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Tausend mal gehört
Dieses eine Lied, das einen immer wieder packt

Tausend mal gehört: Dieses eine Lied, das einen immer wieder packt
FOTO: Diesner, dpa (2), Getty
Düsseldorf. Warum hören wir am liebsten Musikstücke, die wir fast auswendig kennen und mitsingen können? Warum geht uns bei "Bochum" oder "Über den Wolken" das Herz auf? Und warum freuen sich Klassikfans immer besonders auf Ludwig van Beethovens Fünfte? Von Wolfram Goertz

Sie warten sehnsüchtig, und dieses Warten ist kein schöner Zustand für sie. Die ganze erste Halbzeit geht nur für neue Lieder drauf, ja gut, einverstanden, der Künstler will halt seine neue Platte verkaufen. Aber so richtig nimmt der Abend erst an Fahrt auf, wenn dieser längst unvergessliche, fast ins deutsche Allgemeingut eingesickerte Satz "Wind Nord-Ost, Startbahn 03" ertönt. Jetzt geht ein Summen durch den Konzertsaal, jetzt sitzen alle auf der Sesselkante, sie könnten jede Zeile mitsingen. Das tun sie nicht, weil der Mann auf der Bühne einzig mit seiner Gitarre auftritt - es ist halt ein diskreter, feinsinniger Liedermacher-Abend.

Am liebsten lauschen wir, wenn wir das Lied kennen

Das Publikum lässt sich sängerisch nur vernehmen, wenn der Künstler sie dazu animiert. Reinhard Mey springt gelegentlich über seinen Schatten und lässt den "Über den Wolken"-Refrain vom Auditorium mitsingen, doch eigentlich ist das in seinem System nicht vorgesehen. Bei Mey geht es um Texte, um Ironie, um Nuancen, da grölt man nicht, sondern lauscht. Und am liebsten lauschen wir, wenn Musik erklingt, die wir kennen.

Warum ist das so? Warum sind die Musikfreunde nur in Maßen neugierig? Warum wollen sie immer - sagen wir's mal salopp - die ollen Kamellen hören? Warum warten bei Herbert Grönemeyer alle auf "Bochum"? Und warum soll es im Konzert tunlichst so sein wie auf der Platte, die alle von Herbie im Schrank haben? Warum ist der Saal bei Beethovens Fünfter in Hochstimmung, doch bei seiner (weitaus seltener gespielten) Zweiten nicht? Und warum sind Experimente in Konzerten beinahe unerwünscht?

Wie so oft sind es die Neurotransmitter

Das hat sehr viel mit unserem Gehirn zu tun, das autonom arbeitet und nicht anders kann, als bei gewissen Klängen Hormone, sogenannte Neurotransmitter, freizusetzen. Wir kennen sie unter dem Namen Endorphine, und es ist faszinierend zu beobachten, wie sie auch unseren Musikgenuss beeinflussen. Nehmen wir nur das Hormon Oxytocin, ein sogenanntes Neuropeptid, das der menschlichen Gesundheit in hohem Maße förderlich ist. Oxytocin ist der potenteste Botenstoff, wenn es um Vertrauen, Liebe, Lust und Ruhe geht; auch bei der Geburt steigt der Oxytocin-Spiegel springflutartig an, ebenso nach dem Orgasmus. Es gibt kein anderes Hormon, das so sehr für wohlige Gemütszustände sorgt.

Beim Musikhören wird Oxytocin ebenfalls in hohem Maße freigesetzt - und welch Wunder: vor allem bei Musik, die einem vertraut ist. Wenn Beethovens Ta-ta-ta-taaaa losgeht, sorgt Oxytocin dafür, dass wir das als genialen Thriller wahrnehmen - und uns hinterher entweder aufgewühlt oder entspannt fühlen. Oder beides. Oxytocin ist zuständig, wenn wir schöne Musik als körperliche Wohltat wahrnehmen. Vor allem hat unser Gehirn die Wohltaten gespeichert, die Oxytocin uns bereitet. Kein Wunder: Das Hormon reguliert maßgeblich den Blutdruck und senkt über die sogenannte Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse den Stresshormonspiegel. Fast kann man sagen: Je mehr Vertrautes ein Konzert bietet, desto gesünder.

