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Eurovision Song Contest
Das war der Schmu aus Baku
ESC 2012: Das ist die Siegerin Loreen
ESC 2012: Das ist die Siegerin Loreen FOTO: dpa, Jörg Carstensen
Düsseldorf. Der… gähn... spannendste Eurovision Song Contest aller Zeiten war ein Triumph für die schwedische Sängerin Loreen. Unser ESC-Skeptiker und Menschenrechtsbeauftragter Sebastian Dalkowski hat sich die Veranstaltung angesehen. Von Sebastian Dalkowski

Der Eurovision Song Contest wird im kommenden Jahr in Schweden ausgetragen. Die große Favoritin des ESC, Sängerin Loreen, konnte in der Nacht zu Sonntag beim ESC-Finale in Baku jubeln. Der deutsche Kandidat Roman Lob wurde Achter mit "Standing Still".

Loreen siegte mit ihrem mystischen Pop-Song "Euphoria" mit 372 Punkten mit großem Vorsprung auf Platz zwei. Den belegten die russischen "Pop-Omas" der Gruppe Buranowski Babuschki mit ihrem Pop-Folklore-Song "Party For Everybody". Dritter wurde der Serbe Zeljko Joksimovic mit der Ballade "Nije Ljubav Stvar". Auch sie hatten bei den britischen Wettbüros auf den vorderen Plätzen gelegen.

26 Kandidaten konkurrierten um den ersten Platz beim ESC in der aserbaidschanischen Hauptstadt. Schätzungsweise mehr als 100 Millionen Fernsehzuschauer schalteten wieder ein. Darunter auch unser Autor Sebastian Dalkowski, der seine Beobachtungen hier aufgeschrieben hat. Das Protokoll des TV-Abends.

20:31 Uhr Ein müdes Willkommen zum Finale des 57. Eurovision Song Contest. Im vergangenen Jahr fand der Wettbewerb in der Weltstadt Düsseldorf statt, nun in der Welthauptstadt der Baustellen: der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku. Wo vor knapp 8000 Jahren die Demokratie erfunden wurde, treten heute 26 Künstler gegeneinander an. Erwarten Sie statt Menschen, Tiere, Sensationen aber bitte Deppen, Windmaschinen und Klavierballaden.

20:34 Uhr Die Frage ist: Wie bleiben Sie wach? Wie bleibe ich wach? Wie überleben wir gemeinsam diese spektakuläre Langeweile? Bei lebenswichtigen Recherchen habe ich herausgefunden, dass der Koffeingehalt von Erfrischungsgetränken nur 25 mg / 100 ml betragen darf. Alles darüber ist Gummibärchenwasser.

20:37 Uhr Das Interesse an den Halbfinals war in Deutschland so enorm, dass die ARD sie auf ihren Premium-Kanälen Einsfestival und Phoenix zeigte. Kurzfristig war im Gespräch, statt des Finals einfach vier Stunden Gottschalk live zu zeigen, um die Quote wenigstens einigermaßen zu retten.

20:42 Uhr Wenn Sie Baku auf dem U betonen, wie das gerade alle tun, dann gehen Sie doch allmählich in ein Uhuhuhuhuuuu über, dann haben Sie bereits gute Chancen, im nächsten Jahr am Song Contest teilzunehmen.

20:45 Uhr Natürlich habe ich mich als seriöser Live-Ticker auch gefragt, wie ich mit dem Thema Menschenrechte umgehe. Das aserbaidschanische Wahrheitministerium hat aber versprochen, dass Schwule und Lesben hier nichts zu befürchten haben. Warum sollten wir dem Vertreter eines Landes nicht glauben, das im Pressefreiheitsranking von Reporter ohne Grenzen auf Platz 162 von 179 liegt? Sogar zwei Plätze vor Somalia und bloß 45 Plätze hinter Simbabwe.

20:52 Uhr Ein Mitarbeiter der Präsidialverwaltung geht allerdings gegenüber dem Deutschlandfunk davon aus, dass Europa vor allem „echte Männer“ zum ESC schickt. Was denkt der Mann, was die da austragen? Die Rugby-Weltmeisterschaft? Und was glaubt der Graf eigentlich, was das ist? Ein Song?

