| 07.12 Uhr
Deutsche ESC-Entscheidung
Cascada fährt nach Malmö
Cascada holt das ESC-Ticket nach Malmö
Cascada holt das ESC-Ticket nach Malmö FOTO: dpa, Julian Stratenschulte
Mit der Popgruppe Cascada vertritt charttaugliche Dancefloormusik Deutschland beim kommenden Eurovision Song Contest in Malmö. Hätten alleine die Zuschauer entscheiden dürfen, wäre wohl mit der bayerischen Blas-Punk-Kombo LaBrassBanda in etwa das genaue Gegenteil zum Sieger gekürt worden. Cascada-Sängerin Natalie Horler zeigte sich überwältigt. "Ich geh kaputt!", rief sie dem Publikum zu. Von Philipp Stempel

Zwölf Künstler hatten sich zuvor bei einer großen Show in Hannover um das Ticket beworben. Große Stilvielfalt prägte den Abend. Am Ende gewann die Popgruppe Cascada mit dem Titel Glorious. Sie hatte in der Endabrechnung die Nase vorne, weil sie bei allen Gruppen punkten konnte.

Das Urteil verteilte sich auf drei gleich gewichtete Votings: Eine fünfköpfige Experten-Jury, die Fernsehzuschauer und die Zuhörer der ARD-Radiostationen, die schon über die vergangene Woche im Internet abstimmen durften. Dabei erwies sich die bayerisch Kultkapelle LaBrassBanda mit ihrem partytauglichen Tuba-Punk zunächst als Favorit des Publikums. Im Radio lagen die fünf kernigen Jungs mit ihrem Titel "Nackert" bundesweit flächendeckend vorne. Auch bei Twitter bekamen sie viel Zuspruch.

Cascada hingegen lag beim Fernsehpublikum vorne. Als Zünglein an der Waage erwies sich am Ende die Jury. Tim Bendzko, Roman Lob, Anna Loos, Mary Roos und Peter Urban konnten mit "Nackert" ganz offensichtlich gar nichts anfangen und zeigten den Bayern mit gerade mal einem Punkt die kalte Schulter. Cascada bewerteten sie hingegen mit acht von möglichen zwölf - am Ende gewann die 31-jährige Sängerin mit 30 von maximal 36 Punkten in der Endwertung deutlich. Zum Vergleich: LaBrassBanda landete bei 23 Punkten. Dritter wurden die Söhne Mannheims (17 Punkte).

Jetzt soll Cascada für Deutschland punkten.Dabei ist ihr durchaus einiges zuzutrauen, denn international ist Cascada bereits eine große Nummer. Die Bonner Formation hatte schon in Großbritannien, Frankreich, Schweden und den Niederlanden einen Nummer-Eins-Hit - in Deutschland bisher noch nicht. Jury-Mitglied Roman Lob meinte über die Chancen des Dance-Acts Cascada in Malmö: "Top Ten ist immer gut."

"Vielen Dank Leute! Ich geh' kaputt!", rief Sängerin Natalie Horler am Ende der Abstimmung dem Publikum entgegen, bevor sie ihr Siegerlied ein zweites Mal an dem Abend präsentierte. "Ich habe wirklich nicht damit gerechnet, dass wir gewinnen", sagte die blonde Sängerin nach der Verkündung des Ergebnisses. Sie sei sehr geschockt - aber "unheimlich glücklich".

Der Ablauf der deutschen ESC-Entscheidung von Hannover im Rückblick.

Finn Martin Den Anfang machte der gebürtige Berliner mit dem hymnenhaften Titel Change. Er ist ein Typ von nebenan, in etwa so wie zuletzt Roman Lob. Change ist ein Titel zum Wohlfühlen, Martins Gesang ist warm und klar. Einfach gute Popmusik mit hohen Sympathiewerten. Dass im Hintergrund ein paar Gehilfen etwas bemüht auf Mülltonnen herumtrommeln – geschenkt.

