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Böhse Onkelz am Hockenheimring
Die Rattenfänger aus Frankfurt

Die Böhsen Onkelz spielen am Hockenheimring
Die Böhsen Onkelz spielen am Hockenheimring FOTO: dpa, dna lre
Hockenheim. An zwei Wochenenden spielen die Böhsen Onkelz vier Konzerte am Hockenheimring. Knapp 400.000 Fans der umstrittenen Band werden erwartet. Es gibt ein neues Lied und viel altes Pathos. Aber wer strömt da auf die Tribünen der Rennstrecke? "Pegida"-Nachwuchs? Alt-Nazis, die aus ihren Löchern kriechen?   Von Christian Sieben

Die Debatte um die Frankfurter Band beginnt Anfang der 1980er Jahre. Bei Youtube sind die Videos noch zu sehen. Sänger Kevin Russell mit rasiertem Schädel, Hosenträger und Jeans, der Parolen auf einer kleinen Kellerbühne grölt. Glatzköpfe tanzen Pogo. Die verwackelten Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1982 oder 1983. Sie singen Lieder wie "Türken raus" und "Frankreich-Überfall", ihr Beitrag zur anstehenden Fußball-Europameisterschaft 1984. Ihre erste Platte "Der nette Mann" landet auf dem Index.

"Deutschland im Herbst"

Knapp zehn Jahre später erreicht die Debatte um Rechtsrock in Deutschland einen traurigen Höhepunkt. In Rostock-Lichtenhagen greifen 300 Neonazis die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber und ein Wohnheim für vietnamesische Arbeiter an und stecken das Haus in Brand. Die Neonazis tragen Onkelz-Shirts, aus Kassettenrecordern plärren Songs der Onkelz. "Bomberpilot" und "Kneipenterroristen" – das hört der braune Pöbel gern.

Hockenheimring: Das schreiben  Medien zum Comeback FOTO: qvist /Shutterstock.com

Es sind Bilder wie diese, die das Image der Onkelz in diesen Jahren prägen. Dabei hat die Band um Chef Stephan Weidner schon länger mit ihrer braunen Vergangenheit gebrochen, wie sie sagt. Die Gruppe schaltet Zeitungsanzeigen gegen rechte Gewalt, auf Konzerten gibt es Ansagen gegen rechts. Einmal stürmt Weidner von der Bühne und verprügelt einen Zuschauer, der den Arm zum "Hitlergruß" hebt. Die Band will keinen Ärger. Sie haftet als Veranstalter, wenn die Zuschauer in der Halle verfassungswidrige Symbole und Gesten zeigen.

"Ich sehe braune Scheiße töten"

Böhse Onkelz: Twitter-Bilder vom Comeback

Im Jahr 1993 veröffentlicht die Band den viel beachteten Song "Deutschland im Herbst", in dem sie Stellung zu den Verbrechen von Rostock bezieht. Darin heißt es: "Ich sehe blinden Hass, blinde Wut, feige Morde, Kinderblut. Ich sehe braune Scheiße töten. Ich sehe Dich!" Die Onkelz wenden sich auch auf künftigen Alben immer wieder gegen Neonazis und Gewalt gegen Minderheiten. 1998 erscheint ihr Song "Ohne mich". Darin heißt es: "Und jetzt ein paar Worte an die rechte Adresse, leckt uns am Arsch, sonst gibt's auf die Fresse, ich hasse euch und eure blinden Parolen, fickt euch ins Knie, euch soll der Teufel holen."

Die Medien und große Teile der Öffentlichkeit nehmen der Band diesen Wandel nicht ab. Sie werfen den Frankfurtern vor, noch immer unter demselben Namen aufzutreten wie 1983. Bei Konzerten singen sie weiter die alten Songs wie "Bomberpilot" ("Ich bin Bomberpilot, ich bringe Euch den Tod, ich bin Bomberpilot, Bomberpilot, 10.000 Meter hoch, schneller als der Schall, schaue ich meinen Bomben nach und warte auf den Knall") oder "Stunde des Siegers". ("Die Stunde des Siegers, nutze sie, und zeig' ihnen, wer Du bist...spuck' ihnen ins Gesicht, ins Gesicht!").