21:00 Uhr Die große Eurovisions-Show kann beginnen in der Crystall Hall von Baku, die ganz im Einklang mit Natur und Bewohnern hochgezogen worden ist. Noch ein kräftiger Schluck aus der Extrem-Koffein-Cola und los geht's. Präsentiert von Aserbaidschan Tourismus.

21:04 Uhr Gleich zu Beginn begrüßt uns Baku mit einem als Feuerwerk getarnten Militärmanöver. In der Eröffnungszeremonie lernen wir: LED – der letzte Schrei in Aserbaidschan. Ich denke aber mal, dass da viel mit Öko-Strom gearbeitet wird.

21:06 Uhr Die Sieger aus dem Vorjahr präsentieren ihren Siegertitel aus dem Vorjahrzehnt. Namen habe ich vergessen, Titel auch. Ich habe jetzt auch keine Lust, das nachzuschlagen.

21:09 Uhr Peter Urban irrt: Was Sie da sehen, ist kein Zeitraffer, sondern die Originalgeschwindigkeit, in der die Kristallhalle gebaut gebaut wurde. Das geht nur in einem lupenreinen Polizeistaat.

21:13 Uhr Das Motto von Engelbert lautet „Dabei sein ist alles“, mit Betonung auf „lebendig dabei sein“. Der 76-jährige Brite, bei dem man nicht genau weiß, ob er sich gleich in einen Werwolf verwandelt oder tot umfällt, singt eine von Geigen erschlagene WDR4-Melodie mit dem Titel „Love Will Set You Free“. Er hat kürzlich behauptet: „Zu meinem Song kann man Kinder zeugen.“ Die Frage ist nur: Was sind das für Kinder?

21:19 Uhr Respekt vor den Jungs aus Ungarn. Compact Disco aka Satin-Terror schaffen es, noch verweichlichteren Elektro-Pop als Linkin Park zu machen. Ihr Song „Sound Of Our Hearts“ klingt so, als müsste er bald den Trailer zum Pro-Sieben-Kinosommer unterlegen.

21:23 Uhr Seit 194 Jahren denken Künstler, dass sich mit Klavierballaden beim ESC irgendwas reißen ließe. Und seit 194 Jahren denken sie, man müsste nach der Hälfte des Songs einfach nur lauter werden, um den Sieg einzufahren. Irrtum, Rona Nishliu aus Albanien. Und mit deiner Stimme ziehen andere Berufsgruppen Zähne. Spar dir den Sauerstoff für sinnvollere Dinge, zum Beispiel für „Taxi, Taxi“-Rufe, nachdem du mit 0 Punkten den Abend beendet hast. Aber vergiss nicht, das Kleid wieder ans Museum of Modern Art zurückzuschicken.

21:23 Uhr Seit 194 Jahren denken Künstler, dass sich mit Klavierballaden beim ESC irgendwas reißen ließe. Und seit 194 Jahren denken sie, man müsste nach der Hälfte des Songs einfach nur lauter werden, um den Sieg einzufahren. Irrtum, Rona Nishliu aus Albanien. Und mit deiner Stimme ziehen andere Berufsgruppen Zähne. Spar dir den Sauerstoff für sinnvollere Dinge, zum Beispiel für „Taxi, Taxi“-Rufe, nachdem du mit 0 Punkten den Abend beendet hast. Aber vergiss nicht, das Kleid wieder ans Museum of Modern Art zurückzuschicken und die Frisur ans Terrarium in Baku.

21:27 Uhr Der Litauer Donny Montell hätte sich anstatt der Augen mal lieber den Mund zugebunden. Die erste Hälfte des Songs „Love Is Blind“ ist eine Schnulze für die Schwiegermutter, die zweite ein Elektropop-Song, um die Tochter bei der Dorfkirmes hinterm Zelt anzugraben. Montell hat vier Versuche gebraucht, um sich endlich mal beim Vorentscheid durchzusetzen. Manche Leuten wollen es einfach nicht verstehen. Gleich nach dem Auftritt geht er übrigens zum Kommunionunterricht.

