Madonna feiert Geburstag: Der Pop wird 50
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 15.08.2008 - 14:47Düsseldorf (RP). Das erste der neuen Mädchen: Die amerikanische Sängerin Madonna hat die populäre Kultur seit den 1980er Jahren entscheidend verändert. Es gibt keinen größeren Popstar als sie. Dennoch mehren sich die Anzeichen, dass die clevere Geschäftsfrau ein Auslaufmodell ist.
Im Sommer 1983 hatte die 25-jährige Madonna ihren ersten großen Hit mit der rührend unschuldigen Nummer „Holiday“. Damals war der Walkman von Sony das liebste Spielzeug, man verwendete das Videosystem Betamax fürs heimische Kinoerlebnis, der „Spiegel“ titelte mit „Aids - die rätselhafte Krankheit“, und Papst Johannes Paul II. rehabilitierte Galileo Galilei. Es ist viel passiert seither, es hat sich einiges verändert. Und Madonna hatte ihren Anteil daran.
Heute ist Madonna, geboren am 16. August 1958, der größte Popstar der Welt und wohl auch der letzte. Es wird solche Phänomene nicht mehr geben: eine, auf die sich alle einigen können. Eine, die etwas vormacht, und alle machen es nach. Die musikalische Stilvielfalt ist unübersichtlich geworden, den Mainstream gibt es nicht mehr.
Zudem hat die Popmusik ihre Bedeutung als Katalysator für jugendliche Rebellion eingebüßt, Widerstand kommt ohne Soundtrack aus, Tonträger als Währung für Ruhm spielen keine Rolle mehr. Der Pop ist alt geworden. Und Madonna mit ihm.
Damals war sie ein bisschen mollig um die Hüften, sie schminkte sich einen Leberfleck über den linken Mundwinkel, das stand ihr gut. Sie floh 1978 aus ihrem italo-amerikanischen Elternhaus in Michigan nach New York, mit 35 Dollar in der Tasche, so will es der Mythos. Sie arbeitete als Tänzerin, als Fotomodell mit wenig an, sie sang die Hintergrundstimme für Interpreten wie Patrick Hernandez („Born to be alive“).
Madonna Louise Veronica Ciccone war ein Gossenmädchen, aber eines mit Stil, mit Power, sie hatte Lust auf die Gegenwart, sie trug die Nase hoch, so konnte sie den Zeitgeist besser einatmen. Der Zeitgeist und sie wurden unzertrennlich, die Zuneigung hatte Bestand, erst in den vergangenen Wochen bemerkte man Zerrüttungen.
Mit Kruzifix und Haarspray
Madonna zeigte, wie sexy Aufbegehren sein kann. Sie trug weiße Spitzenhandschuhe, hängte sich Kruzifixe um den Hals und trug Frisuren, für die man Haarspray braucht. Sie war das erste der neuen Mädchen, die Männern Angst machen, weil sie deren Strategien zur Weltaneignung übernahmen, aber sie zugleich persiflierten, ironisch brachen. Sie war Warren Buffett mit der Frisur von Marilyn Monroe.
Madonna sagte: Ich will das, ich mache das, ich schaffe das. Und: Ich bin frei, weil ich mir die Freiheit nehme. Dabei war ihr klar, dass sie nicht alles selber machen kann. Sie engagierte Leute, die sie auf den neuesten Stand brachten, ihr aber nicht gefährlich werden konnten: Produzenten wie Jellybean, William Orbit, Mirwais, Stuart Price. Sie brachte das Prinzip des Outsourcing in den Pop. Sie behielt die Zügel in der Hand, bekam, was sie wollte, hatte die Kontrolle - bis zum aktuellen Album „Hard Candy“.
Heute wird ihr Vermögen auf 600 Millionen Dollar geschätzt. Madonna war Sängerin, Schauspielerin, Autorin. Eben hat sie ihren Vertrag mit der Plattenfirma Warner erfüllt. Sie unterschrieb einen neuen beim Veranstalter Live Nation, bekommt rund 120 Millionen Dollar für Tourneen, drei neue Studioalben und den Verkauf von Fan-Artikeln.
Madonna hat sich in die Rolle der Geschäftsfrau zurückgezogen. Als sie noch eine Künstlerin war, erzählten ihre Hits „Into the Groove“, „Material Girl“, „True Blue“, „Papa don’t preach“ und „Like a Prayer“ in dreieinhalb Minuten mehr über das ausgehende 20. Jahrhundert als manches Geschichtsbuch. Die Stücke „Music“ und „Hung up“ definierten Pop im 21. Jahrhundert: eklektisch, vollsynthetisch, anmaßend, mitreißend.
Madonna war nie stilsicher, sie wechselte zwischen Dance, Pop, Soul, Ballade, Pin Up und Chanteuse. Aber sie war lebendig, auf der Suche, und sie hatte Gefühle, war interessant. Oft verschwendete sie sich in Affären, die Liste ihrer Liebhaber hat Unterhaltungswert: Dennis Rodman, Warren Beatty, Vanilla Ice, Nick Kamen plus namenlose Tänzer/Fitnesstrainer.
Ihre wunderbarste Zeit war die vierjährige Ehe mit Schauspieler Sean Penn. Madonna war verliebt, sie ließ sich gehen, sie war eine Frau, die sich jemandem ergab, weil es schön war, weil sie so frei war, und man sah ihr gern dabei zu. Das ist lange her.
Der Körper als Panzer
Neulich soll die inzwischen mit dem zehn Jahre jüngeren Regisseur Guy Ritchie verheiratete Madonna wieder eine Affäre gehabt haben, mit dem Baseballspieler Rod Rodriguez, der bei seinen Kumpels den Spitznamen „streunende Rute“ führt. Madonna hat etwas Maschinenhaftes bekommen, ihr muskulöser Körper ist ein Panzer, der die Gegenwart auf Abstand hält. Sie steckte ihn für die Cover-Aufnahmen von „Hard Candy“ in einen eigenartigen Domina-Boxer-Anzug. Er sieht eng aus, Madonna wirkt nicht mehr frei.
Zum ersten Mal wählte sie mit Timbaland einen Produzenten, der es mit ihrer Popularität aufnehmen kann, zumindest in den USA. Der Sound, den er ihr verpasste, ist nicht mehr ganz up to date, klingt nachgemacht, und ihre Stimme mischte er nach hinten - in die Bedeutungslosigkeit. Die Platte verkauft sich für Madonna-Verhältnisse entsprechend schleppend.
Es sieht aus, als habe Madonna den Kontakt zum Jetzt verloren. In den Clubs, bislang Madonna größte Inspirationsquelle, läuft längst Musik, die zu vertrackt ist, als dass sie sich massentauglich aufpeppen ließe. Der Zeitgeist hat sich neue Freunde gesucht. Madonna wird 50. Es gibt inzwischen interessantere Persönlichkeiten im Pop. Eine größere aber ist da nicht.
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