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Neues Album "We Were Here"
Das Pop-Duo Boy schwärmt wieder

Düsseldorf. Musik für die Wollstrumpf-Tage im Leben: "We Were Here" heißt das neue Album der Hamburger Erfolgsband. Es ist total schön. Von Philipp Holstein

Es ist interessant zu beobachten, wie die Menschen über das neue Album des Pop-Duos Boy sprechen. Fast alle hören es offenbar gerne und finden es schön, aber kaum jemand kommt ohne Einschränkung aus. Und zwar ohne eine jener Einschränkungen, die man an ein Lob hängt, weil man meint, dass zu viel Wohlwollen dann irgendwie doch unangebracht sei.

Das mag unentschlossen anmuten und unlogisch, aber man kann in diesem Fall nicht anders, denn das neue Album von Boy ist wirklich sehr schön. Allerdings auch ein bisschen langweilig.

"We Were Here" erscheint vier Jahre nach dem überraschend erfolgreichen Debüt: "Mutual Friends" war 2011 die Platte, die man zu Partys mitbrachte. "Für morgen früh", empfahl man dem Gastgeber augenzwinkernd, denn der fragile Folk-Pop von Valeska Steiner und Sonja Glass war etwas für die Wollstrumpf-Tage im Leben, für jene Momente, in denen man ein Reh sieht und an Bambi denkt, für Augenblicke, in denen man gern jemanden hätte, dem man die Haare aus dem Gesicht streichen darf.

Wenn man "Mutual Friends" im Auto hörte, bekam man Lust, seine Eltern zu besuchen. Und man seufzte viel. Das war sparsam und perfekt arrangierte Musik, die nach der kanadischen Sängerin Leslie Feist schielte: gezupfte Gitarre, Brummbär-Bass, bisschen Schlagzeug. Die Texte handelten von Zuneigung und Anziehung, vom Paarwerden und Paarsein und manchmal vom Paar-Gewesensein.

Es ging tröstlich zu, wahrscheinlich unterlegte die Lufthansa deshalb einen Werbespot mit einem Boy-Song. Der Hit der Platte, "Little Numbers", wurde bei Youtube 15 Millionen Mal geklickt. Boy tourten durch die USA, und in Japan erreichten sie Platz vier der Charts. Erschienen ist das Album bei Herbert Grönemeyers Grönland-Label, und der Boss machte keinen Druck: Lasst Euch Zeit mit dem Nachfolger, sagte er.

Nun ist er da: Man hört mehr Hall als auf dem Vorgänger, das Duo hat sich einen Synthesizer zugelegt, der zart vor sich hin pumpt. Die Texte erzählen davon, wie schön es wäre, auch mal woanders hinzufahren. Ansonsten bleibt sich Boy treu. So ist "We Were Here" so etwas wie das musikalische Gegenstück zum Roman-Erfolg "Altes Land" von Dörte Hansen: Sehnsuchtsmelodien für Gehetzte, Schmuse-Eskapismus für Seelen-Versehrte.

Dieser aquarellierte Schwärmer-Pop pflegt die lange Weile, er hat keine Haken und Ösen, tut niemandem weh – und warum sollte man jemandem weh tun wollen? Hier ist auf ewig Spätnachmittag im Früh-Herbst. Diese Musik ist akustisches Übergangsmäntelchen für Menschen, die gern am Meer lebten und bloß einen Fluss in der Nähe haben.

Sie ist echt total schön.

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