21:32 Uhr Ach was, eine Ballade mit Klavier und Geige. Das werden wir ja heute bloß 26 Mal haben. Die Bosnierin Maya Sar verfährt nach dem Motto: Wenn schon verlieren, dann wenigstens ohne aufzufallen. Das sind so Lieder, wenn die in Filmen laufen, küssen sich da immer zwei an den Küsten Cornwalls, nachdem vorher irgendjemand tödlich vom Pferd gefallen ist. Pluspunkt aber für die acht Meter langen Haaren, das hält im Winter schön warm.

21:34 Uhr Wünschen wir diesen sechs russischen Wasch- und Backweibern, dass sie nach ihrem Auftritt auch noch zu sechst sind. Die Buranowskije Babuschki aus dem russischen Pusemuckel sind zusammen 2043 Jahre alt, haben drei englische Wörter gelernt, „Party For Everybody“, sich alte Stoffreste zusammengeflickt und gelten nun als die großen Favoriten.

21:36 Uhr Da werden nun wieder Leute sagen: Das ist ja mal was anderes. Ja, es ist auch mal was anderes, statt Milch Benzin zu trinken. Macht ja deshalb auch niemand. Der Song handelt davon, wie es eine Party gibt, wenn die Kinder nach Hause kommen. Wenn die Kinder zu diesen Großmütterchen nach Hause kommen, sagen die sicher: „Sei mir nicht böse, ich schlafe heute bei Freunden.“

21:40 Uhr Der Isländer Jonsí nahm bereits 2003 am ESC-Finale teil und wurde 19.. Wie er daraus den Auftrag interpretierte, es in diesem Jahr noch mal zu versuchen, weiß nur er selbst. Mit einer Frau namens Gréta Salóme singt er das Lied „Never Forgot“, ein dramatisches Duett, das 200 Jahre in einem Gletscher eingefroren war und mit diesem unaussprechlichen Vulkan wieder an die Oberfläche kam.

21:43 Uhr DJ Bobo würde weinen vor Freude. Die 18-jährige Ivi Adamou aus Zypern hat diesen Dance-Song namens „La La Love“ vom Reißbrett irgendwelcher Schweden-Svenssons geklaut, die ja hier ohnehin für jeden Titel verantwortlich sind. Wir zitieren mal die wichtigste Zeile: Lala lalalalalala lalalalala love. Demnächst auch auf Bravo Hits 7.

21:46 Uhr Hands up for Bodenturnen with the Power of Florian Hambüchen. Anggun tritt für Frankreich an, kommt aber aus Indonesien und ist dort ein Superstar. Aber auch nur dort. 1997 hatte sie angeblich einen weltweiten Hit namens „Snow On The Sahara“, sagt Peter Urban (dem ich gestern meine aussortierten Gags geschickt habe). Es muss das Wochenende gewesen sein, an dem ich mit Magen-Darm im Bett lag. Der Song „Echo“ ist wohl für eine Clubparty gedacht. Der Club hat aber schon dicht gemacht.

21:50 Uhr Ich traue es mich ja kaum zu sagen, aber der Song der Italienerin Nina Zilli ist der erste, bei dem ich mich nicht ununterbrochen frage, an was für einem genetischen Defekt die Songschreiber eigentlich leiden. Gut, er klingt, als hätte ihn Amy Winehouse bereits vor vier Jahren gesungen, aber meine Ansprüche sind bescheiden geworden. Auf dem Kleid kann man später noch prima Backkartoffeln zaubern.

21:55 Uhr Ich kämpfe mit dem Bedürfnis, einfach den Fernseher auszuschalten und mir nochmal das Spiel Schweiz gegen Deutschland auf Video anzusehen. Gibt es eigentlich irgendeinen Punkt im Reglement, der Klavierbegleitung und Streicher in jedem zweiten Song fordert? Der estnische Tenor Ott Lepland setzt dazu noch einen Blick auf, als wolle er uns eine Facebook-Aktie verkaufen. Wir zitieren aus seinem Werk „Kuula“: „Kuula, mis vaikusesse jäi // kuula, neid lihtsaid hetki vaid // sa kuula, ka südamel on hääl.“ Das heißt so viel wie: „Ich finde auch, dass ich hier nichts verloren habe, aber immerhin bin ich hier nicht der einzige Vollhorst.“

21:59 Uhr Dieser junge Mann ist nicht Ihr freundlicher Verkäufer aus dem Handyshop in der Fußgängerzone, sondern der Norweger Tooji, der seinen Song präventiv „Stay“ genannt hat. Sein orientalisch verkleisterter Elektro-Schrott-Rock dürfte nur dann einen Punkt holen, wenn Tim Bendzko die restlichen deutschen Jurymitglieder in einen Sack steckt und im Fluss versenkt.

