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Campino im Interview
"Ein Hosen-Album muss noch kommen"

Campino: "Ein Tote-Hosen-Album muss noch kommen"
Campino (53) im Hinterhof seiner Plattenfirma im Düsseldorfer Stadtteil Flingern. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Campino ist eine Institution - in Düsseldorf, und auch bei uns, als Gesprächspartner zum Jahresausklang. Im traditionellen Interview spricht der 53-jährige Sänger der "Toten Hosen" über Kindererziehung, Angela Merkel und die Pläne seiner Band.  Von Philipp Holstein

Campino sitzt am langen Tisch seiner ehemaligen Wohnung im Düsseldorfer Stadtteil Flingern. Der Raum mit der tief hängenden, verspiegelten Decke liegt über einer Lagerhalle im Industriegebiet. Heute residiert dort JKP, die Plattenfirma der Toten Hosen. Campino wirkt fit. Er trägt halbhohe Stiefel und einen schwarzen Wollpulli auf nackter Haut. Aus dem weiten Halsauschnitt kriecht ein Tattoo. Das Interview zum Jahresende hat Tradition: Es ist bereits das achte Mal, dass wir uns für ein solches Gespräch treffen. Dieses beginnt mit der Frage nach Campinos Sohn, der bei der Mutter in Berlin lebt.

Wie alt ist Dein Sohn jetzt?

Campino Elf. Und Deiner?

Sieben.

Campino Ah, okay. Ich weiß jetzt nicht mehr genau, wo mein Junge entwicklungsmäßig da stand. Ich weiß nur, dass er heute schon einen Planet weit entfernt ist von der Zeit, als er neun war. Mit sieben, acht Jahren fangen die Kids an, Radiohits zu hören, die typischen Chartslieder. Mit 12, 13 wählen sie schon bewusst aus und definieren sich sogar über die Musik. Mein Sohn ist Hardcore-HipHopper. Er ist vom Fachwissen her auf diesem Gebiet zehn Mal weiter als ich. Er hört gerne diese alten Sachen: Wu-Tang Clan, Dr. Dre.

Es gab tolle Platten damals. Kennst Du die Band A Tribe Called Quest?

Campino (notiert den Namen auf einer Serviette) Muss ich sofort aufschreiben. Manchmal gelingt es mir, Sachen auszubuddeln, die er nicht kennt. Bodycount zum Beispiel. Den Film "Straight Outta Compton" über die Band N.W.A. hat er nicht bloß einmal gesehen, da ging er am ersten Wochenende gleich zwei Mal rein. Ihn interessiert, wie das alles losging, und wer die Helden seines Helden sind.

Wer ist sein Held?

Campino Der Rapper Kendrick Lamar. Und wenn der von früher erzählt, von seinen Vorbildern, dann wird das auch verinnerlicht.

Manche Eltern statten Kinder mit T-Shirts der Bands aus, die sie selbst hören. Man bringt sie so schon mal auf Linie. Was denkst Du darüber?

Campino Man sollte das bei Kindern einfach laufenlassen. Es braucht ja eine Einstiegsdroge, und das muss etwas sein, was die Freunde auch gerne hören. Ich finde es völlig falsch, die Kinder durch den Musikgeschmack der Eltern in eine Art Außenseiterposition zu stellen. Das passiert unter Umständen sowieso von selbst, sobald die sich geschmacklich festgelegt haben.

Bei meinem Sohn ist es die rätselhafte Zuneigung zum 1. FC Köln.

Campino Uff.

Ich weiß nicht, woher er das hat.

Campino Ja, da scheint etwas Ernstes passiert zu sein. Schwierig. Das ist schon hart. (lacht) So eine Nummer hat mir mein Junge bisher zum Glück erspart.

Auf der Straße wird er wegen seines Köln-Schals doof angeguckt.

Campino Solche Reaktionen sind bestimmt Teil des Spaßes. Da spürt er, dass etwas Bemerkenswertes an ihm ist. Kritik kann da total kontraproduktiv sein. Jeder Junge, der Rückgrat hat, bleibt eh dabei. Gerade im Fußball ist es in der Regel so, dass frühe Vorlieben für immer bleiben.

Trauert man als Vater eines Elfjährigen schon der Zeit hinterher, als das Kind weicher war, anhänglicher?