Platzierung: 9. Gesamtpunktzahl: 12. Radio: 3. Jury: 6. TV: 3.

Mobilée Im Vorfeld als Geheimfavorit gehandelt, auf der Bühne aber weitestgehend ein Flop. Sängerin Caroline Wolter mühte sich gesanglich spürbar, weil sie ihren eigentlich smarten Fluffi-Pop auf der Bühne mit möglichst viel Druck verkaufen wollte.

Platzierung: 11. Gesamtpunktzahl: 8. Radio: 5. Jury: 3. TV: 0.

Blitzkids mvt. Ein stilsicherer und in sich runder Auftritt. Blitzkids liefern kühl-ästhetisierten Elektropop in futuristischem Gewand. Musikalisch erinnern Blitzkifs mvt. an Anne Clarke, Propaganda und irgendwie auch an Lenas „Taken by a stranger“. Der Song Heart on Line reißt einen zwar nicht gerade vom Hocker, aber er ist perfekt verpackt. Für einen glanzvollen Sieg fehlt es wohl etwas an Charme.

Platzierung: 6. Gesamtpunktzahl: 15. Radio: 1. Jury: 12. TV: 2.

Betty Dittrich Schon ihr Einspieler zeigt die Künstlerin als perfekt inszeniertes retro-Sixties-Erlebnis. Das hat Charme und gewinnt sicher Sympathien. Auch ihr Lied setzt mit Entschlossenheit auf Naivität. Sein Titel „Lalala“, die Blondine mit stilechter Turnfrisur trägt Plateauschuhe, Mini und spielt Ukulele. Witziger Gag am Rand: Zwei männliche Tänzer mit Pulli und Krawatte. Musikalische Substanz hat ihr Song zwar kaum, aber dafür Ohrwurmqualität.

Platzierung: 8. Gesamtpunktzahl: 12. Radio: 8. Jury: 0. TV: 4.

Ben Ivory stellt sich als gedankenschwerer Künstler androgynen Typs vor. In seinem Intro sagt er Sätze wie „Der Traum eines jeden Musikers ist es, Menschen zusammenzuführen.“ Das muss er auf der Bühne erst mal zeigen, denkt sich der Betrachter und stellt fest: Das mag ja sehr neonhaft und vielleicht sogar Kunst sein, aber nichts für das gemütliche Malmö.

Platzierung: 7. Gesamtpunktzahl: 13. Radio: 6. Jury: 7. TV: 0.

Saint Lu Eine ganz eigene, herausstechende Stimme hat die Berlinerin, etwas verraucht und mit viel Soul-Potenzial. In Hannover spielt sie in betont nüchterner Umgebung ihren Titel „Craving“, der in seiner Puristik an Vorbilder wie Amy Winehouse oder Duffy erinnert. Ein Hingucker ist die junge und scheinbar unbeschwerte Österreicherin ohnehin.

Platzierung: 4. Gesamtpunktzahl: 16. Radio: 0. Jury: 10. TV: 6.

LaBrassBanda Der Geheimfavorit aus Bayern. Allein die Vorgeschichte der verrückten Blas-Kapelle mit Punk-Attitüde müsste eigentlich für Malmö reichen. Dann zumindest würden sie die Fahrt mit dem Traktor angehen, so wie vor einigen Jahren zur EM 2008 vom Chiemsee nach Wien. Einen besseren PR-Botschafter als die fünf bayerischen Jungs könnte sich das Land eigentlich kaum vorstellen. Problem nur: Auf der Grand-Prix-Glitzer-Bühne wirkt ihr fröhliches Umpta-Umpta irgendwie deplatziert.

Platzierung: 2. Gesamtpunktzahl: 23. Radio: 12. Jury: 1. TV: 10.