22:02 Uhr Einmal kurz durchatmen. Die Krankenschwester, die heute Nachtdienst hat, fühlt den Puls von Engelbert. Noch ist alles in Ordnung.

22:04 Uhr Die Songschreiber, die schon im vergangenen Jahr den Siegertitel geschrieben haben, sind auch in diesem Jahr für den Beitrag aus Aserbaidschan verantwortlich. Ihr Geheimrezept neben offensichtlicher Ahnungslosigkeit: Streicher. Und die Sängerin Sabina Babayeva, die leider nicht vollständig im Kunstnebel verschwindet. „When The Music Dies“ heißt das Stück, das Sie bitte nicht noch mal wiederwählen. Sonst dürfen wir im nächsten Jahr wieder unser schlechtes Gewissen bekämpfen.

22:09 Uhr Rumänien versucht es 2012 mit einer Mischung aus Captain Jack, kubanischer Folklore und dem Akkordeon von Onkel Heinz. Mandinga heißt die lustige Truppe von bukarestinischen H&M-Verkäufern. Für Sängerin Elena Ionescu gilt: Ne, die sind nicht gemacht, die liegen bloß gut.

22:12 Uhr Auf der Website der Dänin Soluna Samay steht: „Soluna Samay is not just another upcoming singer/songwriter with an acoustic guitar and pretty voice.” Das ist im Grunde richtig, bis auf das „not“. Frauen mit Akustikgitarren müssen harmlos sein, denn sonst wird der Beschützerinstinkt des Mannes nicht geweckt. Ich weiß aber den Versuch zu würdigen, mit einem Oberarmtattoo aus dem Kaugummiautomaten das Liebchen-Image von Soluna aufzubrechen. Bekomme gerade noch die Information eines Informanten: Könnte auch Sherly Crow sein, die ihre Zeitreisemaschine wiedergefunden hat.

22:16 Uhr Griechenland, oh Griechenland. Viel Freude hast du uns gemacht in den vergangenen Monaten und Jahren. Nun schickst du uns auch noch an einem Samstagabend Eleftheria Eleftheriou aka „Wenn Kleidung zum Accessoire wird“ in die Wohnstuben, die den nationalen Vorentscheid in einem Einkaufszentrum in Athen gewonnen hat. Ein angemessener Rahmen. Wie spreche ich nur nett über den Ohohohohohohohoho-Song „Aphrodisiac“? Wenn dieses Stück in den Top 10 landet, dürfte das eher der Auswanderungsfreude der Griechen zuzuschreiben sein.

22:19 Uhr Für Schweden, das Heimatland von Abba, hat der ESC dieselbe Bedeutung wie hierzulande die Fußball-EM. Der Vorentscheid, das Melodifestival, ist ein sechswöchiges Casting mit Zuschauerzahlen, für die Thomas Gottschalk drei Monate sparen muss. Merkwürdig bloß, dass dann so was dabei herauskommt. Den Song von Loreen stellen Sie sich bitte so vor: Celine Dion trifft auf Scooter. Und die Frisur von Loreen bitte so: Yoko Ono trifft auf Pocahontas. Und die Tanzbewegungen bitte so: Körperkrämpfe treffen auf Aerobic. Wird das in Berlin-Mitte schon als neuer Fitness-Trend angeboten?

22:21 Uhr Ich würde jetzt gerne eine Einzelzelle in Baku bekommen und für die nächsten zwei Stunden nicht mehr herausgelassen werden.

