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"King of Pop" wird 50: Der tiefe Fall des Michael Jackson

VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 28.08.2008 - 21:34

Düsseldorf (RP). Er war der größte Popstar der Welt. Dann begann sein Abstieg – privat wie künstlerisch. Angeschlagen und heimatlos reist er heute durch die Welt. Dass er jemals auf die Bühne zurückkehrt, ist unwahrscheinlich. Am Freitag wird der König des Pop 50 Jahre alt.

Er verschwindet einfach. Man weiß nicht genau, wo Michael Jackson sich zurzeit aufhält, wie er aussieht und ob es ihm gut geht. Die neuesten Fotos, auf denen er abgebildet sein soll, zeigen ein Wesen im Rollstuhl, verhüllt, kaum identifizierbar, ein Gespenst. Übermorgen wird Jackson 50. Eigentlich ein Alter, in dem man angekommen ist. Aber der 50. Geburtstag ist ein irdisches Datum. Für den „King of Pop“, wie er sich einst nannte, hat er keine Aussagekraft.

Michael Jackson taugte nie so recht als Identifikationsfigur. Er war weit weg. Die Qualen seiner Jugend müssen – nach allem, was man hört – unvorstellbar gewesen sein. Vater Joseph gründete bereits 1965 die Band Jackson 5. Michael war der Star des Bruder-Quintetts, er hatte perfekt zu sein, und er war es annähernd, deshalb begann er Solo-Platten aufzunehmen – die erste erschien, als er 13 war.

Auf den ganz frühen Bildern ist Michael Jackson ein schwarzer Junge mit voluminöser Haarpracht, der sehr erfrischend lachen kann. Irgendwann kommt ein Ausdruck in dieses Gesicht, den man als Scheu deuten kann, aber auch als Furcht, als Misstrauen vor der Welt. Jackson trägt die Haare kürzer, glättet sie. Die Form seiner Nase verändert sich von Foto zu Foto, von Jahr zu Jahr, seine Haut wird heller. In den 1990ern kann man kaum mehr sagen, welchen Geschlechts der Abgebildete ist, ob er weiß oder schwarz ist und wie alt er sein mag. Michael Jackson ist durchsichtig geworden. Wie ein Geist.

Staunen statt Zuneigung

Vielleicht ist es das Fehlen jeglicher Selbstironie, die einen auf Distanz zu diesem Künstler hielt. Zu Zeiten von „Thriller“, dieses Albums, das sein Meisterwerk ist, das mit Stücken wie „Billie Jean“ und „Wanna be startin‘ something“ überhaupt eines der besten der Popgeschichte ist und mit 104 Millionen Exemplaren das bestverkaufte zudem, staunte man eher über ihn. Staunen ist keine Bewunderung ist keine Zuneigung. Damals, 1982 war das, erreichte Jackson das Ziel, das sein prügelnder Vater ausgegeben hatte: Perfektion.

Er war der größte Popstar der Welt. Seine Stücke aus dieser Zeit sind unwiderstehlich, eine Mischung aus Disco, Soul und Rock, sie machen, dass du dich bewegen willst. So groß war er, dass er die Schwerkraft überwand. Sein kantiger, sexuell aufgeladener Tanz, der „Moonwalk“, schien so leicht, wider die Physik. Jackson war nicht bloß Interpret von großartigen, heute noch umwerfenden Songs wie „Beat it“, er war ein Performer.

Es gibt keinen anderen Star, der seinen Ruf und seinen Körper derart zerstört hat wie Jackson. Man hatte ja immer den Eindruck, dass er den weißen Handschuh und die Glitzer-Uniform, seine Bühnengarderobe in großer Zeit, auch daheim nicht ausziehen würde. Dass da kaum ein Unterschied war zwischen dem Menschen und dem Geschäftsmann, der „Thriller“ eine weitere Mega-Platte folgen ließ: „Bad“ von 1987. Michael Jackson war unheimlich, sicher auch, weil er so unerreichbar war in dem, was er auf der Bühne tat. Und er wurde noch unheimlicher, allerdings wegen seiner nicht nachvollziehbaren Auftritte abseits der Bühne.

Der Beginn des Abstiegs

1993 ging das los. Die Vorwürfe, er würde Kinder missbrauchen. Die Erklärungen, er habe nur ein, zwei Mal an seinem Gesicht herumdoktern lassen. Die Geschichte von der angeblichen Krankheit, die seine Haut bleiche. Die Story vom Spinnenbiss in den Zeh, die er vor Gericht erzählte. Jackson verfiel körperlich und geistig. Als 1996 im Prag 150 000 Menschen zu seinem Konzert kamen, sang er Playback. Man sah ihn noch, aber man hörte ihn nicht mehr. Später strich er seine gewaltigsten Hits aus dem Programm, weil er es nicht mehr fertig brachte, dazu zu tanzen. Man sah ihn noch, aber er war ein Schatten. Er sang fast nur Balladen, er sang von der Liebe, aber das wirkte nicht, weil jeder weiß, dass Geister nicht lieben können.

2001 erschien die letzte Platte. „Invincible“ war mit 30 Millionen Dollar totproduziert worden, die Tontechniker erstickten den Künstler im Soundbrei. Sieben Millionen Mal verkaufte sich das Album, für Jacksons Verhältnisse ein Fiasko, die Plattenfirma verzichtete nach zwei Singles auf weitere Auskopplungen. Jackson war als Musiker nicht mehr präsent.

Seitdem irrlichtert er wie ein ausgebranntes Glühwürmchen in der Welt herum. Er hat alles verloren, auch wenn der große Pädophilie-Prozess mit einem Freispruch endete. 200 Millionen Dollar Schulden habe er, heißt es, mal lebe er bei Freunden in Las Vegas, mal gewähre ihm ein Scheich Obdach in Dubai. Immer wieder lässt er neues Material ankündigen. Eine Charity-Nummer für die Opfer des Katrina-Sturms etwa. Erschienen ist sie bislang nicht.

Popstars stehen für die Lust am Neuen, Schicken, Jungen. Popstars leben nicht nur in ihrer Musik, sondern durch den Auftritt. Popstars sind reine Gegenwart. Michael Jackson ist kein Popstar mehr. Selbst wenn da noch ein Lied kommen sollte. Michael Jackson ist verschwunden aus der Gegenwart.

Zurück bleibt eine Handvoll Hits für die Ewigkeit.


 
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