Unheilig in Kölner Lanxess Arena: Der Vampir aus Würselen in Köln
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 07.02.2011 - 20:28Köln (RP). Der Graf und seine Band Unheilig gaben in der Kölner Lanxess Arena ein Jubiläumskonzert vor 15 500 Menschen. Seit zehn Jahren produziert die Gruppe ihren düsteren Sound mit den schlagerhaften Texten. Erst 2010 kam der Erfolg: Das aktuelle Album verkaufte sich 1,2 Millionen Mal.
Nach der zweiten Zugabe muss der Graf schon wieder weinen. Er steht zwischen mannshohen gußeisernen Leuchtern, ein Wolpertinger aus Nosferatu und Marianne Rosenberg. Eben hat er seinen Hit "Geboren um zu leben" gebracht, und nun erst realisiert er, was da passiert ist im vergangenen Jahr. Sagt er. Eine Kamera zoomt auf das von Tränen glänzende Gesicht des Musikers mit den haarigen Ornamenten am Kinn, auf den mächtigen Leinwänden ist es in vielfacher Vergrößerung zu sehen.
Der Graf bedankt sich bei den "Freunden der Nacht" für den Erfolg, 15 500 sind an diesem Abend zum Jubiläumskonzert "Zehn Jahre Unheilig" in die Lanxess Arena nach Köln gekommen, nicht wenige von ihnen weinen und schmusen seit zwei Stunden. Der Graf fragt: "Wollen wir gemeinsam singen?", und es klingt, als biete ein kräftiger Engel dem in der Grube Sitzenden seinen Arm zur Rettung an. Dann singen alle das Lied noch einmal, und wenn man jetzt die Hand heben würde und zugriffe, könnte man Liebe aus der Luft pflücken und Zuneigung: "Für den einen Augenblick, bei dem jeder von uns spürt, wie wertvoll Leben ist."
Unheilig heißt die Band der Stunde. Der Kopf des Quartetts ist ein Mann, der sich der Graf nennt und seinen wahren Namen und sein Alter nicht verrät. Der ehemalige Zeitsoldat und gelernte Hörgeräte-Akustiker ist der unwahrscheinlichste Popstar unserer Tage: 1,2 Millionen verkaufte Exemplare des Albums "Große Freiheit", vier Monate lang Platz eins in der Hitparade – einmalig in der Historie. Es gibt eine Sonder-Edition der Platte, da erzählt der Graf auf einer Bonus-CD das Märchen von Dornröschen, und das sollte man sich nicht entgehen lassen: Weil der Text mit Grabesstimme zu Unkenteich-Geplätscher vorgetragen wird, dabei aber so putzig am hohen Ton vorbeigeht, dass es einen schon wieder rührt.
Der Erfolg kam erst vor einem Jahr, und im Oktober 2010 gewann Unheilig Stefan Raabs "Bundesvision Song Contest" mit dem Stück "Unter deiner Flagge". Die wenigsten wussten zu diesem Zeitpunkt, dass es Unheilig seit fast zehn Jahren gibt, dass die aktuelle CD bereits die siebte der Band ist. Früher gehörte der Graf jener Szene an, die in schwarzen Kitteln die dunkelrot verblühenden Dornen-Blumen besingt, die am Eingang der Hölle wachsen. Die Stars des Genres heißen Blutengel, Nachtgeschrei, Substaat und Belphegor. Der Graf trug weiße Kontaktlinsen und dunklen Gehrock, und besonders bizarr ist die Weihnachtsplatte von 2002, auf der der Vampir aus Würselen "Still, still, still" mit seinem Teutonenbass aus der Gruft ruft. Damals dachten viele, der Graf ist böse, manchmal heulen ja auch Rammstein-Gitarren in seinen Songs, und die Synthesizer orgeln so okkult wie einst bei den Sisters Of Mercy.
