Idol vor 75 Jahren geboren: Elvis Presley - für immer King
VON JÖRG ISRINGHAUS - zuletzt aktualisiert: 08.01.2010 - 08:49Los Angeles (RP). Heute vor 75 Jahren wurde Elvis Aaron Presley in Tupelo, Mississippi, geboren. Immer noch sorgt er für Millionen-Umsätze - er verdiente 2009 deutlich mehr als Madonna -, immer noch wird er fast kultisch verehrt. Vielleicht, weil seine Musik die Menschen befreite.
Lebt Elvis? Rund 20 Millionen Amerikaner glauben laut einer CBS-Umfrage fest daran. Sie sehen ihn an der Tankstelle, im Schwimmbad, meist in der Provinz, aber auch in Norwegen oder im Sultanat Oman. Alles nachzulesen im Internet, wo jede Sichtung verzeichnet wird – damit man sich, so die Erklärung, nicht erschrickt, wenn der King vor einem an der Supermarkt-Kasse steht.
Wie also muss man sich Elvis heute vorstellen? Dick wahrscheinlich, sehr dick, wie den alten Marlon Brando, hüft- und damit schwunglos, aber mit glänzend schwarz gefärbter Tolle – und einer immer noch grandios geschmeidigen Gänsehaut-Stimme. Vielleicht bringt er der unbekannten Kassiererin ja ein Ständchen, heute, an seinem 75. Geburtstag. Irgendwas mit Liebe. Und Hoffnung.
Glaube, Liebe, Hoffnung – anders lässt es sich kaum erklären, dass Elvis 32 Jahre nach seinem Tod (es muss ja mal gesagt werden) in so vielen Herzen noch lebendig ist. Er ist der Archetyp des unsterblichen Stars, vor Marilyn Monroe und James Dean, und auch vor Michael Jackson, über dessen posthume Halbwertzeit noch keine belastbaren Zahlen existieren.
2009 mit 55 Millionen Dollar Einnahmen
Elvis dagegen hat sich geschäftlich nie zur Ruhe gelegt. Die Forbes-Liste führt ihn 2009 mit 55 Millionen Dollar Einnahmen – weit vor zum Beispiel der quicklebendigen Madonna mit nur 40 Millionen. Rund 70 neue Alben erschienen seit seinem Tod allein in den USA; insgesamt verkaufte Elvis etwa eine Milliarde Platten, mehr als jeder andere Künstler auf dem Planeten, ob tot oder lebendig.
Was aber hebt Elvis Aaron Presley nun so heraus, was macht ihn zum King auf dem Olymp der Pop-Götter? Zum einen hat er dem prüden Amerika die Unschuld geraubt, und den ersten Liebhaber vergisst man nie. Seine vordergründig harmlosen Texte intonierte er als laszives Geflüster, dazu kam auf der Bühne ein ekstatisch-elastischer Becken-Tanz – alles zusammen traf die Jugend direkt unter der Gürtellinie. Als "sexueller Freibeuter" wurde Elvis verhöhnt, seine Auftritte als "Striptease in Kleidern" bezeichnet. In Wahrheit war er eine Art Oswald Kolle des Rock'n'Roll, dessen erster TV-Auftritt 1956 zündete wie eine Rakete. Einmal gestartet, gab es kein Zurück mehr.
Brücke zwischen Afrika, Europa und Amerika
Elvis verkörperte eine Freiheit, die bis dahin unvorstellbar war; sein liberales Credo entsprach dem Zeitgeist einer Jugend, die das konservative Korsett einer unseligen Apartheid-Politik abschütteln wollte. Elvis mischte nicht nur in seiner Musik schwarze und weiße Rhythmen in bis dato unerhörter Weise, er lebte dieses Miteinander auch vor – in einer Zeit, in der Schwarze und Weiße im Süden der USA nicht nebeneinander im Bus sitzen durften.
Elvis hat dies nie interessiert; nicht den Zehnjährigen aus Tupelo, nicht den Jugendlichen aus Memphis, Tennessee. Er schlug eine Brücke zwischen Afrika, Europa und Amerika, musikalisch, spirituell, aber auch politisch. Denn zugleich war seine Musik reine Revolte, die alles veränderte, die verlogene Moral der 50er entlarvte.
Abgesehen vom Punk war Rock'n'Roll nie mehr so umstürzlerisch, so befreiend, so anders. Insofern war Elvis eine Art moderner Messias; nicht von ungefähr besitzt seine bis heute ungebrochene Verehrung religiöse Züge, pilgern jedes Jahr 600.000 Menschen nach Graceland.
Gelb angemalte Spatzen
Allerdings wurde auch kaum ein Künstler je so perfekt vermarktet. Zu Lebzeiten von "Colonel" Tom Parker, der vorher gelb angemalte Spatzen als Kanarienvögel verkaufte. Nach Elvis' Tod gründete seine Witwe Priscilla die Elvis Presley Enterprises, die den künstlerischen Nachlass auswertet; Tochter Lisa-Marie verkaufte die Graceland-Namensrechte für 100 Millionen Dollar und initiierte die Welttournee "Elvis – The Concert". Der King war auch nach seinem Tod 1977 jederzeit präsent – kein Wunder, dass ihn der eine oder andere leibhaftig zu sehen meinte.
Das mediale Dauerfeuer, das Elvis von seinem Comeback 1969 über seinen Tod hinaus bis heute begleitet, verdeckt etwas die revolutionäre Wucht seines Debüts. Am Ende war davon freilich nur noch wenig übrig; war der Revoluzzer ruiniert vom Superstar-Dasein, ein Massen-Phänomen – rund eine Milliarde Menschen sahen 1973 seine TV-Show "Aloha from Hawaii". Seither hat das ein einzelner Künstler nicht mehr geschafft.
Für Elvis war das alles zu viel: Der Mann, den ein großer Teil der Menschheit kultisch vergötterte, ging an diesem Übermaß zugrunde. Frieden fand er nur noch mit sich allein. Dann setzte er sich ans Klavier und sang die Gospels aus seiner Jugend, suchte die Wärme der alten Spirituals, die Erlösung im Glauben. Bis er auch den verloren hatte. Den Abermillionen von Fans, die ihm über Generationen die Treue gehalten haben, war und ist das egal. Sie wollen Elvis mit aller Macht lebendig erhalten. Nur so, das wissen sie, wird er das Gebäude ihrer Illusionen niemals verlassen.
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