22:24 Uhr Can Bonomo ist Türke und Jude, einige türkische Medien haben sich deshalb darüber aufgeregt, dass so einer für ihr Land antreten darf. Dabei gibt es genug anderes, über das man sich bei dem jungen Mann mit viel größerer Berechtigung aufregen kann. „Love Me Back“ steht für orientalischen Folklore-Pop, bei dem ich mich ab Sekunde 3 frage: Wann ist das aus? Wann geht das weg? Kommen da noch schlimmere Geräusche? Und: Warum trägt er Harrys Zauberumhang?

22:27 Uhr Den eklatanten Mangel an Klavierballaden behebt Spanien mit der Sängerin Pastora Soler. In dem Wettbewerb „Wer kann am längsten singen, ohne Luft zu holen“ gilt sie als Favoritin. Ihre Chancen für den ESC? Der größte Beitrag der Spanier zur europäischen Kultur bleibt das Kurzpassspiel des FC Barcelona. Wenn sie sich übrigens ihre Haare wieder losbindet, fliegt ihr Gesicht auseinander. Gleich folgt Roman Lob, Medienberichten zufolge tritt er für Deutschland an. Ich habe darüber leider keine Informationen vorliegen. Ach ne, es ist mir einfach nur egal.

22:33 Uhr Die interessantesten Fakten, die ich mir zu Roman Lob aufgeschrieben habe, sind: hat eine Ausbildung zum Industriemechaniker bei einem Autozulieferer in Troisdorf gemacht / war in der Musik-AG der Realschule Neustadt.

22:35 Uhr Da schmilzt mir doch die gute Butter vom Brot. Wer sich irrtümlicherweise seinen Song „Standing Still“ gekauft hat, kann ihn auch der kleinen Schwester zum Geburtstag unters Kopfkissen legen. Es sage nun bitte niemand, das Stück sei doch so romantisch. Man hat uns auf der Welt schon für weniger gehasst. Auf die Frage, warum er sich überhaupt für den Vorentscheid angemeldet hat, hat er geantwortet: „Das wäre eine fette Sache.“ Jetzt nimm endlich die verdammte Badekappe ab.

22:39 Uhr „Ääääääyeeääää ich singe irgendwas, ich weiß auch nicht was, ich muss nur die Stille füllen... äääääyeeääääääääyeeääääää... fragt mich morgen noch mal, was ich mir dabei eigentlich gedacht habe.... äääääääyeeeeeeäääääääää.“ Kurt Calleja aus Malta toppt sie alle und denkt sich aus, zu welchem Song junge Menschen in Europa wohl feiern wollen. „Ääääääääyeeääääää.“ Jetzt sei schon ruhig.

22:42 Uhr „Guten Tag, ich heiße Kaliopi, bin 45 Jahre alt und komme aus Mazedonien. Mein Lied ist so langweilig, dass ich es vorsichtshalber zur Hälfte als Ballade und zur Hälfte als Rocksong aus dem 18. Jahrhundert singe. Bitte rufen Sie nicht für mich an, lassen Sie mich einfach bloß zu Ende singen.“ Ist es Zufall, dass in Mazedonien gerade extreme Chiffon-Knappheit herrscht?

22:44 Uhr Was ist das, Import-Verbot für Haarspray? Die Iren haben sich gefragt: Wen könnten wir für ein paar Tage oder Jahre entbehren und deshalb bedenkenlos in die lupenreine Demokratie Aserbaidschan schicken? Tja, schon saßen Jedward, die schon Düsseldorf ins Partypartyfantasialand verwandelten, wieder im Flieger. Die beiden eineiigen Starkstrombrüder mit der Verkleidung eines Sat.1-Fantasyfilms haben offenbar einen Song von Justin Bieber gecovert und hoffen damit, ihre baldige Ausreise zu erleichtern. Wenn heute nur achtjährige ADHS-Kids abstimmen, haben sie sogar eine Chance auf den Sieg.

22:47 Uhr Tierschutzorganisationen haben eine Untersuchung der Jedward-Frisuren angekündigt. Der Anwalt kommt von Hertha BSC Berlin.

