Tom Petty ist gestorben

Der Alltagslyriker

Tom Petty and the Heartbreakers 2008 bei der Halbzeitshow beim Super Bowl in Arizona. (Archivbild) FOTO: dpa, msc_dz_hak kde hjb

Düsseldorf. Mit Tom Petty verliert die Welt einen großen Songschreiber. Seine Lieder erzählen davon, wie es sich anfühlt zu leben. Eine Würdigung.

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Das ist ein schmerzhafter Verlust. Tom Petty war nicht irgendein Musiker, er war ein Lebensmaler, er malte unsere Leben bunt an. Seine Songs waren immer in der Luft, seit den 70er Jahren. Man musste gar keine LP oder CD kaufen, die Stücke liefen im Radio, in den Läden und Cafés. Sie waren in der Welt und erreichten ihre Hörer aus eigener Kraft. Sie bildeten den Soundtrack des Alltags. Bei Twitter und Facebook posten jetzt viele Menschen Songzeilen, und obwohl meist nicht dabei steht, aus welchem Lied die Verse stammen, hat man die Stücke doch direkt im Kopf: Man liest "She's a good girl" und summt "Free Fallin'".

Das hat er hinbekommen, dass offenbar in jedem Kopf ein geheimer Vorrat an Petty-Versen ist, eine Rumpelkammer voll mit seiner Alltagslyrik - ob man sich nun als Fan bezeichnet oder nicht. "I'm Learning To Fly / But I Ain't Got Wings" hat er gesungen. Er gilt ja als ur-amerikanisch, und das ist er natürlich auch, allein diese staubig, leicht angerostete Stimme.

Aber Petty hatte eben auch ein Faible für britischen Pop, für die himmelstürmenden und symphonischen Melodien der Beatles vor allem. Und wie seine Kollegen aus England kannte Petty den Weg zu den Herzen der Menschen. Man muss sich nur noch einmal "Into The Great Wide Open" anhören. Seine Lieder konservieren einen flüchtigen Stoff, vielleicht kann man ihn Glück nennen. Existenzielles Aroma. Diese Lieder erzählen davon, wie es sich anfühlt zu leben.

Ein Händchen für den treffenden Vers

Tom Petty hat bewiesen, dass drei Minuten lange Popsongs so gehaltvoll wie dicke Roman sein können. Er hatte ein Händchen für den treffenden Vers. Wenn man eines seiner Stücke im Autoradio hört, denkt man: Der meint ja mich. Lieder sind Wegmarken, man könnte die Biografien so vieler Menschen an Liedern entlang erzählen. "Wir erzählen uns Geschichten, um zu überleben", hat die amerikanische Schriftstellerin Joan Didion gesagt.

Man darf diesen Satz ruhig abwandeln: Wir singen und hören Lieder, um zu überleben, und Tom Petty wusste das. Klingende Geschichten aus der Historie der Gegenwart. Wie oft hat man eine seiner Zeilen und Melodien im Kopf, in den banalsten Momenten. Er besang ja alles Mögliche, das schöne Unbedeutende, das man leicht vergisst und das sich doch ablagert im Menschen und am Ende seine Persönlichkeit ergibt. Das ist die wahre Songwriting-Kunst, dass das Lied bereits da ist, wenn der Hörer die dazu passende Erfahrung macht.

Tom Petty ist tot. The Sky was the Limit. Jetzt herrscht über das Leben wieder die Erinnerung.

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