Nach Wien und Amsterdam: Die B-Philharmoniker von Berlin
VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 22.12.2006 - 15:53Berlin (RP). Bei einer Umfrage unter Musikkritikern landeten die Berliner Philharmoniker auf Platz 3 in einem Europa-Vergleich. Sieger wurden die Wiener Philharmoniker, gefolgt vom Concertgebouw Orkest Amsterdam. Müssen wir uns sorgen?
Sind die Berliner Philharmoniker auf dem Weg, ein gutes Orchester zu werden? Oder stürzen sie soeben ins Bodenlose? Das sind, je nach Sichtweise, die Interpretationen, die sich aufdrängen, wenn man das Ergebnis einer Umfrage liest: Die Berliner Philharmoniker sind von namhaften Musikkritikern zum drittbesten Orchester Europas gewählt worden; sie bekamen 79 Punkte. Sieger wurden die Wiener Philharmoniker mit 86 Punkten, mit 85 Punkten landete das Amsterdamer Concertgebouw Orkest auf Platz 2.
Die Berliner Philharmoniker galten unter Karajan mal als das beste Orchester der Welt - wenngleich solch absichtsvollen Superlativen immer gleich die Gegensuperlative folgten: Nein, Chicago ist es! Nein, Boston! Nein, Wien! Wir bewegen uns bei der Bewertung von Orchesterqualität im kleinsten physikalischen Raum, in der Zufallszone von persönlichem Geschmack und Abendform des Gehörs. Zudem gab es in diesem Jahr Debatten darüber, ob Sir Simon Rattle für die Berliner Philharmoniker wirklich noch der dirigentische Heilsbringer ist, als der er bei Ankunft gefeiert wurde.
"Planeten" kamen nicht so gut an
Fragt man die Pressesprecherin der Berliner Philharmoniker, Elisabeth Hilsdorf, so wird dort die Umfrage selbstverständlich nicht ganz so wichtig genommen. "Wir gönnen den Kollegen in Wien und Amsterdam den Erfolg", heißt es gestern charmant aus ihrem Mund. Sie weiß natürlich, dass zwischen Wien und Berlin immer schon eine innige Fehde um die kontinentale Rangfolge herrschte - und um die Frage, wen Europa ins Rennen gegen die virtuosen US-Orchester schickt. Berlin wirkt also gelassen, obwohl das Orchester in letzter Zeit nicht immer hymnische Kritiken bekam. Die Aufnahme von Holsts "Planete" fand gemischtes Echo, vor allem bei deutschen Rezensenten.
Sind wir nicht mehr stolz auf unser Renommierorchester? Oder ist es wirklich nicht mehr so in Form? Haben die deutschen Kritiker die Berliner gar verraten? Einer war Gregor Willmes, Chefredakteur von "Fono Forum". Willmes: "Nein, wir hatten in unserer Umfrage die Berliner auf Platz 1 vor dem Concertgebouw Orkest Amsterdam und Wien. Es war zudem ein Ergebnis der gesamten Redaktion - und zwar kein patriotisches, sondern ein ästhetisches."
Michael Bladerer, Pressesprecher der Wiener Philharmoniker, hält Trost parat. Die Wiener Philharmoniker, sagte er gestern unserer Zeitung, seien zwar "wahnsinnig erfreut" (und sie verbreiteten das Ergebnis prominent auf ihrer Homepage), andererseits seien diese Rankings "weder Anlass zu Triumphgeheul noch zu Verzweiflung". Solche Umfragen seien, weiß der Kontrabassist Bladerer, "wie Parfüm - man schnuppert dran, aber trinkt es nicht." Klug gesprochen.
Konservativer Charakter
Bladerer weiß, dass kein Ding auf Erden so leicht beweglich ist wie die Meinung von Kritikern. "Schon in zwei, drei Jahren", sagt er, "kann das Ergebnis komplett anders ausfallen." Aber gefreut hat es ihn schon, "vor allem, weil kein Kritiker aus Österreich mitgepunktet hat, dafür zwei aus Deutschland." Die Wiener Philharmoniker führen übrigens nie Debatten, ob ihr Chef der richtige sei oder nicht: Sie haben keinen, jedenfalls nicht als Verein der Wiener Philharmoniker; als Orchester der Wiener Staatsoper haben sie Seiji Ozawa. Zu Konzerten und Platten laden sie mal diesen, mal jenen Dirigenten ein; wichtig ist, dass er zum konservativen Charakter des Orchesters passt.
Zum Neujahrskonzert kommt Zubin Mehta. Und die Platten sind sozusagen schon verkauft, obwohl noch kein Ton gespielt ist. Bladerer: "Wir Wiener Philharmoniker spielen gewiss auch neue Musik, erst neulich bei den Salzburger Festspielen, aber in Berlin spielen die ja noch viel mehr davon." Musizieren die Berliner Philharmoniker also zu wenig traditionelles Repertoire, das international Punkte sammeln hilft? Hilsdorf bereitet uns optimistisch auf 2007 vor: "Im März wird eine famose Einspielung des Brahms-Requiems mit Dorothea Röschmann und Thomas Quasthoff erscheinen."
Höchstes Ansehen
Die ist schon aufgenommen, und selbst wenn Pressesprecherinnen vom Verein bezahlt werden, den sie loben, ist diese Einschätzung nicht vorschnell abzuwischen. Egal, was sind schon sechs, sieben Punkte Abstand! Viel schöner ist, dass unser Orchesterland international höchstes Ansehen genießt. Denn rangieren die Berliner auch nur auf Platz 3, so sind mit Staatskapelle Dresden, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und Gewandhausorchester Leipzig insgesamt vier Ensembles aus Germany unter den Top Ten. Das ist die gute Nachricht zu Weihnachten. Kommt wie immer am Schluss.
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