22:51 UhrWir haben es fast geschafft. Željko Joksimović gewann mit zwölf Jahren tatsächlich den Wettbewerb „Das Erste Akkordeon Europas“ in Paris. Ich gratuliere nachträglich. Überschwänglich. Heute setzt der Serbe auf die zweieiigen Zwillinge des ESC, Klavier und Streicher. Mit dieser Ballade will er doch nur die Schwiegermutter rumkriegen, damit sie ihm ihre Tochter überlässt. Oder ihm einen Gebrauchtwagen abkauft. „Ne, der hat erst 4000 Kilometer gefahren. Ehrenwort.“ Im Hintergrund übt gerade die Therapie-Gruppe „Ich spiele ein Instrument, das seit 50 Jahren niemand mehr einsetzt“.

22:54 Uhr Bei meinen umfangreichen Recherchen habe ich herausgefunden, dass die Ukrainerin Gaitana beinahe professionelle Tischtennisspielerin geworden ist. Nun ist sie beinahe professionelle Sängerin geworden. Eine, die aussieht wie Kader Loth, und mit ihrem Lied höchstens dort auftreten wird, wo Männergruppen mit T-Shirts wie „Pauls letzter Abend in Freiheit“ herumlaufen und Bier nach Hektolitern bemessen.

22:56 Uhr Ukraine meets Aserbaidschan. Wer da jetzt Bauchschmerzen bekommt oder nicht weiß, wen er jetzt mehr boykottieren soll - einfach mit einem ordentlichen Schluck Bier runterspülen.

22:59 Uhr Noch einmal durchatmen, noch einmal Finger in die Ohren stecken. Letzter Beitrag aus der Büchse der Pandora. Aus der Reihe „Länder, die wir nur kennen, weil die deutsche Fußballnationalmannschaft dort ab und zu mal auf einem unbeleuchteten Acker spielen muss“ – Moldawien. Die Perle an der Côte d’Azur. Die Heimat der Alpen und Ananasplantagen. Der junge Mann auf der Bühne heißt Pasha Parfeny, was so viel bedeutet wie „Ich zieh meine bescheuerten Hosen niemals aus“. Dieser lustige Folklore-Popsong ist schon so nervig, dass er direct to Klingelton geht. Fühlt sich an wie ein 3:5 gegen die Schweiz.

23:02 Uhr Gute Nachricht: Wir haben das Schlimmste überstanden. Mal abgesehen davon, dass wir später nochmal den Siegertitel hören werden. Nun müssen wir für unseren Favoriten anrufen, also den Titel, den wir am wenigsten mit Fluchtgedanken verbinden. Das wird viel Arbeit für den Geheimdienst Aserbaidschans. Extra zu diesem Anlass haben sie alte Stasi-Mitarbeiter aus Sachsen einfliegen lassen.

23:05 Uhr In Aserbaidschan ist es jetzt bereits kurz nach zwei. Die haben's ausnahmsweise mal gut, die dürfen schon schlafen.

23:12 Uhr Beim ESC ist das wie mit dem Brautkleid – die Sachen zieht man kein zweites Mal an.

23:20 Uhr Der Schwiegersohn des Präsidenten tritt auf, weil er ein so toller Popmusiker ist. Noch ist aber nicht klar, wer von diesen Schornsteigernfegern er ist. Leni Riefenstahl hatte übrigens wirklich nichts mit der Choreographie zu tun.

23:23 Uhr Da ist er also. Der Wendler von Baku.

23:26 Uhr Offenbar hat der Geheimdienst nun alle Stimmen zusammengezählt. 42 Länder geben ihre Stimmen ab. Das wird voraussichtlich bis Montag 8 Uhr dauern.

23:31 Uhr Die ersten zwölf Punkte gehen von Albanien nach Griechenland. Deutschland erhält zwei Punkte zu viel.

23:34 Uhr Nun müssen wir uns tatsächlich 42 Mal anhören, wie irgendeine Fernsehnase aus irgendeinem Fernsehstudio sagt, wie toll die Show gewesen ist, und dann sagt der aserbaidschanische Moderator so freundlich wie möglich, dass sie endlich zu den Punkten kommen sollen. Deutschland liegt sehr beruhigend auf einem der hinteren Plätze. Österreich gibt zwölf Punkte an Schweden.

