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"Musikforum Bochum"
Bochumer Symphoniker haben endlich ihr eigenes Konzerthaus

Bochum: Symphoniker haben endlich eigenes Konzerthaus
Das Musikforum in Bochum ist fertig. Fast 100 Jahre mussten die Bochumer Symphoniker warten, bis sie ihre eigene Spielstätte bekamen. FOTO: dpa, mku kno
Bochum. Das neue Bochumer Konzerthaus ist pünktlich fertig geworden - für knapp 38 Millionen Euro. Der Saal ist ausschließlich für die Bochumer Symphoniker, die Musikschule und lokale Veranstalter bestimmt. Auf 960 Plätzen hat man im großen Saal eine sehr komfortable Sicht auf das Geschehen, zudem hört man exzellent. Daneben gibt es noch zwei kleine Säle. Von Wolfram Goertz

Dieser Mann möchte fliegen können, bloß für ein paar Sekunden, aber bis zur Decke des Raums sollte es ihn schon tragen. Dorthin hat er nämlich einen Ton geschickt, dem er gern folgen würde. Eine Saite seines Instruments hat er auf dem Podium nur vorsichtig angezupft, doch der Ton entwickelt sich wie zu einer Seifenblase, zu einem Ballon, der himmelwärts schwebt und noch viel weiter, er durchquert den ganzen Raum, breitet sich aus, er hat Fülle und Kontur und einen herrlichen Bauch. Das hat der Mann lange nicht erlebt. Er spielt Kontrabass bei den Bochumer Symphonikern, und wenn er in den vergangenen Jahrzehnten etwas nicht so gut gehört hat, dann das Ergebnis seiner Arbeit. Das Orchester musste nämlich in den unmöglichsten Räumen proben und auftreten. Im Schauspielhaus. Im Audimax der Ruhr-Universität. In der Jahrhunderthalle. In Kirchen und Turnhallen. Also an Orten, in denen Schall geschluckt oder erstickt, vernebelt oder verzerrt wird, aber nie veredelt.

Die Geiger hören endlich die Oboen

Jetzt steht der Musiker auf der Bühne des neuen Bochumer Konzertsaals und hat das Gefühl einer Erweckung. Den anderen Mitgliedern des Orchesters geht es ähnlich. Die Geiger hören endlich die Oboen, die Trompeter können auf die Bratschen reagieren, der Raum ist zwar nicht so groß wie die Philharmonien in Essen oder Köln, aber er hat das, was man natürlichen Atem und Resonanz nennt. 960 Zuhörer können hier Platz nehmen, und von jedem Sitz aus fühlt man sich dem Podium so nahe, als sitze man gleich neben den Musikern.

Auf diesen Moment hat Bochum so lange gewartet, dass es zwischenzeitlich schien, als sei das Projekt eines neuen Konzertsaals gefährdet oder gar zum Scheitern verurteilt. Seit vielen Jahren existierte es als Traum, 2008 wurde er konkreter, als sich eine Bürgerinitiative bildete und spontan 80.000 Euro sammelte. Dann spendete der lokale Glücksspiel-König Norman Faber fünf Millionen Euro als Grundstock eines Neubaus - mit der scharfsinnigen Bedingung, dass in drei Monaten weitere zwei Millionen gesammelt würden. Das schier Unmögliche wurde möglich gemacht.

Konzertsaal als Heimat des Orchesters

Aber wo die Bochumer nun bauen sollten, das wussten sie nicht. Es geisterten verschiedene Überlegungen durch die Stadt, bis sich - nach unzähligen kommunalen Finanzkrisen, verworfenen Skizzen, verschnupften Ratsparteien und mürben Grundsatzdiskussionen - eine geniale Idee aus dem Wust der Meinungen schälte: Bochum wollte seinen Konzertsaal als Erweiterungsbau der profanierten Marienkirche direkt in der Innenstadt erstellen, also nicht in der Peripherie, sondern im Zentrum. Und es sollte ein reiner Konzertsaal werden als Heimat des Orchesters, kein Multifunktionssaal, bei dem sich die hellgrauen Sessel abschrauben lassen, damit die Weihnachtsfeier der Philatelisten-Vereinigung Bochum-Riemke durchgeführt werden kann.

