| 08.31 Uhr

Kiew
Ein Sieg der Melodie

Kiew. Portugal hat zum ersten Mal in der Geschichte den Eurovision Song Contest gewonnen. Und die Deutschen müssen wieder eine herbe Schlappe analysieren. Von Martina Stöcker

Salvador Sobral stand nicht auf der riesigen Bühne, sondern auf einer Insel im Publikum. Im Hintergrund zeigte die große Leinwand einen Wald. Sein Anzug wirkte zu groß, wie ausgeliehen von einem traurigen Clown. Als Sobral sein Lied "Amar Pelos Dois" (Liebe für zwei) sang, hielt er meist seine Augen geschlossen, ab und zu flatterten seine Lider. Er spielte auf einer unsichtbaren Geige - und er berührte mit seiner gefühlvollen Ballade ganz Europa.

Dem 27-Jährigen ist Historisches gelungen: Mit ihm hat Portugal zum ersten Mal den Eurovision Song Contest gewonnen. Sowohl die Fachjurys als auch die Publikumsstimmen sahen den ehemaligen Psychologie-Studenten und Jazz-Sänger aus Lissabon vorne. Mit 758 Punkten lag er in Kiew vor Bulgarien und Moldawien, Schweden und Belgien. "Das ist ein Sieg für die Musik. In der Musik geht es nicht um Feuerwerk, sondern um Gefühle", sagte der überraschte Sieger mit unverhohlener Kritik an der Musikindustrie, die inszeniert und marktgerecht produziert. "Wir leben in einer Welt völlig austauschbarer Musik - Fast-Food-Musik ohne jeden Inhalt." Der Sprössling einer portugiesischen Adelsfamilie, der laut portugiesischen Medien an einer schweren Herzkrankheit leiden soll, macht sich über seinen Sieg keine Illusionen. "Nächsten Monat erinnert sich keiner mehr daran." Aber vielleicht ändere sich durch seinen Erfolg etwas. "Vielleicht trägt mein Erfolg ja dazu bei, dass Europa inspiriert wird und es künftig melodiösere Lieder gibt."

Veränderungen sollte sich auch Deutschland vornehmen, das wieder einmal untergegangen ist und mit sechs Punkten Vorletzter wurde. Für den Beitrag "Perfect Life" der aus Bonn stammenden Sängerin Levina gab es nur von der irischen Jury drei Punkte, alle Publikumsstimmen aus den 42 teilnehmenden Ländern ergaben umgerechnet die gleiche mickrige Summe. So reichte es nur für den 25. Platz, immerhin eine Verbesserung. Ihre Vorgängerinnen Jamie-Lee (2016) und Ann-Sophie (2015) wurden Letzte, Ann-Sophie bekam sogar gar keine Punkte. "Natürlich bin ich total traurig", sagte Levina, "mit diesem Ergebnis habe ich nicht gerechnet." Sie dankte Irland und wies ironisch darauf hin, dass Deutschland in 25 Jahren wieder ganz oben stehe, wenn es sich von nun an jedes Jahr einen Platz nach oben arbeite.

Der ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber vom NDR sagte, das Ergebnis sei "für Levina und unser Team eine herbe Enttäuschung". Man stelle sich dem Ergebnis und werde es in Ruhe analysieren. ARD-Kommentator Peter Urban wurde auch an diesem Abend nicht müde zu betonen, dass die 26-Jährige einen tollen Job gemacht habe, sie habe perfekt gesungen und nichts falsch gemacht.

Warum reicht es dann nicht für mehr Punkte? Dieser ESC hat wieder gezeigt, dass es schon ein starkes Lied braucht, um aus dem Musik-Brei von 26 Teilnehmern herauszustechen. Packend war "Perfect Life" nicht, denn schließlich hat der ESC-Beitrag auch in Deutschland nicht gezündet. Zwar hatten 69 Prozent der Zuschauer beim Vorentscheid dafür gestimmt, doch da half bei der Zustimmung wohl auch der Mangel an guten Alternativen. In den offiziellen Single-Charts stieg das Lied nach dem Vorentscheid auf Platz 28 ein, fiel jedoch nach einer Woche wieder raus. Niemand pfiff es auf der Straße. "Perfect Life" tat nicht weh, rauschte aber vorbei, ein Auftritt ohne große Performance. Levina hatte keine Chance: Nur lächeln und die Töne treffen reicht bei einem mittelmäßigen Lied nicht.

Das Siegerlied hat hingegen mal wieder gezeigt, dass beim Eurovision Song Contest entgegen aller Vorurteile nicht das Land gewinnt, das die meisten Nachbarn hat, oder dass der osteuropäische Musikgeschmack alles dominiert. Portugal bekam quer durch die Bank aus allen Ländern Punkte: Zum Beispiel den Höchstwert aus Island, mit dem es nur die Liebe zu stark riechenden Fischprodukten teilt. Aus Armenien, das 4500 Kilometer weit entfernt liegt. Oder aus Polen, das eigentlich eine Neigung zu bombastischen Balladen hat, wie sein eigener Beitrag zeigte. Aber alle haben sich in dieses kleine, feine Lied verliebt. So still, so unaufgeregt, so anders.

"Amar Pelos Dois", auch in der Landessprache gesungen, stach heraus aus dem englischen Pop-Einheitsbrei schwedischer Erfolgs-Komponisten und Produzenten, die anscheinend vor jedem ESC mit einem Musterköfferchen durch ganz Europa reisen. Die TV-Einschaltquote zeigt auch, dass es im Land eine ESC-Müdigkeit gibt. Am Samstagabend schalteten 7,76 Millionen Menschen ein (Marktanteil 31,5 Prozent), allgemein eine gute Quote, aber die schlechteste seit 2009. Zu Zeiten der letzten deutschen ESC-Gewinnerin Lena Meyer-Landrut waren es 2010 und 2011 jeweils mehr als 13 und 14 Millionen. Wenn Levina Deutschland schon nicht begeisterte, wie sollte sie Europa für sich einnehmen?

Quelle: RP
 
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