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Politische Punktevergabe beim Eurovision Song Contest
Anke Engelke: "Europa beobachtet Dich"
ESC 2012 in Baku: Das sind die Platzierungen
ESC 2012 in Baku: Das sind die Platzierungen FOTO: dpa, Ladygin Alexei
Hamburg. Als einziges Land hat Deutschland die ESC-Punktevergabe für einen politischen Seitenhieb auf Aserbaidschan genutzt. Anke Engelke fand live von der Reeperbahn charmante, aber dennoch klare Worte für das umstrittene Regime in Baku.

Anke Engelke nutzte die wenigen Sekunden vor über 100 Millionen Fernsehzuschauern beim Eurovision Song Contest für ein klares Statement für Aserbaidschan. Als eines der letzten von 42 Ländern war Deutschland in der Nacht zu Sonntag an der Reihe, die Punkte für die anderen Länder im ESC-Finale in Baku zu vergeben. Die schwedische Favoritin und spätere Siegerin Loreen lag da mit ihrem Popsong schon uneinholbar vorne. Das Ticker-Protokoll unseres Autors Sebastian Dalkowski finden Sie hier>>>

Statt der üblichen Lobhudelei an die Gastgeber für die Show, in der politische Äußerungen eigentlich ausbleiben sollen, gab es von Engelke einen deutlichen Seitenhieb. Nicht nur das: Punkte für Aserbaidschan gab es aus Deutschland nicht.

"Viel Glück auf Deiner Reise"

In Deutschland war der mehrstündige Contest zur besten Sendezeit im Ersten zu sehen. 8,29 Millionen Zuschauer sahen hierzulande die Sendung am Samstagabend (Marktanteil: 36,6 Prozent). Engelke, die im vergangenen Jahr den ESC in Düsseldorf moderiert hatte, sagte bei der Punktevergabe auf Englisch: "Heute Abend konnte niemand für sein eigenes Land abstimmen. Aber es ist gut, abstimmen zu können. Und es ist gut, eine Wahl zu haben. Viel Glück auf Deiner Reise, Aserbaidschan! Europa beobachtet Dich!"

Rund um den ESC war der Kaukasusstaat - der den deutschen Medien einseitige Berichterstattung über das Land vorwirft - besonders beobachtet worden. Während in der Regel bei dem Wettbewerb nur über Musiktitel und Kandidaten diskutiert wird, gab es in diesem Jahr eine heftige Debatte auch über die politische Lage in dem Land.
Menschenrechtsorganisationen beklagen Demokratiedefizite. Bei Protesten während des ESC in Baku griff die Polizei mehrfach hart gegen friedliche Demonstranten durch.

Das Oppositionsbündnis Public Chamber hatte das Medieninteresse während des ESC genutzt, um auf die politische Lage im Land aufmerksam zu machen. Bei einer Demonstration vor dem Finale wurden nach Angaben der Opposition mehr als 60 Menschen festgenommen. Wie das Oppositionsbündnis Public Chamber auf seiner Facebook-Seite mitteilte, wurden zudem rund zehn Demonstranten verletzt. Auf einer belebten Promenade in der Hauptstadt Baku hatten sich dutzende Menschen versammelt und "Freiheit!" gerufen. Die Polizei schritt jedoch sofort ein und beförderte die Demonstranten gewaltsam in Polizeiautos und Busse. Zunächst war von rund 30 Festnahmen die Rede gewesen. 

Schon im Vorfeld hatte sich Engelke darüber gefreut, die Punkte aus Deutschland zu verkünden: "Seit 1974 verfolge ich den ESC - mit einigen pubertäts- und qualitätsbedingten Aussetzern zwar, aber immer mit Leidenschaft und Musikliebhaberblick. Ich habe es von Anfang an geliebt, ESC-Tipplisten zu erstellen. Umso wunderbarer, dass ich in diesem Jahr nicht nur Jurymitglied und sogar Präsidentin bin, sondern auch die deutschen Punkte verkünden darf. Und ich dachte schon, das Erlebnis ESC-Komoderation 2011 sei untoppbar!!" 2011 hatte sie zusammen mit Judith Rakers und Stefan Raab den Eurovision Song Contest in Düsseldorf moderiert. 

Viel Lob für Engelke

ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber begrüßte Engelkes kritischen Äußerungen. "Wir sind das einzige Land gewesen, das in der Show etwas gesagt hat", betonte Schreiber in Baku. Er habe gewusst, dass Engelke sich äußern würde, aber nicht, mit welchen Worten. Sie habe das "in einer charmanten, und doch sehr deutlichen Art gemacht."

Zuschauer reagierten auch bei Twitter gleich mit Lob für die Entertainerin. "Anke Engelke hat einfach Format", schrieb ein User. "Großartig" fanden andere ihre Wortwahl bei der Punktevergabe.

Auch das "Wort zum Sonntag", das in Baku aufgezeichnet und kurz vor dem ESC-Finale ausgestrahlt wurde, widmete sich Samstagabend dem politischen Thema: Sprecherin und Pastorin Nora Steen sagte: "Viele Menschen hier in Aserbaidschan setzen große Hoffnungen auf den Song Contest." Mit dem ESC werde auch der Wunsch verbunden, "dass ganz Europa nicht nur heute Abend ganz genau hinsieht, was in diesem Land geschieht", sagte sie.

EBU weiter in der Pflicht

Aserbaidschan war in diesem Jahr erst zum fünften Mal beim ESC dabei. Nach dem Sieg im vergangenen Jahr landete das Land in diesem Jahr mit Sabina Babayeva auf dem vierten Platz.

Mit Gewinner Schweden wird es wohl im kommenden Jahr rund um den ESC kaum eine politische Diskussion geben. Doch für die für den ESC zuständige Europäische Rundfunk-Union (EBU), deren Mitglieder Rundfunkanstalten sind, bleibt die Frage, wie sie mit politisch heiklen Ländern umgeht.

So war etwa diskutiert worden, was denn beispielsweise geschehen sollte, sollte das autoritäre Weißrussland den Song Contest gewinnen. EBU-Mediendirektorin Annika Nyberg Frankenhaeuser betonte während des ESC, darüber müsse diskutiert werden, wenn eine solche Situation eintrete. In diesem Jahr war Weißrussland im Halbfinale ausgeschieden.

Quelle: apd/dpa/afp/rm
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