Sänger feiert 60. Geburtstag: David Bowie - das ewige Chamäleon
VON JÖRG ISRINGHAUS - zuletzt aktualisiert: 08.01.2007 - 08:30Ney York (RP). David Bowie hat den Pop-Zirkus um schrille Kunstfiguren wie Ziggy Stardust bereichert. Heute zählt er zu den einflussreichsten und vermögendsten Stars der Musikwelt. Am Montag wird der smarte Brite 60 Jahre alt.
Namen wechselte David Bowie wie andere die Unterwäsche. Major Tom, Ziggy Stardust, Thin White Duke, fast täglich überraschte er früher mit einer neuen Figur. Weil er das Spiel liebt - bis heute. Mit dem Publikum und dessen Erwartungen, vor der Kamera und auf der Bühne, mit Wahn und Wirklichkeit. Der strapazierte Begriff vom Pop-Chamäleon, bei Bowie passt er ausnahmsweise.
Auch wenn er heute als er selbst agiert, als eine Art Pop-Weiser, in Würde gealtert und noch nicht bereit, das Feld zu räumen. „Never Get Old“ heißt ein Lied auf seinem letzten Album, Drohung und Motto zugleich. Wohlwissend, dass sich die Zeit nicht überlisten lässt: Am Montag feiert David Bowie seinen 60. Geburtstag.
David Bowies Augen wirken unterschiedlich farbig: das rechte grünlich blau, das linke hellbraun. Ob dies angeboren ist oder der interessante Effekt von ihm selbst durch das Tragen einer Kontaktlinse erzeugt wird, darüber diskutieren Fans immer aufs Neue. Fakt ist, dass Bowie sich bei einer Schlägerei 1962 die Pupillenmuskulatur des linken Auges verletzte und seither unter einer geweiteten Pupille leidet.
Manchmal greift der als David Robert Jones in Brixton geborene Brite doch noch zur Maskerade. Im Film „The Prestige“, gerade im Kino, mimt er den schrulligen Erfinder Nicola Tesla, der einst die Elektrizität bändigte. Ein Auftritt, wie geschaffen für den Meister der Selbstinszenierung: Blitze zucken um Teslas Haupt, verleihen ihm eine mystische, nahezu göttliche Aura. Passender geht’s kaum.
Von Beginn seiner Karriere an suchte Bowie sich abzuheben vom Gewöhnlichen, schmierte sich Farbe in Gesicht und Haar, präsentierte seinen androgynen Körper und stilisierte sich als Zwitterwesen aus einer fremden Galaxie. Bowie, der Alien. Der Mann, der vom Himmel fiel. Um den Menschen seine Vision des Glam-Rock zu schenken.
Anfangs ein Ladenhüter
Nur wollte seine Visionen zunächst kaum jemand teilen, erwiesen sich die ersten Platten als Ladenhüter. Zu überfrachtet wirkte sein Gebaren, zu fern vom Alltag. Wen wundert’s, nahm sich Bowie doch zivilisationskritische Science-Fiction-Filme wie „Uhrwerk Orange“ oder „2001“ als Vorbild für sein gesamtästhetisches Konzept.
Den Rock erfand Bowie nicht neu, er sortierte ihn nur nach seinem Geschmack. Streute Rhythm’n’Blues, Soul und Disco ein, griff Elektronikeinflüsse von Kraftwerk oder Tangerine Dream auf, ließ sich von Star-Produzent Tony Visconti orchestrale Arrangements schreiben, arbeitete mit Brian Eno. Dank derart illustrer Mithilfe klappte es auch mit den Verkaufszahlen.
Mit Eno schuf Bowie 1977 sein Meisterwerk „Heroes“. Eine düstere, pompöse Platte, die auch Bowies Seelenleben spiegelte - drogenbefeuert, depressiv, desolat. Ein Produkt seiner schwermütigen Berliner Phase, wo er Tür an Tür mit dem ebenfalls drogenkranken Iggy Pop wohnte. Irgendwann aber erwachte Bowie aus seinem Rausch und startete in die 80er, sein kommerziell erfolgreichstes Jahrzehnt. Sein Motto: „Alles, was den Maßstab verändert, muss unterstützt werden“.
Mit „Let’s Dance“ und „China Girl“ eroberte er die Charts, mit Filmen wie „Begierde“, „Merry Christmas, Mr. Lawrence“ oder „Absolute Beginners“ schob er seine Kino-Karriere an. Hinter den Kulissen munkelte man von zig Affären - mit Frauen und Männern, darunter angeblich Mick Jagger und Iggy Pop. Die sexuell zweideutige Gestalt, die Bowie erschaffen hatte, verfolgte ihn auch im privaten Leben; erst nach seiner Hochzeit mit dem äthiopischen Model Iman 1992, mit der er Tochter Alexandria Zarah in die Welt setzte, beruhigte sich die Gerüchteküche. Ausgerechnet in Amerikas Hexenkessel fand Bowie seinen Lebensmittelpunkt: An Englishman in New York.
Börsengang
Der Popstar verwandelte sich zum letzten Mal - in den lässigen, lebensklugen Gentleman-Dandy, der genauso elegant mit Zahlen wie mit Noten jongliert. Bowie ging 1997 an die Börse, die erworbenen Rechte an 300 eigenen Songs im Rücken, und erlöste so 55 Millionen Dollar; sein Privatvermögen schätzen Experten auf mehr als eine Milliarde. Eigentlich müsste der 60-Jährige sich und anderen nichts mehr beweisen, weder musikalisch noch bezüglich seiner Wirkung. Bowie hat im Pop-Zirkus alles erreicht, die Jungen liegen ihm zu Füßen, die Alten blecken neidisch die dritten Zähne.
Selbstverständlich veröffentlicht er trotzdem weiter neue Platten. Und präsentiert sie, wie „Reality“ im Jahr 2003, getreu seiner Devise, das Besondere zu bieten, als Live-Show per Satelliten-Übertragung zeitgleich der Welt. Ein bis dato nie versuchtes Wagnis - dem Mann, der sich seinen Namen vom Paten des Bowie-Messers entlieh, gelingt’s natürlich. Der Brite hat stets viel riskiert, und es hat sich meistens ausgezahlt. Vor zwei Jahren aber, während seiner Konzerttour, rettete ihn nur eine Not-Operation vor dem Herztod. Seither tritt der Star etwas kürzer. Aber Bowie ist ein Spieler, und die haben ja bekanntlich immer ein As im Ärmel.
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