Natürlich herrschten von Anfang an auch elementare Bedenken. Gibt es nicht schon genügend Philharmonien in der näheren Umgebung? Haben nicht Essen und Dortmund flammneue und große Säle gebaut, hat nicht Duisburg seine Mercatorhalle zum Konzerthaus umgebaut? Ist es nicht nur ein Katzensprung nach Düsseldorf oder Köln? Und sind die Musikfreunde der Stadt durch das Angebot in der Region - gerade auch durch die Ruhrtriennale - nicht schon wunschlos glücklich, sozusagen pappsatt?

Nein, sie waren und sind es nicht. In Bochum zeigt sich zudem ein Bürgersinn, der in Deutschland einmalig sein dürfte. Fern jeder Großmannssucht sammelten die Bochumer Geld, und sie hatten als dicke Trümpfe nicht nur ihr Orchester im Ärmel, das als A-Orchester einen ausgezeichneten Ruf im In- und Ausland genießt, sondern auch dessen Generalmusikdirektor Steven Sloane. Der ist vermutlich der dienstälteste GMD in Deutschland, seit 22 Jahren dirigiert er in Bochum, sein Wort hat maximales Gewicht, denn er ist hier nicht aus Anhänglichkeit oder mangels besserer Aufgaben geblieben, sondern weil er einen lokalen Geist verspürt, der eine Kostbarkeit ist. Hier kann er mit der Musikschule zusammenarbeiten, hier kann er Crossover-Projekte verwirklichen, hier kann er die wertvolle Idee der Nachhaltigkeit in die Tat umsetzen. Kein Wunder, dass er den Saal auch als sein Baby betrachtet und fast so gut kennt wie der Hausmeister.

Kostenplan wurde eingehalten

Und nun steht es da, dieses wunderbare Musikforum Ruhr, knapp 38 Millionen Euro hat es gekostet, pünktlich ist es fertig geworden, die Kosten sind nicht gestiegen, fast ein Wunder in Zeiten von Elbphilharmonien und Großflughäfen. Am Ende hat die Stiftung der Essener Verlegerin Anneliese Brost die noch fehlenden drei Millionen Euro beigesteuert und sich als Dank offenbar ausbedungen, an der Außenwand und im offiziellen Titel des Konzerthauses namentlich verewigt zu werden. Nicht wenige Bochumer halten das für selbstgefällig und für einen hässlichen Makel.

Der Clou des Musikforums ist seine Architektur: Es wurde mit gleicher Traufhöhe an die Südwand der Marienkirche angebaut, die nun als schneeweißes Foyer dient, aber auch - vor allem wegen der Empore - als vielseitiger Auftrittsort etwa für Vokalkonzerte oder Lesungen. Der kleine Saal ist vollends ein Vielzweckraum mit variabler Akustik, für moderne Besetzungen, für Jazz oder Kammermusik.

Und die Musikschule hat hier nun auch einen feinen Probenraum, abgesehen davon, dass sie etwa 20 Konzerte im Jahr im großen Saal ausrichten kann. So kommen ohne Schwellenangst die Kleinen zu den Großen, die Aufstrebenden zu den Profis; die Fenster zur Straße lassen erst recht schöne Einblicke der Passanten zu, das erhöht den Grad der Durchlässigkeit. Solche Transparenz wurde zuletzt im schönsten Konzertsaal des jüngeren Europas erreicht, dem Musiikkitalo in Helsinki.

Hier möchte man unentwegt Musik hören

In den warmen Kirschholztönen des Saals herrscht eine beinahe heimelige Atmosphäre, die Ziegelwände führen das Material des Kirchenbaus nahtlos weiter. Die umlaufenden Ränge erhöhen das Gefühl der Unmittelbarkeit. In diesem Raum möchte man unentwegt Musik machen und hören - und das ist ja der Sinn der Sache: Die Bochumer Symphoniker werden nicht mehr herumgeschubst, sondern residieren jetzt hier und haben aus lauter Freude die Zahl ihrer Konzerte auf 120 im Jahr erhöht. Beim kommenden Festwochenende wird der Geiger Frank Peter Zimmermann spielen. Ein weiterer Star hat sich mit einem verwegenen Programm angekündigt: Am 4. März 2017 wird Herbert Grönemeyer eigene Filmmusiken dirigieren und nach der Pause Ludwig van Beethovens 5. Sinfonie. Ist natürlich seit Wochen ausverkauft.

Um mit Meister Herbert zu sprechen: In der Musik ist Bochum viel besser, als man glaubt. Und das Wort vom Kirchturmdenken hat jetzt in der Bochumer Innenstadt einen ganz neuen Sinn.

Quelle: RP
 
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