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Interview mit Depeche Mode-Kopf Martin Gore
"Ich bin von der Menschheit enttäuscht"

Depeche Mode: Interview mit Martin Gore "Ich bin von der Menschheit enttäuscht"
Depeche Mode in Mailand (Archivaufnahme vom 11. Oktober 2016). FOTO: dpa, kde
Düsseldorf. Die britische Band Depeche Mode hat soeben ihr neues Album "Spirit" veröffentlicht. Martin Gore, der Kopf der Gruppe, spricht über seine Idole, den Musikgeschmack seiner Kinder und die verblüffende Vorliebe der Neonazis für seine Band. Von Philipp Holstein, Berlin

Viel Gewusel im Waldorf Astoria am Bahnhof Zoo: Depeche Mode sind in Berlin, um ihr neues Album "Spirit" vorzustellen. Es ist noch düsterer als gewohnt und brummt sehr versonnen in der Mittellage vor sich hin – die Welt, sie ist halt so zurzeit. Dave Gahan, der Sänger, der sich einen dünnen Bart über der Oberlippe hat wachsen lassen, schreitet über den tiefen Teppich in der zweiten Etage. Alle werden still und schauen ihm hinterher: wie eine Schlange bewegt er sich, so charismatisch und elegant.

In einer großen Suite, die aber bis auf zwei Stühle und ein Tischen leer ist, residiert sein Bandkollege und Widerpart Martin Gore. Früher gingen Depeche Mode mit einem Dealer und einem Psychologen auf Tour, munkelt man, der Dealer war für Gahan, der Arzt für Gore. Nachdem Gahan fast an einem Drogencocktail gestorben wäre, schon klinisch tot war, lassen sie es ruhiger angehen. Gore ist 55, sehr ruhig und sehr freundlich. Er trägt einen grauen Flausch-Pulli und Doc Martens, und er sitzt goldgelockt da wie ein König im Exil.

Welche drei Platten haben Sie zu dem Mann gemacht, der mir heute gegenüber sitzt?

Gore Mein erster und größter Einfluss ist David Bowie. Als ich elf war, kam "Ziggy Stardust" heraus, und mein Cousin schenkte mir die Platte. Ich weiß gar nicht mehr warum. Ich war sofort gefangen genommen, ich war fasziniert.

Und die zweite Platte?

Gore Als ich zehn war, fand ich einen Kasten mit Schallplatten. Es waren alles Singles, und sie gehörten meiner Mutter. Elvis, Chuck Berry, Del Shannon, The Platters. Platten aus der Rock 'n' Roll-Ära. Wegen dieser Singles verliebte ich mich in die Musik. Ich saß in meinem Zimmer vor einem kleinen Plattenspieler und hörte wieder und wieder dieselben Songs.

Und die dritte Platte?

Gore Das ist das Weiße Album von den Beatles.

Oh, ausgerechnet das Weiße Album. Es ist ihre schwierigste Platte.

Gore Ja, das stimmt. Deshalb mag ich sie. Es ist so anders. Sehr spannend. Man hört der Platte an, dass Paul und John sich in andere Richtungen entwickelten.

Ich hätte gedacht, Sie würden Kraftwerk als Einfluss nennen. Haben Sie die Gruppe jemals getroffen?

Gore Wir haben mal in Aachen gespielt. Das war sehr früh in unserer Karriere, 1982, glaube ich. Und wir hörten, dass Kraftwerk zur der Show kommen würden. Wir waren unglaublich aufgeregt, denn Sie waren unsere großen Idole. Wir benutzten damals einen PPG-Synthesizer. Der war eigentlich nicht zum Reisen geeignet. Und er ging während des ersten Songs kaputt. Der Auftritt wurde grausam, denn das war ja unser wichtigstes Keyboard. Wir trafen Kraftwerk dann nicht mehr. Man sagte uns nachher, sie hätte es schrecklich gefunden und seien vor dem Ende der Show gegangen.

Wie hören Sie Musik?

Gore Fast nur als Downloads. Ich habe aber auch einen Plattenspieler und manchmal kaufe ich mir Vinyl. Aber selten.

Wie stoßen Sie auf neue Musik?

Gore Nach Techno suche ich auf der Internet-Plattform Beatport. Ich höre aber auch viel klassische Musik. Die finde ich bei iTunes.

Ihr Sohn müsste jetzt 14 sein.

Gore Vierzehneinhalb.

Welche Musik mag er?

Gore Er mag die Band The Killers.

