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"Glo Up Dinero Gang"
Die Hofnarren des HipHop

"Glo Up Dinero Gang": Die Hofnarren des HipHop
Nicht cool, nicht reich und deshalb eine Provokation für viele Gangsta-Rap-Fans: Die Trash-Ironiker "Glo Up Dinero Gang" um Frontmann Sebastian Meisinger alias "Money Boy" (Dritter v. l.). FOTO: Glo Up Dinero Gang
Düsseldorf. Mit absichtlich abgrundtief schlechten Raps über Drogen, Luxusautos und Fast Food in einer eigenen Kunstsprache strapazieren "Money Boy" und "Hustensaft Jüngling" die Nerven vieler HipHop-Fans. Dabei machen sie große Kunst. Von Tobias Jochheim

Im Sommer 2010 fing der Wahnsinn an: "Steige aus dem Beeeett, dreh den Swaaag auf, schaue kurz in den Spiegel und sag: 'What Up?'" jaulte der Österreicher Sebastian Meisinger (damals 29) als "Money Boy" maximal schief und uncool ins Mikrofon, der Refrain die 1:1-Übersetzung eines amerikanischen Rapsongs, die Strophen schlimme Sprachverbrechen auf Denglisch. Das kalkweiße Riesenbaby reimte BMW auf VW und auch sonst alles, was nicht bei Drei auf dem Baum war, schuf schlimme Wortspiele ("Fotografen knipsen Pics im Busch so wie Wilhelm") und verkündete, er sei "heißer als Megan Fox", ein Großdealer und Gangster sowie: "I'm a rich nigga!"

Das YouTube-Video verbreitete sich rasant, wurde schnell fünf, 10, 20 Millionen Mal abgerufen. Der Schlüsselbegriff "Swag" (etwa: Coolness) wurde zum "Jugendwort des Jahres gewählt". Erfolglos blieben bloß Persiflagen, weil es an diesem Song und seinem Performer schlicht nichts mehr zu persiflieren gab. In jeder Schule, jeder Werkstatt und auch in jedem zweiten Büro fragte man mit Lachtränen in den Augen: Meint der das ernst?

Sechs Jahre, einige Skandälchen (Drogen, Publikumsbeschimpfung, Witze über Aids, Leukämie und den Germanwings-Absturz) und mehrere hundert billig produzierte Musikstücke später steht die Antwort fest. Sie lautet: Die Frage ist falsch gestellt.

"Bemerkenswerte publizistische Leistung"

Der gescheiterte Basketballer, aber diplomierte Medienwissenschaflter Meisinger macht keine Musik im klassischen Sinne, er ist Konzeptkünstler, die Fortsetzung der Rapper-Parodie "Ali G." mit anderen Mitteln. Virtuoser, weniger leicht zu entlarven. Der heilige Ernst, mit dem Meisinger "Money Boy" verkörpert, vergrößert dessen Wirkung. In voller Absicht lässt sich der eloquente 35-Jährige auf "Hans Entertainment"-Niveau herab, zertrümmert Kategorien wie "Inhalt" und prägt eine eigene Kunstsprache, die seine Fans zur Abgrenzung gegenüber den oft tumb-aggressiven Kritikern nutzen. Statt "Junge" sagen sie "Mois", ein Depp heißt bei ihnen "Larry", "cool" nennen sie "lit" oder "fly" – und die Ziffer "1" als Ersatz für "eine/einer" wird mittlerweile sogar Internet-weit benutzt. Über die sexistischen Bestandteile dieses Slangs schweigt man besser.

Meisinger hat die Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie verstanden und richtet seine Aktivitäten ausschließlich danach aus. Obendrein kennt er sich besser aus mit Geschichte und Gegenwart des Gangsta-Rap als fast alle seiner Kritiker, seine 2008 an der Uni Wien abgelegte Diplomarbeit trägt den Titel "Gangsta-Rap in Deutschland: Die Rezeption aggressiver und sexistischer Songtexte und deren Effekte auf jugendliche Hörer". In den vergangenen Jahren beliefere er sein Publikum "mit den besten Versatzstücken aus seiner Erfahrung im wissenschaftlichen und privaten Umgang mit Rap", sagt sein Diplomarbeits-Betreuer, Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Peter Vitouch anerkennend. "Er wirft seinem Publikum genau das vor was sie brauchen, akzeptieren oder wollen. Das ist eine bemerkenswerte publizistische Leistung."

