| 14.10 Uhr

Eurovision Song Contest 2016
So schwach ist die Konkurrenz von Jamie-Lee Kriewitz

Fotos: Das ist Jamie-Lee Kriewitz
Fotos: Das ist Jamie-Lee Kriewitz FOTO: dpa, hk soe
Stockholm. Am 14. Mai will Jamie-Lee Kriewitz in Stockholm den ESC nach Deutschland holen. Vorher müssen sich in zwei Halbfinals die Mitbewerber qualifizieren. Einen echten Favoriten gibt es diesmal nicht - dafür aber viel Mittelmaß. Von Jörg Isringhaus

Weniger als null Punkte geht nicht: Insofern dürfte Jamie-Lee Kriewitz relativ entspannt auf das Finale des Eurovision Song Contest (ESC) am Samstag in Stockholm zusteuern. Vorgängerin Anne-Sophie hatte im vergangenen Jahr die unglückliche Null auf dem Punkte-Konto und damit für Deutschland den letzten Platz in der Rangliste geholt. Tatsächlich wirkt ihre Nachfolgerin Kriewitz bisher erfrischend unbeeindruckt vom ESC-Zirkus, was zum einen daran liegen mag, dass die gerade volljährig gewordene Schülerin eben noch sehr jung ist, zum anderen aber daran, dass sie keinen schlechten Song im Gepäck hat. "Ghost" hat durchaus das Zeug, unter die besten Zehn zu kommen - das Mitbewerberfeld bietet bis auf wenige Ausnahmen in diesem Jahr bestenfalls Mittelmaß.

Wer es ins Finale schafft, steht allerdings bis auf die stets gesetzten fünf Vertreter der geldgebenden European Broadcasting Union - Deutschland, Spanien, Italien, Frankreich und Italien - sowie den Vorjahressieger (Schweden) nicht fest. In den beiden Halbfinalen morgen und am Donnerstag treten jeweils 18 Nationen an, von denen sich je zehn fürs Finale qualifizieren. Am Samstag singen somit inklusive der gesetzten Länder 26 Teilnehmer um Europas Pop-Krone. Und rund 120 Millionen Zuschauer verfolgen das Musik-Spektakel live auf den Bildschirmen.

Sie müssen sich vor allem auf Balladen einstellen. Ohnehin das favorisierte ESC-Genre, scheint sich seit Conchita Wursts Sieg 2014 in Kopenhagen der Anteil der balladesken Elemente noch einmal erhöht zu haben. Dass schürt die Langeweile, wobei etliche der Stücke sicher dem Halbfinal-Voting zum Opfer fallen werden. Doch welche Interpreten sollte man auf der Rechnung haben? Vielversprechende Kandidaten finden sich vor allem im ersten Halbfinale. Etwa Freddie, einen smarten Colin-Farrell-Typ mit Welpenblick und rauem Timbre, der mit dem Schmachtfetzen "Pioneer" für Ungarn antritt. Oder die ausdrucksstarke Nina Kraljic aus Kroatien, deren Song "Lighthouse" von den Buchmachern unter den ersten Zwölf gesehen wird.

Überhaupt, die Buchmacher. Sie favorisieren den russischen Popstar Sergey Lazarev, dessen Video zum Song "You Are The Only One" bereits millionenfach geklickt wurde. Das etwas zu bombastische Lied muss man sicher auf der Rechnung haben. Kriewitz steht bei den Buchmachern übrigens nicht so hoch im Kurs, sondern rangiert eher im Mittelfeld. Ebenfalls gute Chancen dürfte sich Douwe Bob aus den Niederlanden ausrechnen, dessen folkiger Retro-Pop "Slow Down" ein wenig an die Common Linnets erinnert, die 2014 den zweiten Platz holten. Auch Österreich hat mit Zoë eine aussichtsreiche, charmante Kandidatin, die ihr Lied "Loin d'ici" komplett auf französisch singt. Hoffnung auf den Titel darf sich auch Poli Genova machen, die mit "If Love Was A Crime" für Bulgarien antritt. Oder Laura Tesoro, die mit ihrer natürlichen Ausstrahlung punktet und einem funkigen Disco-Popsong aus der Reihe tanzt.

Aber auch unter den gesetzten Finalisten gibt es durchaus Titel-Aspiranten. Frankreich mit Amir zum Beispiel, dessen Stück "J'ai cherché" in seiner Heimat schon ein Radiohit ist. Oder Barei aus Spanien, deren Song "Say Yay!" für spanische Verhältnisse ungewöhnlich modern daherkommt. Nicht vergessen darf man auch Frans, der mit seinem Popsong "If I Were Sorry" durchaus eine, wenn auch kleine Chance besitzt, den schwedischen Triumph vom Vorjahr zu wiederholen.

Viele erfahrene Künstler sind dabei

Auffällig ist, dass etliche Nationen bereits ESC-erfahrene Künstler ins Rennen schicken. So war Ira Losco aus Malta 2002 Zweite, auch Donny Montell tritt nach 2012 erneut für Litauen an, genauso wie Poli Genova, die schon 2011 in Düsseldorf für Bulgarien sang. Obwohl fern von Europa, dürfen die ESC-begeisterten Australier nach 2015 wieder dabei sein, müssen allerdings durchs Habfinale, was mit Sängerin Dami Im und dem Lied "Sound Of Silence" schiefgehen kann.

2016 gibt es wenig schräge Figuren

An Vorab-Skandalen und schrägen Figuren ist der 61. ESC-Jahrgang eher arm. So sorgte im Vorfeld das Lied der Ukrainerin Jamala für wohldosierte Aufregung. In "1944" geht es um die Deportation ihrer Großeltern auf der Halbinsel Krim durch sowjetische Truppen, ein Seitenhieb, so die russische Kritik, auch an Putins aktueller Politik. Seit der Annexion der Krim wird der russische Beitrag regelmäßig ausgebuht. Jamala bestritt jedoch eine politische Botschaft, die nach dem ESC-Regelwerk tabu ist, und bekam von der EBU-Jury recht. Sie darf also antreten.

Aus der Reihe tanzt ansonsten kaum einer. Ivan aus Weißrussland machte kurz von sich reden, weil er seinen Song "Help You Fly" nackt mit zwei Wölfen auf der Bühne vortragen wollte. Die EBU lehnte ab, was schade ist, weil die Show vom grottenschlechten Song abgelenkt hätte. Zumindest musikalisch ungewöhnlich ist der Beitrag Georgiens mit der Band Young Georgian Lolitaz, in deren Indie-Rocksong "Midnight Gold" es nach allen Regeln der Kunst melodisch rumpelt und fiept, mit dem sich aber nichts gewinnen lässt - zumindest nicht beim ESC.

So fällt Kriewitz im Heer der Durchschnittlichen nicht nur musikalisch, sondern auch optisch auf. Mit ihrer von japanischen Manga-Comics inspirierten Liebe zu schrillem Kopfschmuck und auffälliger Kleidung wirkt sie wie von einem fernen Stern gefallen. Vielleicht wird sie ja von Europa adoptiert.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

ESC Halbfinale 2016: Schwache Konkurrenz für Jamie-Lee Kriewitz


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.