Nica & Joe der Auftritt des studierten Duos bietet einen wunderbaren Kontrast. Sie besetzen den großen Schmachtfetzen, die Gala der großen Gefühle. Sie besetzt die popstimme, er den Tenor. Stimmlich ist das alles rund, ebenso wie der glamouröse Auftritt. Ihr Titel Elevated hat das Zeug, sowohl Klassik- wie auch Popfans anzusprechen. Aber ein Zauber wohnt dem an diesem Abend nicht wirklich inne.

Platzierung: 5. Gesamtpunktzahl: 16. Radio: 4. Jury: 4. TV: 8.

Mia Diekow Beim Einspieler denkt man sich: die ist es. Ein zauberhaftes Mädchen steht, da ganz ohne Allüren – und singt ein Lied für den Mann vom Finanzamt, in dem sie ihm verspricht, bald ein Star zu werden, wenn sie denn nur den Sprung nach Malmö schafft. Mit ihren ein bisschen schiefen Zähnen und ihren Locken sticht sie sofort heraus. Auf den zweiten Blick könnte sie glatt eine Nicole der Indie-Szene sein. Auf der Bühne kann sie diese Höhe mit ihrem Titel „Lieblingslied“ jedoch nicht halten. Die Nummer spielt mit Facetten aus den 50ern, ist vertrackt und zielt auf gute Laune.

Platzierung: 12. Gesamtpunktzahl: 3. Radio: 9. Jury: 2. TV: 1.

Söhne Mannheims Der mit Abstand bekannteste Name im Feld der Künstler und allein dadurch Mitfavorit. Man kann von Xavier Naidoo halten, was man will – er ist in der Malmö-Besetzung nicht dabei – mit dem Titel „One Love“ spielen die Mannheimer Jungs auch an diesem Abend ganz oben mit. Es groovt mitreißend, der Refrain ist eingängig und der Titel spannend in Szene gesetzt. In seinen gerappten Einlagen ist erinnert der Song gar an Giganten wie Seeed.

Platzierung: 3. Gesamtpunktzahl: 17. Radio: 7. Jury: 5. TV: 5.

Die Priester feat. Mojca Erdmann Man liebt es oder man hasst. Für reichlich Aufmerksamkeit hat die Kombination aus Pop, Kirchen-Oper und Priestertum ja bereits im Vorfeld gesorgt. In Hannover stellten sie nun ihren gesanglich perfekt vorgetragenen Mariengesang "Ave Maris Stella" vor, einen Titel der sonst der in der katholischen Kirche zur Abendvesper gesungen wird. Das Zeug zum herausragenden Act haben die Priester sowieso.

Platzierung: 9. Gesamtpunktzahl: 19. Radio: 2. Jury: 0. TV: 7.

Cascada Frikadellen-Pop aus der Chart-Hitschmiede. Mit Titeln wie "Evacuate The Dancefloor" war sie bereits international in den Top Ten – jetzt will sie mit ihrem Synthie-Donner-Dance-Floor-Pop nach Malmö. Sängerin Natalie Horler präsentiert mit Glorious abermals eine Hymne. Dazu hat sie sich in ein knappes Korsett gezwängt und mit Glitzer eingeschmiert, so gehört sich das wohl in der Branche. Musikalisch ist sie nah an der schwedischen Vorjahressiegerin Looreen. Ihr Outfit aber kommt vergleichsweise plump daher.

Platzierung: 1. Gesamtpunktzahl: 30. Radio: 10. Jury: 8. TV: 12.

Ein glasklarer Favorit – so viel war nach dem Durchlauf der zwölf Künstler klar – drängte sich in Hannover nicht gerade auf. Entsprechend knapp fiel auch am Ende das Ergebnis aus. Aber klar ist nach diesem Vorentscheid dafür etwas ganz anderes: Die Stimme der Experten-Jury ist Lichtjahre vom Geschmack des Publikums entfernt. Sie hatte die Elektro-Popper von Blitzkids mvt zu ihrem Liebling gekürt. In den Zuschauer-Votings kamen die Blitzkids auf gerade mal drei Punkte.

Quelle: pst/seeg/dpa/AFP/pst/csi/sap
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