"Money Boy" mag ein Drogenproblem haben und hat den anarchischen Spaß auch schon öfter übertrieben; zuletzt, als er im März verärgerte Fans bei einem Konzert in Wien mit einer Glasflasche bewarf. Festzustellen bleibt aber, dass er nicht nur voll in seiner mittlerweile volltätowierten Kunstfigur aufgegangen ist – er hat mit der "Glo Up Dinero Gang" eine ganze Truppe gleichgesinnter Trash-Ironiker um sich versammelt. Deren Mitglieder wie "Hustensaft Jüngling" und "Medikamenten Manfred" spornen sich gegenseitig zu immer neuen Höchstleistungen in Sachen Fotomontagen, Flachwitze und Musik ("Musik"?) an, die sämtlich Ausdruck von Selbstbeweihräucherung sind.

Sie schlagen Gangsta-Rap mit dessen eigenen Waffen

Ihre Songs verbreiten sie dabei meist kostenlos. Umsatz bringen Konzerte in Dorfdiscos sowie der Verkauf von T-Shirts von "Money Boy" als Mona Lisa und – kein Witz – individuell bemalten Styroporbechern. Der Erfolg der "Glo Up Dinero Gang" bemisst sich in der Zahl ihrer Fans bei Facebook, Twitter, Instagram – und die wächst. Seit Mai sind sie außerdem hochoffiziell Inhaber Goldener Schallplatten, dank minimaler Mitwirkung auf dem Album "CLA$$IC" der "echten" Gangsta-Rapper Bushido und Shindy.

Den Gangsta-Rap (dessen rituell gepflegte Rivalitäten jüngst wohl in eine tödliche Messersticherei eskaliert sind) schlagen Meisinger und die Seinen mit dessen eigenen Waffen. Wo Jan Böhmermann mit "Ich hab Polizei" einen Kanonenschuss losließ, setzen sie fast täglich einen Nadelstich mit dem, was als "Dada"-" oder "Cloud-Rap" bezeichnet wird. Man nehme nur den Song "Der Louis-Store war zu (um kurz nach viertel two)".

"Die Creme de la Creme der Kapitalismuskritik", schreibt ein Nutzer dazu, vielleicht ironisch, Professor Vitouch allerdings stimmt zu: "Konsequenter kann man die Konsumgesellschaft nicht auf die Schippe nehmen." In seinem Track "Choices" schafft "Money Boy" so gesehen Orientierung und Selbstvergewisserung in einer immer komplexer werdenden Welt: "Magst du Hitler? - Nope! - Magst du Pizza? - Yup!"

Was die "Glo Up Dinero Gang" macht, kann man lustig oder bloß lächerlich finden. Der Gipfel der Lächerlichkeit aber dürfte es sein, wenn sich Verteidiger des Gangsta-Rap gegen etwas wehren, das man als dessen logische Fortsetzung betrachten kann. "Money Boy" überzeichne eben das ohnehin schon Überzeichnete und gieße dabei "Quatsch mit Soße in Wunden", schrieb die "Welt" in einer Hommage an den "unterschätztesten Rapper dieser Zeit".

Und Meisinger selbst? Redet stets in der dritten Person von sich wie einst ein Lothar Matthäus, abwechselnd grob beleidigend und überhöflich: "Manche Leute sagen 'Selbst meine Oma rappt besser'! Darauf sage ich: Deine Oma rappt schon auch ganz nice, aber nicht so gut wie Money Boy." Und spricht als Schlusswort einer Dokumentation über ihn das geradezu salomonische Schlusswort: "Es ist immer blöd, wenn du irgendwelchen Leuten erklären musst, was wir machen und wie das gemeint ist. Wir verstehen das alle. Ich bin am Ballen – Trainingshalle."

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