Neues Musical in Berlin: Der doppelte Udo Lindenberg
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 14.01.2011 - 13:13(RP). In Berlin hatte "Hinterm Horizont" Premiere, das Musical mit den großen Hits von Udo Lindenberg. Es erzählt eine deutsch-deutsche Liebesgeschichte aus der Biografie Lindenbergs. Der 64-Jährige trat nach der Premiere selbst auf die Bühne und sang für Publikum und Schauspieler.
Am Ende muss man doch noch heulen. Da steht das Ensemble vollzählig auf der Bühne und gibt zum zweiten Mal "Horizont", das Lied, das den härtesten Hund volley ins Herz trifft, da ist so viel drin, du und ich und die Liebe und Deutschland und alles. Und Udo Lindenberg muss auch weinen, er schickt seinen Leibwächter Eddy Kante auf die Bühne vor, das Terrain sichern.
Dann folgt der Chef mit diesem wippenden Gang, Schmolllippen wie ein gestrandeter Kussfisch – eine Mischung aus Karl Lagerfeld, Heiner Müller und Keith Richards. Er bedankt sich bei den Schauspielern, und er redet, "irgendwie einfach so'n bisschen mal sehen wieder völlig fertig" – was Lindenberg halt redet – "gucken was los ist weißte kommt nicht so drauf an alles klar". Easy-Sprech, Schubidu-Poesie, Nuschel-Oper.
Wenn die Nachtigall nicht weiß, wohin mit ihrer Erregung, dann fängt sie an zu singen, und Lindenberg lässt sich ein Mikro mit langem Kabel reichen, er will nicht, dass der Abend schon aus ist. Er schwingt die Strippe wie ein Lasso und beginnt ansatzlos: "Ich mach mein Ding" singt er, und singen und sprechen sind bei ihm dasselbe. Die Band stimmt ein, mit ordentlich Druck, obwohl die Show schon mehr als drei Stunden dauert.
Eierlikör fürs Publikum
Das Publikum steht natürlich längst, sie rufen und applaudieren, laufen nach vorne, das Musical ist jetzt Konzert. Eddy Kante verteilt Eierlikör, und zwar mit Nachdruck, so dass alle ein Glas nehmen, selbst wenn sie Likörchen gar nicht mögen, und es ist ganz wunderbar und schön, wie in "Udopia" – so hieß mal eine Platte von Lindenberg.
Der 64-Jährige hat nun ein eigenes Musical in Berlin, wie schon Udo Jürgens in Hamburg, und "Hinterm Horizont" hatte soeben im Theater am Potsdamer Platz Premiere. Es erzählt die wahre Geschichte des legendären Auftritts von Udo Lindenberg im Palast der Republik 1983. Lindenberg lernt in der DDR ein Mädchen kennen, Jessy, sie verlieben sich. Ein paar Wochen später trifft er sie in Moskau, Jessy wird schwanger, aber Lindenberg weiß von nichts, und Jessy muss das Kind alleine großziehen. Dann fällt die Mauer, und im Hotel Atlantic in Hamburg feiert die Patchwork-Familie Wiedersehen.
Das ist sehr lustig gemacht, durchaus selbstironisch. Dem aus Leverkusen stammenden Hauptdarsteller Serkan Kaya gelingt die schwierige Anverwandlung, er singt zwar nur ungefähr wie Lindenberg, was aber nicht schlimm ist, sondern Peinlichkeiten vermeidet. Er strahlt so eine Unschuld aus, eine Arglosigkeit, er karikiert nicht, er will sein. Die Produzenten haben den Mut, die Grenzen des Genres Musical zu sprengen: Doku-Material vom Mauerbau wird eingespielt, ein paar Filmchen sorgen für Abwechslung, und das mitunter zotige Libretto schrieb "Sonnenenallee"-Autor Thomas Brussig, der 1983 das Lindenberg-Konzert nicht sehen konnte, obwohl er durch die Spree zum Konzertsaal schwamm.