23:36 Uhr Es fällt mir schwer, dem Wettbewerb „Wer ist am schnellsten mit dem Auto ins Nachbarland gefahren, um anzurufen“ zu folgen. Schweden liegt schon so weit vorne, dass wir beruhigt endlich das Wochenende genießen können.

23:38 Uhr Ich hätte mir noch mehr Schmerzmittel verschreiben lassen sollen. Ich habe ja nicht ahnen können, dass die Punktedurchsagerinnen genauso schreien. Wer Roman Lob auch nur einen Punkt gibt, fliegt aus der EU.

23:40 Uhr Schlimmer als die Ansagerinnen, die kreischen, sind die, die ihre Fremdsprachenkenntnisse unter Beweis stellen wollen. Frankreich gibt Roman Lob 7 Punkte. Ihren Humor habe ich noch nie verstanden.

23:42 Uhr Okay Leute, geht schlafen. Sollte Schweden doch noch verlieren, melde ich mich. Ich feg hier nur noch kurz mal durch.

23:45 Uhr Die Moderatoren, die die Punkte durchgeben, werden offenbar nach denselben Kriterien ausgesucht wie die Musiker: Unfähigkeit und Selbstüberschätzung. Griechenland gibt uns die Quittung für Merkel: 0 Punkte.

23:47 Uhr Ich denke, bis zum nächsten Jahr werde ich auch irgendwo im Kaukasus einen Oligarchen-Staat gründen und am ESC teilnehmen. Ich bitte um Namensvorschläge und Tipps für Korruption. Schweden liegt fast 40 Punkte vor den zweitplatzierten Russen-Babuschkas.

23:51 Uhr Das einzige, was den Abend jetzt noch interessant machen kann, sind Fans, die vorzeitig die Bühne stürmen. Aber wofür hat man in Aserbaidschan gut ausgebildete Sicherheitskräfte?

23:52 Uhr Bin dazu übergegangen, Erdnussreste aus meinen Zahnlöchern zu pulen. Endlich mal eine Aufgabe, die Spaß macht und mich mit Sinn erfüllt. Nur für Fans: Schweden hat über 40 Punkte Vorsprung. Roman Lob heißt ab morgen wieder Roman Wer?

23:59 Uhr Portugal gibt zehn Punkte an Deutschland. Ist Mallorca rübergerutscht?

00:02 Uhr Schweden hat gerade zwölf Punkte an Schweden vergeben.

00:04 Uhr Wenn ich Mathe nicht nach der dritten Klasse abgewählt hätte, könnte ich vermutlich jetzt schon den Sieg von Schweden verkünden. Ich verkünde ihn aber trotzdem: Schweden hat gewonnen. Roman Lob kommt allmählich einem Platz gefährlich nahe, der keine völlige Blamage ist.

00:06 Uhr Finnland hat den einzigen Moderator ins Rennen geschickt, der nicht aussieht wie ein Freak.

00:09 Uhr Peter Urban und ich sind uns einig: Schweden hat gewonnen. Nur warum bloß, darüber müssen wir beiden ESC-Legenden noch sprechen.

00:14 Uhr Nach 89 Ländern liegt Schweden nun mit über hundert Punkten vorne. Es folgen allerdings noch weitere 412.

00:16 Uhr Ich enthalte meinem Körper nötigen Schlaf vor, um meiner Chronistenpflicht nachzukommen. Schweden erhält 84 Punkte aus Israel und noch mal 34 aus Irland. Wolfgang Stark pfeift vorzeitig ab. Damit ist die Stimmdurchgabe beendet, nun können wir uns wieder wichtigen Themen zu wenden, zum Beispiel dem 3:5-Debakel gegen die Schweiz. Roman Lob landet am Ende auf dem achten Platz. Europa ist unberechenbar.

00:24 Uhr It's good to have a choice. Ich wähle dich, Anke.

00:25 Uhr Selbstverständlich gratuliere ich den Schweden zu ihrem Sieg in der Kategorie „Bestes Patti-Smith-Double“ und verabschiede mich in meinen Schlaf, in dem mich Träume ereilen werden, die ich die nächsten acht Wochen mit meinem Psychiater besprechen werde. Gute Nacht an die Empfangsgeräte!

Quelle: csi/rm/csi
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