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Eurovision Song Contest
Nur die Botschaft zählt

Infos: Die Gewinner und Verlierer des ESC 2016
Infos: Die Gewinner und Verlierer des ESC 2016 FOTO: ap, MM
Düsseldorf. Die Ukraine gewinnt den Eurovision Song Contest mit einem politischen Fanal, Deutschland belegt wie im Vorjahr den letzten Platz. Warum es trotzdem ein bemerkenswerter, spannender Abend war. Von Jörg Isringhaus

Elf Punkte sind zwar mehr als einer, aber da hilft alles Schönreden nichts: Deutschland belegt zum zweiten Mal hintereinander den letzten Platz im Finale des Eurovision Song Contest (ESC). Zwar sang Jamie-Lee Kriewitz in Stockholm durchaus überzeugend, ihr Lied "Ghost" ging aber unter im allgemeinen Balladen-Bombast. Vor allem hatte es keine politische Botschaft wie Jamalas Sieger-Song "1944" für die Ukraine – er thematisiert die Zwangsumsiedelung der Krimtataren durch stalinistische Usurpatoren. In einem Europa des Umbruchs scheint diese Anspielung auf aktuelle Entwicklungen, zumal aus einem Land im Kriegszustand, mehr zu zählen als musikalische Qualität. Das mag generell nicht verkehrt sein, verschiebt aber die Parameter des Wettbewerbs.

Der ESC hat es sich zur Maxime gesetzt, in den künstlerischen Beiträgen politische Statements außen vor zu lassen. Solange es allgemein um den Frieden geht, ist das kein Problem, Europa vereinen soll bei diesem Wettbewerb die Kraft der Musik – so wie bei den Olympischen Spielen der Sport die Welt zusammenbringen soll. Die Moderatoren Mans Zelmerlöw und Petra Mede haben das am Finalabend mit ihrem selbstironischen Lied "Love Love Peace Peace" witzig aufs Korn genommen. Aus dem Munde Jamals haben sich diese Worte nach ihrem Sieg jedoch in eine deutliche Botschaft verwandelt, die sie auf der Pressekonferenz noch präzisierte – sie sei glücklich darüber, dass man die Wahrheit aussprechen könne und die Menschen damit berühre.

Einschätzung schwer nachzuvollziehen

Bereits im Vorfeld hatte der ukrainische Beitrag für Unmut gesorgt. Russland fühlte sich angegriffen, im Gegenzug erklärte der Generaldirektor des ukrainischen Fernsehens, im Falle eines Sieges des im Vorfeld hochfavorisierten russischen Sängers Sergey Lazarev werde die Ukraine den ESC im Jahr darauf boykottieren. Zwischendrin beteuerte Jamala stets, in ihrem Lied gehe es nur um das persönliche Schicksal ihrer Urgroßmutter, die damals auf Stalins Befehl verschleppt wurde. Jamala selbst kehrte mit ihrer Familie erst nach dem Ende der Sowjetunion auf die Krim zurück. Die Europäische Rundfunkunion klopfte das Lied auf aktuelle politische Bezüge ab – und fand nichts zu beanstanden. Was in der aufgeheizten Stimmungslage besonders in Osteuropa allerdings schwer nachzuvollziehen ist.

So war schon die Entscheidung, Jamalas Beitrag mit in den Wettbewerb aufzunehmen, eine politische; genauso wie das überwältigende Votum für ihren Song ein politisches ist. Musikalisch ist "1944" eher altbacken – ein von Elektrobeats unterlegter, allmählich zum Geheul steigernder Jammergesang, der sich kaum im Ohr festzusetzen vermag, untermalt von traditionellen musikalischen Instrumenten. Wenn aber der ESC sich der Politik öffnet – was ja diskussionswürdig ist – muss das für alle gleichermaßen gelten.

