte man vom "Natterngezücht" sprechen. In der Ausgabe 2015 sind wie immer Katharina und Nike Wagner die verfeindeten Cousinen, die Hauptdarsteller, allerdings kommt ihnen Eva Wagner-Pasquier dazwischen. Doch der Reihe nach.

Nike Wagner, die heute 70 Jahre alt wird, hält sich seit vielen Jahren für die berufene Festivalleiterin und monierte in geschätzten 13 500 Interviews, wie blind ihr (mittlerweile verstorbener) Onkel Wolfgang Wagner das Schlachtschiff Bayreuth in den künstlerischen Ruin manövriert habe. Nike, Tochter von Wolfgangs Bruder Wieland, empfahl sich selbst stets als die bessere Prinzipalin. Nach Wolfgangs Tod versöhnte dieser seine beiden Stieftöchter Katharina (aus der Ehe mit Gudrun Wagner) und Eva (aus der Ehe mit Ellen Drexel); beide stiegen in die Führung am Grünen Hügel auf. Nike ging wie immer leer aus. Stattdessen machte sie Karriere als Dramaturgin, als Chefin beim Kunstfest Weimar und jetzt als künstlerische Leiterin des Bonner Beethovenfestes.

Nike, das kluge Licht mit der Neigung zum Kampfhennengeschnatter, sieht auch in diesem Jahr die Bayreuther Festspiele tief in der Krise. Und leider sei das keine fruchtbare Krise, sagte sie. Sie und ihre Geschwister fürchten als Nachkommen von Wieland Wagner um ihre Geltung in Bayreuth. "Mein Familienzweig - Wieland Wagners geistigem Erbe verpflichtet - kämpft schon seit langem gegen das Aushöhlen der Rechte der Stifterfamilie in der Stiftung." Die Stiftung war in den 1970er Jahren gegründet worden, um das Erbe Wagners zu wahren und das Festspielhaus für die Nachwelt zu erhalten.

"Wir erwägen die Klage", sagte Wagner. Weil der Wieland-Stamm fürchtet, dass die Verwaltungs-GmbH der Festspiele die Macht an sich reißt, hatte er vor einigen Monaten den Politiker Gregor Gysi als Anwalt hinzugezogen. Nike Wagner beklagte die "nahezu unendlichen bayerisch-oberfränkisch-mäzenatischen Kungeleien. Fifa ist überall." Was das Persönliche anlangt, sagte sie, aus der Verwandtschaft könne man nicht austreten. "Man kann sich nur anderswo Freunde suchen. Und neue Orte."

Eröffnung der Bayreuther Festspiele 2013 FOTO: dpa, Tobias Hase

Es war klar, dass Nike auf diesem Feld vom Leder ziehen würde. Deshalb lancierte Bayreuth selbst einen Neutralisationspuffer, um Nikes erwartbare Brandrede abzulöschen - Bayreuth erfand eine eigene Meldung. So wird jetzt vom Hügel kolportiert, Eva Wagner-Pasquier solle ein Hausverbot bekommen haben. Wagner-Pasquiers Anwalt Peter Raue teilte mit, er habe ein Schreiben erhalten, wonach Wagner-Pasquier in künstlerischen Vertragsangelegenheiten und beim Casting kein Mitspracherecht mehr haben solle. Zudem solle die 70-Jährige bis zum 20. Juli nicht auf dem Grünen Hügel anwesend sein. Es gebe seinen Recherchen zufolge allerdings keinen derartigen Beschluss der Gesellschafterversammlung, sagte Raue. Die mit Eva eng verbundenen Dirigenten Kirill Petrenko und Daniel Barenboim ("menschenunwürdig") haben bereits ihr Befremden über den Umgang mit ihr zu Protokoll gegeben. Angeblich gehe alles auf eine Intrige des Dirigenten Christian Thielemann zurück.

Raue vergisst allerdings die Usancen in Opernhäusern zu erwähnen. Eva hatte schon 2014 angekündigt, dass sie von 2015 an nicht mehr für das operative Geschäft in Bayreuth zur Verfügung stehe, und um Auflösung ihres Vertrags gebeten. In allen Auflösungsverträgen sind solche Formulierungen enthalten, dass sich der scheidende Leiter nicht mehr in künftige Planungen einmischt und irgendwann auch sein Büro räumen muss.

Georg von Waldenfels, Chef der Mäzenatenvereinigung "Gesellschaft der Freunde von Bayreuth" und derzeitiger Vorsitzender der Gesellschafterversammlung, sagte beschwichtigend: "Keiner wird am Hügel stehen und zu Frau Wagner-Pasquier sagen, sie habe hier nichts zu suchen." Weitere Angaben wollte er nicht machen. Es gehe um Vertragsmodalitäten und Vertraulichkeit. "Daran halte ich mich."

Es habe lediglich Überlegungen gegeben, dass jemand, dessen Vertrag ausläuft, keine Entscheidungen mehr fällt, die die Zeit nach ihm betreffen. Dass man Wagner-Pasquier nach dem Ende ihrer Amtszeit einen Beratervertrag anbieten möchte, "zeigt doch, dass wir sie weiter einbinden wollen". Zu den Gesellschaftern gehören neben der Mäzenatengesellschaft der Bund, das Land Bayern und die Stadt Bayreuth.

Eva Wagner-Pasquier hatte als Co-Leiterin der Richard-Wagner-Festspiele immer schon Probleme mit der komplizierten Struktur mit vier Gesellschaftern. "Da sind sehr viele Leute, die bei allem mitsprechen", klagte sie einmal. Es hat sich im Drehbuch der Seifenoper "Die Familie Wagner" also kaum etwas geändert.

Quelle: RP
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