Von der Frühphase geblieben sind indes bloß die eigenartigen Bewegungen des Grafen auf der Bühne. Wellenförmig angeordnete Kerzenstumpen und ein rot angestrahltes Schiffswrack gehören zur Deko. Vor diesen Vanitas-Symbolen rennt der Graf auf und ab, er zuckt und ächzt wie jemand, der beim Eindrehen einer Glühbirne auf einen Zitterrochen getreten ist. Manchmal denkt man, er wolle Tesafilm von seinen Fingern schütteln. Aber das ist Show, in Wirklichkeit ist der Graf zahm wie eine mit dem Milchfläschchen aufgezogene Fledermaus. Die Spielecke in der Arena hat er "Unheiliges Kinderland" getauft, dort können sich die jüngsten Fans schwarze Katzen auf den Arm tätowieren lassen – mit Sprühfarbe natürlich. Und: "Zu Weihnachten spiele ich mit meiner Familie Schwarzer Peter", verriet er vor dem Fest in Interviews.
Das ist Musik für die Parallelgesellschaft der Betrübten. Der Graf darf vor aller Augen sein, wie man ist, wenn keiner hinschaut. Vor dem Auftritt lässt er Hans Albers und Hildegard Knef spielen, und als er erstmals in Tränen ausbricht, sagt er ein Lied an, das er für einen sterbenden Freund geschrieben hat. Im Publikum stehen Männer hinter Frauen, sie umarmen sich, bergen einander, singen mit: "Ich schau zurück auf eine wunderschöne Zeit." Schlagerhafte Texte, die morbide anmuten, von Trost, Stolz und Durchhaltewillen und natürlich Liebe handeln: "Träume sollen Segel sein."
Manchmal wagt sich der Graf hinaus auf den Steg ins Publikum – Stilblüten pflücken im wilden Garten der Syntax. "Komm, geh mit mir zum Meer, um mit der Flut zu gehen", lautet eine Unheilig-Zeile. Man ahnt, was er meint. Bei "Ich will nicht hören, was du denkst und wie scheinbar schlecht du mich siehst", freut man sich, dass der Graf den Unsinn einfach wegnuschelt. Und dann gibt es noch diese Stelle: "Blitze donnern durch die Nacht, der Horizont schlägt auf und ab." Schöner ist es nur, wenn Goethe durch die Bäume schillert.
Der Graf puzzelt die Vokabeln "Stern", "Feuer" und "Horizont" für jedes Lied in neue Zusammenhänge. Das Ergebnis ist eine verschneite Innerlichkeit, die viele Menschen offenbar tief berührt. Einige Fans von damals sind dabei, in zerrissenen Netzstrümpfen und Schnürstiefeln, die bis zu den Knien reichen. Aber es riecht schon lange nicht mehr nach Schwefel und Patschuli bei Unheilig, sondern nach dem Parfüm von Ed Hardy. Unheilig-Anhänger sind Anfang 40 und fahren Passat. Sie wollen sich nicht gruseln, sondern andächtig sein.
Der Graf lockert den Auftritt mit Comedy-Einlagen auf. In der ersten erzählt er, wie er als Argloser bei der "Bambi"-Verleihung zu Gast war. Er äfft "die Promis" nach und erzählt, was er auf die Reporter-Frage antwortete, von wem denn sein Anzug sei: "Von Mama", habe er gesagt, "und darauf bin ich stolz." Dafür gibt es Applaus. Wir und nicht die, das ist der Tenor von Unheilig, die Sendung lautet: Wir halten zusammen. Volksmusik ist das, die Vermündlichung des Lyrischen, die sich bei den Klischees der Romantik bedient, den Kitsch nicht scheut und keine große Geste.
Dass der Graf dabei durchaus zur Komik neigt, spricht für ihn. Auf seinen Stilwechsel angesprochen, entgegnet er: "Den Brokatmantel habe ich abgelegt, weil ich nach der Tournee gemerkt habe, dass es aus hygienischen Gründen gut ist, wenn man die Klamotten wechselt."
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