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Vorentscheid für deutschen Kandidaten
Was man zum Eurovision Song Contest wissen muss

ESC 2018 - Kandidaten des Vorentscheids
ESC 2018 - Kandidaten des Vorentscheids FOTO: dpa, ped soe sab
Berlin. Am Donnerstagabend bestimmen Zuschauer und internationale Jurys beim Vorentscheid den deutschen Teilnehmer für das Finale des Eurovision Song Contest. Das Prozedere wurde radikal verändert, um nicht erneut zu scheitern. Von Jörg Isringhaus

Die Zielvorgabe für den deutschen Beitrag hört sich zunächst mal überschaubar an - wenn es geht, bitte nicht Letzter oder Vorletzter werden im Finale des Eurovision Song Contest in Lissabon. Wie schwer das tatsächlich ist, haben die vergangenen drei ESC-Wettbewerbe gezeigt: Levina hangelte sich 2017 auf den vorletzten, Jamie-Lee (2016) und Ann-Sophie (2015) landeten nur auf dem letzten Platz.

Ernüchtert von dieser Niederlagen-Serie, krempelte ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber das Prozedere für den deutschen Vorentscheid radikal um. Derjenige, der das Ticket nach Lissabon lösen will, muss sowohl die Fernsehzuschauer als auch eine 20-köpfige internationale Jury sowie 100 Eurovisions-Juroren überzeugen. Ob's am Ende hilft, beim ESC zu glänzen? Zumindest lassen sich mögliche Schuldzuweisungen prima auf viele Schultern verteilen.

Mehrstufige Auswahlprozesse

Zunächst aber gilt es, das bestmögliche Lied plus Künstler für das Finale zu finden. Die sechs Kandidaten, die sich in Berlin live dem Fernsehpublikum präsentieren, haben bereits ein umfangreiches Auswahlverfahren über sich ergehen lassen. Aus 200 Bewerbern siebten die internationale und die Eurovisions-Jury 20 Musiker aus, die bei einem Workshop mit Hilfe von Coaches an ihrem Gesang und ihrer Bühnenpräsenz feilen durften. Am Ende entschieden sich die Jurys für sechs Vorentscheid-Kandidaten.

In einem zweiten Prozess wurde für jeden Teilnehmer mit Komponisten, Produzenten und Labels das passende Lied gesucht - natürlich aus verschiedenen musikalischen Genres. Bloß nichts verkehrt machen, lautete offenbar die Devise dieses fast schon wissenschaftlichen Ansatzes. Wurde doch versucht, mit der international zusammengesetzten, von Datensammlern über mehrstufige Auswahlprozesse ausgewählten Eurovisions-Jury den Geschmack europäischer Fernsehzuschauer vorzuempfinden.

Wundersamerweise sind dabei durchaus einige hörenswerte Lieder herausgekommen, die gestern erstmals offiziell präsentiert wurden. So stellt Songwriter Xavier Darcy mit "Jonah" ein treibendes Gitarren-Folk-Stück vor, das nicht nur im Aufbau stark an Lieder der Band Mumford & Sons erinnert. Auch die raue Stimme des 22-Jährigen passt perfekt zum Vorbild. Der Song macht auf jeden Fall Laune, was beim ESC nicht unbedingt verkehrt ist.

Ivy Quainoo - 2012 Gewinnerin der Casting-Show "The Voice of Germany", aus deren Teilnehmerfeld noch zwei weitere Kandidaten stammen - bietet dagegen mit "House On Fire" eine R'n'B-Ballade, die etwas zu langsam in Gang kommt und keinen eingängen Refrain zu bieten hat. Rick Jurthe alias Ryk setzt auf viel Gefühl und will mit seiner Schmachtballade "You And I" offensichtlich dem Vorjahressieger Salvador Sobral Konkurrenz machen. Die fast zerbrechlich wirkende Stimme des 28-Jährigen trägt den Song, der allerdings verdächtig nah am Kitsch navigiert. Aber das trifft ja auf die meisten ESC-Stücke zu.

"I mog di so"

Die kernige, von Florian Silbereisen unterstützte Männertruppe Woxxclub will mit dem Volksmusik-Schlager "I mog di so" punkten. Das im Dialekt gesungene, musikalisch eher einfach gestrickte Lied ist sicher ein tanzbarer Gute-Laune-Mitschunkler, gehört aber eher an den Ballermann oder zur Ski-Gaudi als ins ESC-Finale.

Natia Todua, "The Voice"-Siegerin von 2017, besitzt eine eigenwillige, unverwechselbare Stimme, mit der sie eine allerdings etwas mittelmäßig geratene Midtempo-Pop-Ballade singt. Immerhin bleibt der Refrain von "My Own Way" eine Weile im Ohr hängen - lange genug für die Juroren? Michael Schulte, Dritter bei "The Voice" 2012, tritt in Berlin mit dem gefühligen Pop-Song "You Let Me Walk Alone" an. Der 27-Jährige ist im Internet bekannt geworden. Er hat einen YouTube-Kanal mit 200.000 Abonnenten. Vielleicht helfen ihm die ja, aus dem Vorentscheid als Sieger hervorzugehen.

In Lissabon fällt die Entscheidung

Allein mit Zuschauerstimmen ist der Vorentscheid aber nicht zu gewinnen. Die Punkte entfallen je zu einem Drittel auf die internationale Jury, die Eurovisions-Jury und die Fernsehzuschauer. Die internationale Jury besteht aus 20 Personen, die in den vergangenen Jahren in ihren jeweiligen Heimatländern Mitglieder der nationalen Jury waren. Nach den sechs Auftritten geben dann alle Jurys ihre Stimmen ab. Die Punkte werden getrennt voneinander bekannt gegeben. Für den Sieger lautet die nächste Station ESC-Finale am 12. Mai in Lissabon.

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Schreiber ist angesichts der Teilnehmer zuversichtlich. Das Ergebnis des neuen Auswahlverfahrens habe ihn ermutigt, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Es sei denn, so ist wohl zu vermuten, der Weg führt erneut in die Sackgasse.

 
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ESC Vorentscheid 2018: Wer wird deutscher Teilnehmer?


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