Die Mischung macht's

Ist das wirklich so? Nun, die Mischung macht es. Ein Grönemeyer-Abend einzig mit "Greatest Hits" dürfte vermutlich eine Übersättigung verursachen. Die Sehnsucht nach den tollen ollen Kamellen ist ja nur dann eine wirkliche Sehnsucht, wenn man auf sie warten muss. Vorfreude ist auch hier die schönste Freude. Wenn das Erhoffte dann im Konzert aktualisiert wird, indem das Stück tatsächlich erklingt, dann rauschen Glücksgefühle durch unseren Körper, die uns entspannen - selbst wenn wir völlig euphorisch sind. Man muss sich nur anschauen, wie vehement es in solchen Momenten des Musikgenusses auch im Nucleus accumbens zugeht, einem Ort im Gehirn, der für die Verarbeitung von Glücksgefühlen zuständig ist (und beim Drogenkonsum). Dort sitzen Rezeptoren für den Botenstoff Dopamin, deren Stimulation für die Erwartung eines Glücksgefühls verantwortlich ist.

Ist Musik, die uns vertraut ist, also zweifellos erhebend, so hat unsere Sehnsucht nach ihr auch mit unserer Persönlichkeit zu tun. Christoph Louven, Professor für Musikpsychologie an der Universität Osnabrück, ist sich sicher: Dass Menschen im Konzert vor allem ihnen vertraute Musik hören wollen, hat "viel mit ihrer Selbstvergewisserung zu tun". Louven: "Wir definieren uns über die Musik, die wir hören. Musik, die für unser Leben zentral ist, beschert uns Emotionen." Mehr noch: "Musik, die wir kennen, spendet uns Sicherheit in einer unsicheren Welt."

Deshalb geht immer ein Raunen durchs Publikum, wenn Künstler im Live-Konzert gewisse Abwandlungen gegenüber der Studio-Aufnahme, die alle auswendig kennen, vornehmen. Das kann ein wundervolles Erlebnis sein, wenn der Geist der Improvisation und das Wesen der Freiheit sich vom Gängelband der Erwartungen lösen. Aber mancher Zuhörer reagiert eben doch irritiert, wenn er ein Musikstück nicht 1:1 so geboten bekommt, wie er es von der Konserve kennt.

Innovative Haltung kann schaden

Ähnlich ist das in der Oper: Da wollen manche Zuhörer die historischen Figuren am liebsten in Originalkostümen sehen. Ein Papageno in Mozarts "Zauberflöte", den ein Regisseur zum vergrämten pfeifenrauchenden Intellektuellen aus dem Wiener Kaffeehaus macht, fällt beim Publikum rasch durch. (Es sei denn, es ist ein wirklich witziger vergrämter pfeifenrauchender Intellektueller, dann hat er Chancen auf Gnade oder sogar auf Jubel.)

Die Künstler wissen, dass sie in unserer Musikwelt, die auch vom Marktwert bestimmt ist, mit allzu innovativer Haltung keinen Blumentopf verdienen. Einige ignorieren das, etwa der famose kanadische Pianist Marc- André Hamelin. Der spielt regelmäßig Werke von Komponisten, die kaum einer kennt (außer den Insidern). Ergebnis: Hamelin-Konzerte sind stets schlechter besucht, als sie es verdienen.

Glenn Gould spielte, was er wollte

Dagegen waren Konzerte seines legendären Landsmanns Glenn Gould Abend für Abend ausverkauft, egal wo er spielte - wobei die Agenten stets meckerten, wenn Gould nicht nur Bach aufs Programm nahm, den alle von ihm hören wollten, sondern auch Schönberg, Webern, Krenek. Gould selbst ging diese Kraken-Gesinnung des Publikums so auf die Nerven, dass er sich in den 60er Jahren aus dem Konzertleben zurückzog und nur noch Platten im Studio aufnahm.

Gould hat dem Publikum aber schon vorher oft eine Nase gezeigt und einige heißgeliebte Evergreens der Klavierliteratur kaltblütig auf den Kopf gestellt. So spielte er Mozarts berühmte A-Dur-Sonate immer so furchterregend langsam, dass man das Werk fast nicht wiedererkannte. Die Gould-Hasser werten diese Aufnahmen als Frevel. Für die Gouldianer sind sie ein Akt der Kenntlichkeit.

Alles soll so bleiben, wie es ist? Nun, es hängt eben viel davon ab, wie genial ein Künstler aus der Reihe tanzt, wenn er unsere Sehnsucht nach dem Vertrauten enttäuscht. Dann ist es auch unter den Wolken so, dass die Hormone jubilieren.

Quelle: RP
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