Campino Ich habe bisher jede Altersphase als schön empfunden. Es ist eine ständige Intensivierung der Beziehung, weil ein Kind mit dem Älterwerden von den Gedanken her mehr in die Tiefe geht. Es entstehen mit der Zeit immer mehr Ebenen, auf denen man sich begegnen kann. Das ist schon toll, wenn die Kinder beim gemeinsamen Fußballspielen auf einmal anfangen, uns auszutricksen. Man muss dann nicht mehr so tun, als würde man ernsthaft verlieren. Tatsächlich gibt man mittlerweile alles, um zu gewinnen. Stillstand ist etwas Negatives, auch wenn man bestimmte Phasen gern festhalten würde, weil man glaubt: Wie die Kinder jetzt sind, müssten sie immer sein. Insofern begrüße ich jeden neuen Schritt. Meine Mutter hat immer gesagt: Das sind nicht meine Kinder, die sind nur geliehen. Dabei war sie mit sieben eigenen und den vielen Nachbarskindern, die immer da sein durften, eine extreme Mutter-Person. Sie mochte Kinder sehr gerne, aber sie hat sie auch immer loslassen können.

Hast Du Erziehungsgrundsätze?

Campino Ich glaube, dass wir Eltern nie so tun sollten, als wären wir die Freunde unserer Kinder. Wir sind eben die Eltern, das ist was anderes. Ich denke, dass Kinder es nicht sehen mögen, wenn Eltern Probleme haben. Mit unseren Schwierigkeiten müssen wir uns an unsere Freunde wenden, wenn wir Hilfe brauchen. Kinder sind emotional oft überfordert, wenn wir versuchen, unsere eigenen Probleme mit ihnen zu besprechen. Sie begeben sich sofort in die Position: Wie kann ich helfen, was kann ich dagegen tun?

Grenzt Du Dich in Sachen Erziehung bewusst von Deinen Eltern ab?

Campino Ich erkenne an, dass die Situation meines Vaters eine andere war. Er musste sich um ein halbes Dutzend Kinder kümmern und um ein Berufsleben, das ganz anders war als meins. Außerdem müssen Eltern in einer Einzelkind-Konstellation die Vertrauensperson ganz anders geben als in einer Familie mit Geschwistern. Natürlich haben sich auch die Zeiten geändert. Generationenkonflikte werden heute anders ausgetragen als früher. Jedenfalls nicht mehr über die Musik. Die Einstellung zur Erziehung allgemein hat sich ebenfalls völlig verändert: Der Pfad zum Erwachsenwerden führt über das Gespräch, das wissen wir jetzt. Früher hatte man sich zu fügen, eine gewisse Gefühlskälte spielte mit.

2015 war ein extrem schwieriges Jahr: Terror, Flüchtlingselend, Krieg. Wie kannst Du für Dich unterscheiden zwischen richtig und falsch?

Campino Da ist ein Kanon von Stimmen und Gedanken in mir. Jeder hat von seinem Zuhause und seinem Umfeld eine innere Moral mitbekommen, und in stürmischen Zeiten tut es gut, sich darauf zu berufen. Aber wir sollten keine Angst davor haben, unter Umständen unsere Meinung auch zu ändern. Es gibt einfach kein Rezept. Man muss immer probieren, zu einer Lösung zu kommen. Da hilft es nicht, Prinzipien verteidigen zu wollen. Die Menschen müssen gegenseitigen Respekt füreinander aufbringen und hoffen, dass jeder das Beste für die Gesellschaft will. Einander zuhören und annehmen, was der andere sagt.

Was bedeutet das konkret?

Campino Es ist zurzeit schwierig, in Interviews ein Statement abzugeben, das auch Wochen später noch seine Gültigkeit hat. Natürlich kommen wir jetzt auf Angela Merkel und ihren Kurs. Bisher hält sie eine bemerkenswerte Linie durch. Auch sie muss Kompromisse machen, aber sie hält ihr Meinungsschiff grundsätzlich auf Kurs. Aber wer weiß schon, was morgen geschieht, wie weit sie ihre Linie da noch fahren kann. Die Attentate von Paris haben die Argumentation pro Flüchtlinge extrem getroffen. Sie haben Ressentiments und Vorurteile gestützt - das war das Schlechteste, was passieren konnte, um eine Lanze zu brechen für Leute, die aus Syrien kommen. Terror befeuert die Ängste der Bürger.

Kannst Du die Sorgen vieler Bürger in Bezug auf die Flüchtlinge verstehen?