"Mit dieser Band hast du nicht viele Freunde"

Die Songs der Onkelz laufen nicht im Radio, bei Preisverleihungen der Musikbranche sind sie nicht erwünscht. Einen größeren Gefallen hätte man der Band nicht tun können. Die Gruppe inszeniert sich meisterhaft als Sprachrohr der Unterdrückten, der zu kurz gekommenen, der Betrogenen und mies behandelten. Wir gehen unseren Weg, bleiben uns treu, stehen zu unseren Fehlern von damals und wehren uns gegen die da oben – diese Botschaft senden die Onkelz und Tausende Fans (diese nennen sich jetzt Nichten und Neffen) kaufen die Platten und pilgern zu den Konzerten.

Die Songs der Onkelz drehen sich fast nur noch um die Onkelz. Weidner dichtet simple Stadionhymnen. Auf der Bühne gibt er einen modernen Rattenfänger mit langer Mähne, seine Flöte ist die Bassgitarre. Er sammelt "die da unten" für den Kampf "gegen die da oben". Gegen was genau gekämpft wird, sagt Weidner nicht. Das sollen sich seine Nichten und Neffen selbst aussuchen. In "Danket dem Herrn" heißt es: "Ja, hier ist Kevin, eure Stimme aus der Gosse...Mit dieser Band hast du nicht viele Freunde, aber die, die du hast, teilen Deine Träume!"  Die Rechnung geht auf. Bei Konzerten kommt es zu riesigen Verbrüderungsszenen mit dem meist männlichen Publikum.

Die Onkelz singen jetzt über Freundschaft, durchsoffene Nächte, Drogen, Dieter Bohlen, Liebeskummer und den Sinn des Lebens. Das Publikum ist weitgehend unpolitisch geworden. Normalos und Abiturienten mischen sich mit Alt-Rockern, Motorrad-Freaks und VW-Tunern. Nazis kommen immer noch. Sie stehen gern hinten rechts im Saal. Zu Prügeleien und Randale kommt es kaum noch.

Kommerziell erfolgreichste Band Deutschlands

Die Band versteht es wie weltweit keine andere Gruppe, ihren Erfolg zu kommerzialisieren. Zu jedem Album und zu jeder Konzertreihe gibt es neue T-Shirts, Cargo-Hosen und Fan-Schals. Folien für die Heckscheibe des getunten Opel-Corsas werden tausendfach an den Mann gebracht. Die Geschichte der Onkelz ist eine Lizenz zum Gelddrucken.

Ärger gab es nur einmal 2011, als die Band eine lieblos produzierte CD-Box mit Studioversionen ihrer größten Erfolge heraus brachte. Kostenpunkt: 50 Euro. Aber der Onkelz-Fan verzeiht seinen Idolen viel. Auch das Comeback 2014, ebenfalls auf dem Hockenheimring, das es eigentlich nicht hätte geben dürfen. Weidner hatte den Fans zuvor jahrelang geschworen, dass er niemals der Versuchung einer Rückkehr erliegen würde.

An diesem Wochenende traf man sich also wieder in Hockenheim. Bei Youtube gibt es bereits zahlreiche Videos davon. Ein neues Lied hat die Band mitgebracht, immerhin. Die alten Stücke spielt die Band langsamer als früher. Lange Jahre der Drogensucht haben bei Sänger Russell deutliche Spuren hinterlassen. Den Fans ist es egal. Nach dem fünften Dosenbier ist es wie immer. Die zu kurz gekommenen stehen da unten. Die Helden der Gosse stehen da oben. Dass sie seit Jahrzehnten Millionäre sind, ist auch egal. Man schwört sich zum 1000. Male die Treue.

Alles ist wie früher. Ein paar Alt-Nazis stehen hinten rechts.

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