Kommentar zum Eurovision Song Contest: Europa hat uns die freche Lena nicht zugetraut
VON CAROLA SIEDENTOP - zuletzt aktualisiert: 01.06.2010 - 07:12Düsseldorf (RPO). Europa liebt Lena. Und zwar, weil niemand einen solchen Export aus Deutschland erwartet hat. Die 19-Jährige ist pfiffig, fröhlich, frech und natürlich. So ein Profil traut man uns noch immer nicht zu. Und ganz ehrlich, auch die Deutschen schauen noch immer ein bisschen verdutzt auf ihr moderndes Fräuleinwunder.
Lena Meyer-Landrut frischt Deutschlands Image so gehörig auf wie die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land. Der britische „Guardian“ jubelt über die Hannoveranerin: „Björk im Taschenformat – sie ist einfach hinreißend.“ Der „Mix aus viel Charme, Attraktivität, riesiger Freude am Singen und am Auftritt und einem eingängigen Lied überzeugte Jury und Zuschauer“, urteilte die „Neue Züricher Zeitung“. Es gibt warmherziges Wohlwollen, kaum böse Worte über die Deutsche in den internationalen Medien. Das ist keineswegs selbstverständlich.
Und schon stimmen alle in die Jubel-Arien ein: Politiker fordern jetzt das Bundesverdienstkreuz für die Sängerin und Stefan Raab. Der Vorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder, sagte der "Bild"-Zeitung: "Stefan Raab und Lena haben zusammen den Grand Prix gerettet und Deutschland einzigartig präsentiert." Die Medienexperten von CDU und FDP sehen es ebenso: Die Sängerin und ihr Mentor hätten Europa beeindruckt und die Auszeichnung verdient. Solche Pläne sind wiederum typisch deutsch.
Wichtiges Signal: Unbeschwerte Fröhlichkeit
Dabei waren es gerade die Attribute jenseits der Klischees und mancher Vorurteile, die Lena die Sympathien der Europäer zugetragen haben. Denn es war ehrlich gesagt auch mutig, Lena für Deutschland ins Rennen zu schicken. Denn dass eine Schülerin, ein Amateur ohne außergewöhnlich gute Gesangsstimme, mit seltsamen englischen Akzent, und hibbeligem Tanzstil den Profis das Wasser reichen kann, war keineswegs selbstverständlich.
Doch Lena vermittelte andere, offenbar wichtigere Signale: Unbeschwertheit, Spielfreude, fröhliches Feiern und ein gutes Maß an Extravaganz. Das wir so etwas können, bewies schon die WM 2006: Die Deutschen waren gutgelaunte weltoffene Gastgeber, die ähnlich gut zu feiern wussten wie Südländer. Public Viewing und WM-Partys zwischen Flensburg und München hatten nichts von dem sprichwörtlichen Mief eines bierseeligen Volksfestes.
Der Überraschungsmoment ist ein Grund für den Erfolg, das Charisma von Lena ein weiterer. Die 19-Jährige hebt sich mit ihrer unkonventionellen Art von den vielen blonden Pop-Klonen ab – ohne schrill zu sein oder auf extreme Effekte zu setzen.
Man kann ihre Art mögen oder nicht – auf jeden Fall ist sie alles andere als gewöhnlich.Und das verdient im Zirkus des Showgeschäfts Respekt. Überall. Die spanische Zeitung „El Mundo“ adelt die 19-Jährige: „Eurovision gewinnt Prestige zurück durch deutsche ,Lolita'.“
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