Keine Chance für Deutschland Auch vor dem Hintergrund hatte Jamie-Lee Kriewitz keine Chance. Über weitere Gründe für ihr schlechtes Abschneiden zu spekulieren, führt schnell auf Irrwege. So mutmaßen die ewigen Verschwörungstheoretiker im Internet, es liege an Deutschlands Unbeliebtheit im Ausland oder an Merkels umstrittener Flüchtlingspolitik. Was Blödsinn ist. Eher liegt es wohl daran, dass hierzulande der Vorentscheid zum zweiten Mal unglücklich verlief. Verzichtete im Vorjahr Andreas Kümmert auf sein ESC-Ticket, war es nun die später gekippte Nominierung Xavier Naidoos, die für Wirbel sorgte.

In beiden Fällen traten also am Ende Kandidaten an, die von außen vielleicht als zweite Wahl erscheinen mussten. Was auf Jamie-Lee künstlerisch sicher nicht zutrifft – dennoch war sie im allgemeinen Video-Gewitter und Windmaschinen-Getöse mit ihrer von Manga-Comics beeinflussten skurrilen Optik eher ein sympathischer Farbklecks. ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber erklärte das damit, Jamie-Lee hätte mit "Ghost" eher sehr junge Zuschauer angesprochen, international und in allen Altersschichten hätte aber eher Unverständnis über das Manga-Mädchen aus Deutschland geherrscht. Tatsächlich war die Schnittmenge außerhalb des Landes offensichtlich zu gering.

Ganze zehn Punkte bekam Jamie-Lee von den Zuschauern in Europa, nur einen von den insgesamt 42 Länder-Jurys – aus Georgien. Zum Vergleich: Siegerin Jamala erhielt 534 Punkte. Hinter den Zahlen steckt aber noch mehr. Zum ersten Mal wurden die Punkte von Jurys und Zuschauern gesplittet und getrennt verkündet. Das neue System hat sich bewährt. Selten war die Punktevergabe so spannend. Zwar konnte sich Australien bei den Jurys zunächst einen deutlichen Vorsprung erarbeiten, wurde dann aber kurz vor der Ziellinie durch die Zuschauerpunkte von der Ukraine eingeholt – vergleichbar mit einem Fußballspiel, in dem in der 90. Minute der entscheidende Treffer fällt. Interessant auch zu sehen, wie stark Jurys und Zuschauer in ihren Präferenzen voneinander abwichen. So fiel die dritthöchste Zuschauerwertung auf Polen, einen der schlechtesten Songs des Abends. Aufschlussreich auch, dass, anders als die jeweiligen Jurys, die Menschen in der Ukraine zwölf Punkte nach Russland gaben und die Russen zehn Punkte an die Ukraine.

Punktevergabe spannend, aber dauert lange

Was war sonst noch bemerkenswert an diesem ESC-Abend? Dass die schwedischen Gastgeber eine tolle, lockere Show geboten haben, was angesichts dieses so Pop-affinen Landes nicht weiter wundert. Dass die Punktevergabe zwar spannender geworden ist, das Finale aber deutlich verlängert – drei Stunden reichen vollkommen aus, so waren es fast vier. Dass es an schrillen Inszenierungen und Künstlern fehlt, der auch von seiner Exotik lebende ESC aber nicht zu einem Dutzendwettbewerb verkommen darf. Dass Australien ebenfalls in Europa liegt und einer der nächsten Wettbewerbe wohl in Sydney oder Melbourne stattfinden wird – fast wäre es diesmal schon so weit gewesen.

Übrig bleibt am Ende auch eine traurige Verliererin. Allerdings hat sich Jamie-Lee schon im Vorfeld äußerlich so unbeeindruckt vom ESC-Zirkus gezeigt, dass man der 18-Jährigen durchaus zutrauen kann, diese Niederlage gut wegzustecken. Singen kann sie, das hat sie bewiesen. "Nächstes Jahr wird Deutschland einen besseren Platz belegen, da bin ich mir sicher", erklärte Jamie-Lee hoffnungsvoll in der Nacht.

Na, wer traut sich?

(isr)
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