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Neues Album "Blackstar"
David Bowie – der Mann, der vom Himmel fiel

David Bowie mit neuem Album "Blackstar": Der Mann, der vom Himmel fiel
FOTO: dpa, hjb wst hjb gfh
Düsselldorf. Wenn David Bowie ein Selfie machen würde, wen bekäme man zu sehen – und wenn ja wie viele? Der Mann, der am Freitag 69 Jahre alt wird, ist der Verwandlungskünstler des Pop. Er nannte sich "Ziggy Stardust", war der "Thin White Duke", und im gleichnamigen Film von Nicolas Roeg spielte er den "Mann, der vom Himmel fiel". Von Philipp Holstein

Man kann ihn nicht fassen, er ist nicht von hier, er kommt von irgendwo aus dem All, und sein Anliegen ist es, uns Irdischen zu zeigen, dass Popmusik allerherrlichster Bohei ist, Licht nämlich und Nebel und Glitzerkram, und dass man mit ihrer Hilfe der bescheuerten Welt entfliehen kann und auch seiner Existenz und sogar seinem Ich – zumindest für die Dauer eines Songs.

Nun veröffentlicht Bowie ein neues Album, es heißt "Blackstar", und zu diesen sieben Stücken liefert er eine weitere Inkarnation: der Künstler als alter Mann. Bowie befindet sich in seiner klassizistischen Phase, er zitiert die Klangelemente seiner großen Alben aus den 70ern, auf deren Ästhetik sich heute so viele jüngere Musiker beziehen, auf "Station To Station" (1976) und "Low" ('77) vor allem und auf "Lodger" ('79).

Meistens groovt es hitzig

Es gibt das berühmte und von Walter Benjamin interpretierte Bild von Paul Klee, das den Engel der Geschichte zeigt. Der Engel blickt in die Vergangenheit, wird aber von einem kräftigen Wind aus dem Paradies in die Zukunft getragen. "Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm", schreibt Benjamin. Bowie geht nun den umgekehrten Weg, er kommt schwer bepackt aus der Zukunft, von jenem ortlosen Raum also, der jahrzehntelang der Fluchtpunkt seiner Kunst gewesen ist, und er sammelt die Wegmarken ein, die er einst zurückgelassen hat.

Bowie erfindet nicht, sondern findet; er kompiliert und kuratiert. Man hört auf dem vom alten Gefährten Tony Visconti produzierten "Blackstar" keine klassischen Popsongs mit Refrains. Er arrangiert Suiten wie das zehn Minuten lange Titelstück. Er mischt den Krautrock von Bands wie Neu! mit 70er-Jahre-Elektronik und Funk.

Bowie hat den US-Saxofonisten Donny McCaslin und sein Quartett engagiert, und der bringt den Jazz auf diese Platte. Meistens groovt es hitzig wie bei Miles Davis in den späten 60ern. Aber manchmal bläst McCaslin auch mit eisigem Atem auf die Songs. Danach zerschlägt er sie, und die Splitter steckt er in eine Mühle, um sie zu zermahlen und die Klangpartikel neuerlich auszustreuen.

Viel Hall auf den Arrangements

Die Stimmung ist düster, schwermütig mitunter, die Atmosphäre diesig, vernebelt. Es liegt viel Hall auf den komplizierten Arrangements, und für den Rhythmus hat sich Bowie Inspiration beim 28 Jahre alten kalifornischen Rapper Kendrick Lamar und dessen Meisterwerk "To Pimp A Butterfly" geholt. Schwere HipHop-Beats strukturieren einige Songs, manchmal geht es in Richtung Drum & Bass, dann erinnert der Sound an das nervöse Spätwerk von Radiohead.

Die Platte ist großartig, und das Schönste daran ist womöglich Bowies Altersstimme. 2013 kehrte er unerwartet zurück, das war das große Comeback nach zehn Jahren Stille, nach dem Auftritt beim Hurricane-Festival also, wo Bowie die Bühne mit Herzproblemen verließ und notoperiert werden musste. "The Next Day" hieß das Album, und das Brüchige und Waidwunde in Bowies Stimme, die die Höhen nicht mehr erreicht, die aber durchaus schmeicheln, flehen und sehnen kann, hörte man erstmals auf der Single zum damaligen Album, in der Ballade "Where Are We Now?". Der Rest der Platte war indes mittelmäßig und bestand aus stampfenden Rocknummern, bei denen Bowie seltsam gewöhnlich klang.

Das ist nun anders, diese Platte ist um Längen besser, und Bowie präsentiert seine tolle Stimme, die heimatlos wirkt wie die eines Wesens, das elektronisch blinkend durch die Unendlichkeit trudelt, sonnenlos erfroren, klein und verloren.

Bowie befindet sich auf dem Rückflug

Bowie betritt keine Bühne mehr, er gibt keine Interviews und taucht nur ausnahmsweise in der Öffentlichkeit auf. Seinem Abbild in aktuellen Video-Clips wie "Lazarus" und "Blackstar" kann man nicht trauen, das sind weder Porträts noch Zustandsbeschreibungen, sondern stark bearbeitete Selbstentwürfe. Bowie ist zum Geist geworden, zum Schemen. "So I've turned myself to face me / But I've never caught a glimpse" heißt es in dem Klassiker "Changes" aus dem Jahr 1971. Bei dem Versuch, sich selbst zu ergründen, gelangt Bowie an kein Ende – so kann man die Verse deuten.

Er kommt sich im Spiegelkabinett selbst abhanden, alles ist Transit. Wenn man über ihn spricht, hat man eine Galerie von Bildern im Kopf, ein Panoptikum an Bühnen-Figuren. "David Bowie is" hieß denn auch die Ausstellung in London und Berlin, die seine Kostüme zeigte. Die Leute pilgerten hin, um ihm auf die Schliche zu kommen, doch sie fanden ihn nicht, sondern wunderten sich, dass sie in keinem der Stücke Schweißflecke entdeckten. Wer ist Bowie? Es gibt keine Antwort.

Sicher ist nur dieses: Bowie ist ein Gigant. Er ist derjenige, der bewiesen hat, dass Popmusik Kunst ist. Sie arbeitet mit Bildern, die klingen, und diese Bilder machen nicht nur mit deinem Kopf etwas, sondern auch mit deinen Hüften. "Blackstar" ist ganz sicher die Platte eines alten Mannes, aber eines alten Mannes, der das Neue geschaut hat, die Zukunft. Bowie befindet sich auf dem Rückflug, und mit jedem Album kommt er uns neuerlich in den Blick. Es ist ein bisschen wie mit dem Halleyschen Kometen: Man sollte sich das ansehen. Wer weiß, wann man noch einmal die Gelegenheit bekommt.

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