| 16.30 Uhr

Konzert in Düsseldorf
Bryan Ferry – Der letzte Gentleman

Bryan Ferry: Konzert in Düsseldorf
Bryan Ferry: Konzert in Düsseldorf FOTO: Chris Hafer
Düsseldorf. Bryan Ferry gab ein großartiges Konzert in Düsseldorf. 3000 Fans ließen sich vom 69 Jahre alten Dandy des Pop betören. Am Ende wurde es geradezu wild. Von Philipp Holstein

Am Anfang wirkte Bryan Ferry, als habe er sich am schweren Duft welker Lilien berauscht. Er stand vor dem Mikrofon im Halbdunkel und genoss mit geschlossenen Lidern die Einsamkeit, die einen Edelmann wie ihn ja stets umgibt. Er war ganz bei sich und doch sehr fern, ein Gentleman im Spiegelsaal der eigenen Versonnenheit.

Er sang mit sehnsüchtiger Flüsterstimme vom Mondlicht, das einen Fluss in Gold verwandelt, und davon, dass er sich nie wieder verlieben könne und sein Herz nun erkalte. Er stand vor dunkelroten Vorhängen, er war in seiner Weltabgewandtheit sehr britisch und ziemlich großartig, sehr edel und absolut unerschütterlich, und er trug ein begehrenswertes dunkles Sakko mit dezenten roten Streifen. Alles eher Dorian Gray als Dolce & Gabbana.

Das Konzert von Bryan Ferry in der Mitsubishi Electric Halle in Düsseldorf dauerte keine 90 Minuten, und der größte Anzugträger des Pop ließ sich kaum je zu einer Ansprache ans sitzende Publikum herab. Dennoch war das ein bemerkenswerter Abend. Ferry verwandelte die Mehrzweckhalle in einen Salon, und gerade in der ersten Hälfte war so viel Wehmut im Saal, eine schwüle Melancholie, die sich warm und angenehm auf die Brust der Zuhörer senkte. Man musste viel seufzen.

Ferry und seine zehnköpfige Band brachten "Avonmore", "Driving Me Wild" und "Slave To Love". Perlendes Keyboard, buttrige Gitarre, samtener Bass, cool temperiertes Saxofon. "Baby Makin' Music" hat man die sanft groovenden späten Alben von Roxy Music und die zwischen Opulenz und Understatement changierende 80er-Jahre-Musik von Ferry genannt, was einem an diesem Abend wieder in Erinnerung kam, da die goldbeschuhte Saxofonistin nämlich hochschwanger war.

Ferry spielte "Smoke Gets In Your Eyes" und "Don't Think Twice, It's Alright", und das Publikum genoss den schmerzerprobten Sex-Appeal des Mannes, der am 26. September seinen 70. Geburtstag feiert. Mancher trug Anzug, manche ein Kleid, es gab Sekt in Plastikkelchen, und die ältere Dame in Reihe fünf stöhnte, als sie das Smartphone Richtung Bühne hielt und Ferry nicht gleich in den Sucher bekam: "Wo ist denn nun der schöne Mann?" Da hatte Ferry bereits "Avalon" begonnen: "Now the party's over / I'm so tired."

Während andere Popstars Hotelzimmer verwüsten, dekoriert er sie neu, hieß es einst über Ferry, der bei Pop-Art-Vater Richard Hamilton studiert hat. Man stellt sich ihn daheim in seinem Landhaus in Surrey vor weißen Rosen und auf chintz-bespannten Kissen ruhend vor, während er Liebesbriefe danach sortiert, ob sie auf handgeschöpftem Büttenpapier verfasst sind.

Deshalb ist so faszinierend, was bei "Love is The Drug" passierte: Das Publikum stürmte an die Bühne, die Welt wurde zur Discokugel, und Ferry strahlte, schäkerte und ließ alle Contenance sausen. Während "tanzen" zuvor bedeutet hatte, dass er die flache Hand ausstreckte und den Daumen zittern ließ, machte er nun den "Käpt'n zur See": die Hand wie ein Dach an die Stirn legen und sich im Kreis drehen. Irre.

Ferry schickte die Roxy-Music-Kracher "Virginia Plain" und "Do The Strand" in die Halle, und man bekam Lust auf Gin Tonic. Der letzte Dandy echauffierte sich zwischenzeitlich derart, dass er das Sakko wechseln musste. In petrolfarbener Cordjacke sang er also "Jealous Guy", und als er danach gehen wollte, sah er das Publikum jubeln und rufen, und da hielt er inne. Er winkte und lächelte, und er wirkte den 3000 Menschen, von denen die meisten ein Großteil ihres Leben mit seiner Musik verbrachten haben, so ehrlich verbunden und so aufrichtig zugetan, dass das der schönste Moment des Abends war. Obwohl man längst keine Musik mehr hörte.

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