Die Toten Hosen im ISS Dome: Ein Fest der Familie
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 20.12.2009 - 13:39Düsseldorf (RP). Wer nicht von hier kommt, der wird staunen und das alles unglaublich finden und vielleicht ein bisschen irritiert sein. Aber er kann auch viel lernen über die Toten Hosen und ihren enormen Erfolg, aber auch über die Menschen in dieser Region.
Lächelnd stehen sie da, 14000 sind gekommen, und ebenso viele werden an jedem der folgenden fünf Abende da sein. Sie umarmen einander, trinken und prosten, während von der Bühne ein infernalischer Lärm über die Halle kommt.
Da sind die Dame aus Meerbusch, die eigentlich zu gut gekleidet ist für ein solches Konzert, und die Familie Wilger, die auf einem Plakat "Merry Christmas" wünscht. Da sind die Freunde, die sich als Erkennungszeichen Fortuna-Schals durch die Gürtelschlaufen der Jeans gezogen haben, und die Zehnjährigen, für die der Pulk Platz macht, damit sie tanzen können.
Die Kicker der Fortuna sind vollzählig erschienen, auch die Eishockey-Spieler der DEG. Es ist kurz vor Weihnachten, die Toten Hosen geben das erste von sechs Konzerten im ISS Dome in ihrer Heimat Düsseldorf. Ein Fest der Familie. Man sieht selten so viele glückliche Menschen auf einem Fleck wie an diesem Abend. Als die Mitglieder der Band auf die Bühne kommen, sagt die Dame aus Meerbusch, sie kenne alle Lieder auswendig und dass das "liebe Jungs" seien, allesamt.
Die meisten der Jungs gehen auf die 50 zu und tragen mit Ausnahme des englischen Drummers Vom noch die jugendlichen Spitznamen Breiti, Campino, Kuddel und Andi. Es ist, als kehrten die wilden Söhne heim ins bürgerliche Elternhaus. Sie leben weit weg ein Leben, das die Eltern so nicht führen möchten, das sie aber mit Sympathie beobachten, die von einer regionaltypischen Menschenfreundlichkeit zeugt, die sich oft als Sturheit verkleidet.
Korrespondenten im Herzen Düsseldorfs
Die Toten Hosen sind so etwas wie die Korrespondenten im Herzen dieser Stadt: Sie sollen erzählen, wie es draußen ist. Und das tun sie, und sie wissen, das man am liebsten hört, was man bereits kennt: "Wünsch Dir Was", "Kreuzzug ins Glück", "Schön Sein", "Hier Kommt Alex", "Steh auf", "Schönen Gruß, Auf Wiedersehn", "Strom" heißen die Songs zum Mitsingen. Zwischendurch gibt es Weihnachtslieder, "Stille Nacht" und "White Christmas" in unheiligen Versionen, draufgängerisch aber ungefährlich.
Die Piraten-Flagge wird gehisst: der Bundesadler als Gerippe. Die fette Henne ist ein Pleitegeier. Dass das Programm eigentlich keine Dramaturgie hat und oft auch das Zwingende fehlt, der Zug zum Tor, ist den meisten egal. Die Stimmung der Songs wechselt zwischen 18. Geburtstag, Aufstiegsfeier, Karneval und viertem Advent. Es ist bei aller Wucht romantische Musik, denn ihre Macher glauben daran, dass aus der Zerstörung etwas Neues aufsteigen kann, dass sich aus dem Kaputten eine reine Seele erhebt.
Viele Verlierer-Lieder im Programm
Die Band und das, wofür sie steht, sind ein Angebot: Wenn du die Koordinaten aus Altbier, Bolze, Aufrichtigkeit, Liebesleid und Freundschaft akzeptierst, findest du dich leichter zurecht in der Welt. Auffallend viele Verlierer-Lieder haben sie immer noch im Programm: Man möchte nach jedem Stück den Nebenmann umarmen und sagen "schön, dass du da bist." Der ohnehin eng stehende Mob vor der Bühne schließt immer mal wieder die Reihen, öffnet damit einen Kreis, in dem sie aufeinander zu stürmen, wenn der Refrain beginnt, bei "Pushed Again" etwa.
Krawall und Triebabfuhr, so muss das sein im Punk. Die Toten Hosen inszenieren die gehobene Flegelhaftigkeit, kein Lärm ist auch keine Lösung, und Campino ist der Anführer der Lümmelbande: ungestüm wie Iggy Pop, aber ohne das Selbstzerstörerische. Man muss seine Energie bewundern, die Unverbrüchlichkeit, mit der er sein So-Sein auf die Bühne bringt und den Mut, mit dem er sich ins Publikum wirft, sich von ihm auf Händen durch die Halle und zurück tragen lässt.
Zugabe auf der Zuschauertribüne
Eine der vielen Zugaben spielen sie auf der Zuschauertribüne, und Campino klettert auf ein Geländer, stößt die Bodyguards beiseite, er will baden. Seine Bewegungen ergeben eine kraftvolle Choreografie, das ist schön anzusehen, und eine Figur kehrt darin immer wieder: die kippende Sieben. So sieht sein Körper aus, wenn er ihn ohne Hemd und in engen Hosen über die Boxen dehnt und die Arme zu den Fans streckt.
Die Sieben ist eine magische Zahl, so viele Tore schoss Fortuna 1978 gegen die Bayern, und jedes wird gezeigt während des "Bayern"-Liedes. Vielleicht gießen sie Campino in seiner typischen Haltung in drei Jahren in Bronze und stellen ihn vors Rathaus, dann hat man zwei Daten der Stadtgeschichte verewigt: das 7:1 und den 50. Geburtstag des Sängers.
Die Nostalgie wärmt
Früher war das Tradition: Die Toten Hosen live zu Weihnachten, im Tor 3 etwa. Damals war alles eine Nummer kleiner, aber sicher nicht so rührend. Das Quintett beschwört die Zusammengehörigkeit, ruft sie ab in Melodien und Begriffen. An diesem wüsten Ort wärmt die Nostalgie. Selbst während einer Woche am Flughafen wird der Name der Stadt Düsseldorf nicht so häufig genannt wie in diesen zweieinhalb Stunden.
Sie gedenken der Verstorbenen und projizieren Fotos von weit angereisten Fans auf die großen Leinwände. Was die Musik hier stiftet, ist etwas, das man beim Hören einer CD nicht nachvollziehen kann: Gemeinschaftlichkeit und die Chance, sich darin aufgehoben zu fühlen. "Kommt gut nach Hause", rufen sie zum Schluss. Man fühlt sich beim Verlassen der Halle im Kopf ein bisschen malade. Aber und so viel Pathos sei nach einem derart gewaltigen Volkslieder-Abend gestattet im Herzen ist doch so was wie Geborgenheit. Düsseldorf, denkt man, unglaublich.
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