Konzert in der Tonhalle: Berliner Offenbarung in Düsseldorf
VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 27.09.2009 - 16:39Düsseldorf (RP). Sternstunde der Symphonik: Die Berliner Philharmoniker unter Chefdirigent Sir Simon Rattle gaben ein bejubeltes Konzert in der Düsseldorfer Tonhalle. Sie spielten Werke von Ludwig van Beethoven und Dmitri Schostakowitsch.
Beim Konzert der Berliner Philharmoniker in der Tonhalle schlägt für eine Sekunde der Blitz der Irritation ein. Könnte dieses Orchester die 2. Sinfonie D-Dur von Ludwig van Beethoven auch ohne Sir Simon Rattle spielen?
Orchester dieses Rangs scheinen gierig, dem Komponisten direkt aus der Hand zu fressen oder sich ihm wie im Hochzeitsakt zu vermählen. Der Dirigent scheint bei derlei Ritualen kaum mehr als der Trauzeuge, der Ringe reicht und Stäbchen führt. Anders gesagt: Wenn Beethoven die Elektrizität ist und das Orchester die Maschine – ist dann Rattle nicht bloß das Kabel, das beide vernetzt? Ein Verbindungsoffizier, der den Laden laufen lässt?
Solche Irritationen haben natürlich eine extrem kurze Halbwertzeit. Rattle arbeitet im Konzert mit den Berlinern – wenn alles ausgeruht geprobt ist – gewiss nie wie jener Typ Maestro, der bewundernde Blicke im Rücken spüren will. Gleichwohl ist der Engländer unentbehrlich: Mit leichter Hand deutet Rattle Stimmungen an, Prozesse, Wechsel der Farben; hier erbittet er eine Verdichtung, dort veranlasst er Entspannung. Sowieso muss er den Musikern nicht sagen, wann ihr Einsatz ist, er lässt ihnen aber auch Freiheit, Phrasen aus eigener Kompetenz zu modellieren. Er scheint am Musizieren beteiligt. Dass er es in Wirklichkeit beherrscht, bemerkt kaum jemand.
So kommt es, dass dieser Beethoven an der langen Leine sehr reif, sehr orchestral tönt. Der Klang als Wille und Vorstellung von Philharmonikern, die ernten, was sie selbst gedüngt haben. Die Streicher legen sich ins Zeug, als breche morgen der Dritte Weltkrieg oder mindestens eine neue Bundesregierung an. Trompeten und Hörner stopfen hinreißend Löcher, die gar nicht vorhanden sind. Und wenn Topstars wie Emmanuel Pahud (Flöte), Albrecht Mayer (Oboe), Wenzel Fuchs (Klarinette) und Stefan Schweigert (Fagott) an einem Abend holzblasend Dienst tun, ist der Grand mit Vieren auf dem Podium komplett.
Rattle macht aus dem frühen Beethoven einen Kontrapunktiker, der sich nebenbei – noch nicht enttäuscht – für Napoleon interessiert. Aus der ansonsten unverdächtigen Zweiten wird solcherart ein Chefstück, das man sogar nach der Pause spielen könnte.
Diese Programmhälfte ist jedoch für Schostakowitschs 4. Symphonie c-moll (1936) reserviert, die das Podium mit Riesenbesetzung fast einer Materialprüfung unterzieht. In der Tat handelt es sich um Musik, in der alles vorkommt, alles verarbeitet, alles ausgewalzt wird, was musikgeschichtlich bis einschließlich Mahler auf dem Tablett lag.
Rattles Aufführung atmet etwas vom rebellischen Zorn einer unerhörten Musik, die man nicht lieben muss, aber wegen ihrer heftigen Intensität kaum ignorieren kann. Die Philharmoniker machen dringlich darauf aufmerksam, dass man das Werk live erleben und auch physisch aushalten muss. Wer als Hörer dabei von diesem Weltklasse-Orchester begleitet wird, bei dem sich sogar das Gebrüll köstlich und das Rumoren luxuriös anhört, der gewinnt die Gewissheit, dass er an diesem Abend mit einem schmerzenden Werk nicht unbehütet ist.
Nachher, als sich die finale Klage der Musik ins Unhörbare versendet hat, will der Applaus vor lauter Ergriffenheit erst gar nicht beginnen. Dann klingt er wie Tumult und Liebeserklärung in einem.
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