Glauben Sie, man kann den Musikgeschmack seiner Kinder beeinflussen?

Gore Hm. Ich habe fünf Kinder. Drei sind schon groß, zwischen 14 und 25, zwei noch ziemlich klein. Das jüngste kam übrigens am Montag auf die Welt.

Herzlichen Glückwunsch!

Gore Danke. Jedenfalls glaube ich nicht, dass man ihre Vorlieben beeinflussen kann. Es liegt in den Genen, ob sie ein Ohr für Musik haben. Ob es ihre Leidenschaft wird. Meine Kinder sind sehr musikalisch.

Das Depeche-Mode-Debüt "Speak & Spell" von 1981 war ihr erstes optimistisches Album. Und ihr letztes.

Gore (lacht laut auf)

Was ist danach mit Ihnen passiert? Was hat sie so traurig gemacht?

Gore Vince Clarke ist gegangen. Seitdem bin ich traurig. (Anmerkung: Clarke war Gründungsmitglied bei Depeche Mode, stieg aber früh aus und gründete die Bands Yazoo und Erasure)

Glauben sie nicht, dass über Melancholie bereits alles gesagt ist?

Gore Ach, wenn man diese Logik auf alle Kunstbereiche anwenden würde, müsste man gar nicht mehr anfangen, neue Kunst zu produzieren.

Lange Zeit schrieben nur Sie die Songs für Depeche Mode. Das hat sich verändert. Dave Gahan hat vier Stücke auf der aktuellen Platte geschrieben. Verschiebt sich das Machtgefüge?

Gore Dave schrieb bereits drei Stücke auf "Playing The Angel", drei auf "Sounds Of The Universe" und drei auf "Delta Machine". Und nun hat er wieder drei geschrieben, das vierte haben wir gemeinsam geschrieben. Das geht also schon eine ganze Weile so.

Man spürt neuerdings Zorn und Wut in Ihren Stücken, in "Fail" vor allem.

Gore Ja. Ich bin enttäuscht von der Menschheit zurzeit, das sind trostlose Zeiten. Wenn man beim Liederschreiben mit vollem Herzen dabei ist, ist die Reaktion Zorn.

Deutschland fühlten sie sich immer schon verbunden. Was macht uns so attraktiv?

Gore Wir kamen 1983 nach Berlin. Wir wollten unbedingt im Hansa-Studio aufnehmen, wo Bowie gearbeitet hatte. Und es war toll. Das waren die 80er, und West-Berlin war der Ort, an dem man sein musste. Tolle Clubs, große Künstler. Ich hatte eine deutsche Freundin damals. So zog ich her für zwei Jahre.

Wo lebten Sie?

Gore In Charlottenburg.

Hat Deutschland ihre Ästhetik beeinflusst?

Gore Ein bisschen bestimmt. Nehmen sie Kraftwerk oder den Krautrock. Das sind wichtige Einflüsse für mich.

Mögen sie aktuelle Künstler von hier?

Gore Ich mag Atom TM sehr. Und Alva Noto. Und das Label Raster Noton.

Das sind alles Techno-Künstler. Diesen Einfluss spürt man auch in den Remixen Ihrer Songs. Suchen Sie die Remixer aus?

Gore Wir alle. Außerdem haben wie einen Freund, der sich sehr gut auskennt. Wir sitzen dann zusammen und entscheiden, wem wir die Aufträge geben. Auf der Deluxe-Edition der aktuellen Platte haben wir übrigens selbst Remixes geliefert.

Der US-Neonazi Richard Spencer hat sie jüngst als offizielle Band der alternativen Rechten bezeichnet. Er sei ein Fan, und zwar wegen des angeblich faschistischen Elements in Ihrer Musik. Was sagen Sie dazu?

Gore Wir waren schockiert. Und sehr verdutzt. Nehmen Sie irgendeins unserer Alben, schauen sie auf die Texte, und Sie werden sehen, dass wir eher links als rechts stehen. Ein Freund von mir sagte, der Kerl möge sich mal Bilder von uns aus den 80er Jahren ansehen. Wir trugen Make-up und Minirock: Sehen diese Typen aus wie die Posterband der Rechtsradikalen?

Philipp Holstein führte das Gespräch.

Konzerte Am 5. Juni tritt Depeche Mode im Rheinenergiestadion in Köln auf. Am 4. Juli in der Veltins-Arena in Gelsenkirchen. Karten unter www.westticket.de

 

 

 

 
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