Punkband überlebt Kohl und Schröder: Ein Vierteljahrhundert Tote Hosen
VON PHILIPP STEMPEL - zuletzt aktualisiert: 11.04.2007 - 07:29Düsseldorf (RPO). Ist das wahr? Die berühmteste Punkrock-Band Düsseldorfs wird 25 Jahre alt? Ist es. Vor genau einem Vierteljahrhundert gaben die Toten Hosen ihren Einstand mit einem Konzert in Bremen. So haben es die Chronisten aufgezeichnet. Jetzt verkörpern sie ein Stück Zeitgeschichte, irgendwo zwischen Saufgelage und Globalisierung.
Denn viel hat sich seit der Premiere der damals betont lustig gekleideten Punks verändert. Nicht nur der Bandname, der zunächst noch "Club der Toten Hosen" lautete und dann auf das prägnantere "Die Toten Hosen" verkürzt wurde. Weit über 21 Alben, über 1000 Konzerte, viele Drogen und noch mehr Alkohol kennzeichnen die Laufbahn der Band.
1983 +++ Kohls erstes Regierungsjahr +++ Deutschland feiert Newcomer Nena
Die erste Platte der Kombo ist ein lautes "Hallo wach!". "Opel-Gang", lautete das Erstlingswerk von Kuddel, Breiti, Trini, Andi und Sänger Campino. 15 krachige Songs, jeder davon geradeaus, immer mitten in die Fresse. Mit Nummern wie "Wehende Fahnen" oder "Bis zum bitteren Ende" beweisen sie schon damals Talent für Gassenhauer.
Schon drei Jahre später bestehen sie den Test vor einem Massenpublikum: In Wackersdorf spielen sie im Rahmen der Demonstrationen gegen die Wiederaufbereitungsanlage vor 100.000 Menschen.
1988 +++ Bush senior folgt auf Reagan +++ Milli Vanilli fünf Wochen Nr. 1
1988 ist für die Hosen das Jahr des Wandels und des kommerziellen Durchbruchs. Vielleicht liegt es daran, dass die Klamotten nicht mehr kariert und bunt sind, vielleicht liegt es auch daran, dass ihre Musik eingängiger wird. Die Single "Hier kommt Alex" stößt auf Widerhall in den großen Radiosendern. Und den Plattenläden.
Auch das Spiel vor und mit den Massen klappt immer besser. Die Punkrocker machen Stadionrock. Im Anschluss an den Erfolg des Albums "Ein kleines bisschen Horrorshow" treten die Hosen im Vorprogramm solcher Musik-Dinos wie den Rolling Stones oder U2 in Fußball-Arenen auf.
1993 +++ USA flüchten aus Somalia +++ Tote Hosen Nr. 1 der Album-Charts
Die Toten Hosen haben ihren Zenit erreicht. Mit dem Album "Kauf mich" stürmen sie an die Spitze der Charts. Die dazugehörige Single "Sascha – ein aufrechter Deutscher" wird in Zeiten von Solingen und Hoyerswerda zur Hymne gegen Rechts. Die spätere Single "Zehn kleine Jägermeister" (1996) setzt eine weitere Bestmarke: Auch in den Single Charts sind sie Nummer eins.
Die Hosen bleiben aller Kommerzialität zum Trotz wach im Kopf: Ihren großen Erfolg brechen sie ironisch. Auf dem Titelcover des Bestof-Albums "Reich und sexy" protzen sie als stinkreiche Superstars, umgeben von nackten Playgirls. Längst sind sie auch international in der besten Liga angekommen. In Buenos Aires spielen sie zusammen mit Iggy Pop auf dem letzten Konzert der legendären Punkrock-Band The Ramones.
1999 +++ Kosovo-Krieg +++ Stefan Raabs Maschendrahtzaun Nr. 1 der Charts
So langsam macht sich das Alter bemerkbar. Die meisten der Punkrocker sind Mitte/Ende 30. Schlagzeuger Wölli (Jahrgang 50) muss wegen Rückenbeschwerden aufgeben. Auch die mit großer Hingabe gespielten Vollgas-Konzerte fordern ihren Tribut: Beim Rock am Ring 2000 reißt Campino sich das Kreuzband im Knie. Die Tour fällt aus. Gezwungenermaßen senken sie die Schlagzahl.
2002 holen sie das wieder auf. Das Album Auswärtsspiel und ein zweites Best of Album folgen. Die Friss-oder-stirb-Tour wird zu einem Triumphzug. Das Sahnehäubchen: Das Abschlusskonzert in der LTU-Arena in Düsseldorf.
2007 +++ Weltklimabericht +++ DJ Ötzi Nr. 1 in den Charts
Seitdem ist es ruhig geworden um die Hosen. Campino widmete sich der Familie. 2006 ist er unter der Regie von Klaus-Maria Brandauer in Brechts "Dreigroschenoper" zu sehen. Sonst Funkstille. Sogar von Trennung ist gerüchteweise die Rede. Ganz anderes wird allerdings schon wieder in den letzten Wochen gewispert. Ein neues Album soll in Vorbereitung sein.
Wenn es denn kommt, wird es wieder erfolgreich. Um das zu wissen, braucht es keine prophetische Gabe. Die Deutschen lieben die Hosen für ihre im Viervierteltakt wummernde Geradlinigkeit. Wer einmal bei einem ihrer Konzerte war, weiß das. Es geht immer nach vorne. Mit Vollgas. Auch mit einem Vierteljahrhundert auf dem Buckel.
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