Campino Es gibt dieses Dorf in Hessen, eine 100-Seelen-Gemeinde. Es hieß zunächst, dass 400 Flüchtlinge dorthin kommen, aber am Schluss war die Rede von mehr als 1000. Das ist so eine Sache, da kann ich mir vorstellen, dass die Leute vor Ort sagen, dass ihre Dorfgemeinschaft im ursprünglichen Sinn so nicht mehr aufrecht zu erhalten ist. Es muss alles getan werden, dass die Verteilung der Flüchtlinge so läuft, dass die Neuankömmlinge nicht für einen Umsturz der Verhältnisse sorgen. Es darf nicht so krass zu spüren, und es muss zu kompensieren sein. Und das ist durchaus möglich bei einer Million Flüchtlinge auf 80 Millionen Leute, die hier leben.

Ich habe Dir etwas mitgebracht.

Campino (packt das Buch aus) Super. "M Train" von Patti Smith. Ich kenne es nicht, weiß aber jetzt schon, dass ich es mit größtem Interesse lesen werde. Ich verehre Patti Smith. Und ich kann ihre große Affinität zu Gedichten nachvollziehen.

Für das Buch fuhr sie zu den Gräbern ihrer Helden, zu W. G. Sebald, Proust und so weiter.

Campino Tolle Idee.

Wen würdest Du für solch ein Buch-Projekt besuchen?

Campino Hm. Man sollte meinen, Kurt Cobain wäre zum Beispiel für mich interessant. Aber Musiker wären mir da nicht so wichtig. Eher historisch relevante Figuren. Churchill vielleicht. Auch Brecht wäre nicht schlecht. Erich Kästner.

War Kurt Cobain wichtig für Dich?

Campino Wichtig insofern, als dass er eine unglaublich authentische Person war. Er hat für seine Generation den harten Gitarrenrock in den Mainstream geschossen. Nirvana waren bahnbrechend, was die Akzeptanz dieser harten und in sich gekehrten Musik angeht. Die Jungs machten Hits, die in puncto Gefälligkeit eigentlich keine Hits waren. Bands wie Green Day hätten nicht den Erfolg, wenn Nirvana nicht die Tür geöffnet hätten. Vorbilder sind sie aber für mich nicht, weil sie erst auf der Bildfläche erschienen, als meine Heldenverehrungsphase gelaufen war. Mir sind die Sex Pistols oder The Clash wichtiger gewesen.

Hast Du Cobain mal getroffen?

Campino Wir haben einmal mit Nirvana auf dem Roskilde-Festival gespielt. Man konnte dort schon erkennen, dass es ihm nicht gut ging. Nirvana hatte gerade "In Utero" veröffentlicht, das letzte Album, und die Kritiken waren schlecht. Mir hat die Band leidgetan. Es ist nicht zu begreifen, dass man nach einer Mega-Platte wie "Nevermind" mit 40 Millionen verkauften Exemplaren weitermacht, eine noch extremere und härtere Platte folgen lässt und trotzdem dafür angeschossen wird. Sie waren in der Konsumfalle und wollten deshalb beweisen, dass sie damit nichts zu tun haben. Es hat nichts geholfen, sie standen in der Kritik. Mit dem Tod Cobains hat sich das alles noch mal gedreht, und Nirvana wurden wieder hochgejubelt.

Wie wird es weitergehen nach der erfolgreichsten Platte in Eurer Karriere? Geht es überhaupt weiter?

Campino Ich habe das Gefühl, dass mindestens noch ein Album von uns kommen muss. Gerade nach "Ballast der Republik". Es wäre feige zu kneifen.

Wie wird sich die Platte anhören?

Campino Wo es genau langgeht, wissen wir nicht, aber es tut schon mal gut, die Gewissheit zu haben, dass man überhaupt weitermacht. Wir haben versucht, ein ruhiges Jahr zu gestalten. Und dann gab es den Anruf von Marek Lieberberg wegen "Rock am Ring". Wir konnten nicht nein sagen und haben dazu noch ein paar andere Konzerte angesetzt, und schon war das ruhige Jahr zerschossen. Wir wollen uns öffentlich nun zurücknehmen und uns darauf konzentrieren, neue Stücke zu schreiben.

Wann legt Ihr einander vor, was dabei herausgekommen ist?

Campino Im Sommer. Wenn wir bis dahin ein paar Lieder mit Substanz geschrieben haben, könnte es gelingen, 2017 ein neues Album zu veröffentlichen.

Quelle: RP
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