Manchmal geht es ein bisschen daneben, etwa in der Szene, als die Stasi die hochschwangere Jessy mit einem Schlag in den Bauch traktiert. Da erscheint auf einem übergroßen Hut der Musical-Lindenberg und singt "Wenn du down bist". Das ist arg lakonisch, aber es bleibt der einzige Ausschlag nach unten, die Singstimmen werden sie in den folgenden Aufführungen sicher auch weiter nach vorne mischen, kann man also drüber wegsehen, Schwamm-drüber-Blues.
Zarte Seelen aus dem Westen
Problematischer hingegen: Für zarte Seelen aus dem Westen, die die aufbrechende Sehnsucht einst mit Lindenbergs wehen Arrangements verpflasterten, ist die Verlegung des Udo-Kosmos hinter die Mauer gewöhnungsbedürftig. Gerade die frühen Songs erzählen doch eindeutig vom Leben in der alten BRD, die riechen nach Astra Pils und nicht nach Club Cola, denkt man, Kleinstadt-Moritaten wie "Sternentaler" und "Cello", diese sentimental Rückschau haltenden Träumer-Balladen, in denen "Im Jemen" auf "Inge Meysel als Geisel nehmen" gereimt wurde und "In den Lederjackentaschen" auf "dicke Feuerwasserflaschen".
Im Musical spielt sich nun alles in Pankow ab, da lebt Jessy, da singt sie Lindenbergs Lieder. Die Macher haben das Problem durchaus erkannt, einige der 26 Songs werden daher in entkernten Versionen dargereicht. So gibt es von "Daumen im Wind" eben nur die Strophen, die zur Beschreibung einer Flucht von Ost nach West taugen.
Udo ist für jeden da, wir gehören alle zum Clan der Lindianer, und die Mauer in den Köpfen muss endlich weg. Insofern hat die East Side Story durchaus eine Mission. Und spätestens als der Minister für Staatssicherheit auf der Bühne "Straßenfieber" singt, ist man auf Linie, im Groove, das Lied passt gut, in der DDR herrschte ja auch "Eiszeit statt Zärtlichkeit", irgendwie.
Szenen der Maueröffnung
Man erfreut sich an den für nahezu jedes Lied wechselnden Bühnenbildern, die unter dem mächtigen Kulissen-Hut aus dem Boden gehoben werden, und an den Liedern, klar. "Mädchen aus Ost-Berlin", "Reeperbahn", "Ich lieb dich überhaupt nicht mehr", "Andrea Doria", "Sonderzug nach Pankow". Volkslieder sind das, das Publikum singt mit, die stolze Unbeugsamkeit und den Durchhaltewillen der Verse, das hat man gern in Berlin.
Und als am Ende Szenen der Maueröffnung gezeigt werden und – so blöd das ist – das rote Ampelmännchen mit seinem westlichen Kollegen tanzt, wird einem wohl. Alte Wörter kitzeln auf der Zunge, Blümchenkaffee, saumselig, Sommerfrische, Bandsalat, blümerant. Einfach so kommt einem das in den Sinn.
Für einen Moment ist man überzeugt, es stimme, was Lindenberg vor der Premiere gesagt hat, dass er nämlich zum Fall der Mauer beigetragen habe, indem er mindestens ein Stück Stein wegsang. Geschichtsklitterung aus dem Geist des Rock and Roll. Man möchte Lindenberg umarmen, der würde das geschehen lassen, aber er singt gerade, und man will nicht stören.
Und weil man auch nicht weiß, wohin mit dem Sentiment, zitiert man den Jazzer Pablo aus Lindenbergs Lieblingsbuch, Hesses "Steppenwolf": "Es kommt ja in der Musik nicht darauf an, dass man recht hat, dass man Geschmack und Bildung hat und all das. Es kommt darauf an, dass man musiziert, dass man so gut und so viel und so intensiv wie möglich musiziert."
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