| 16.49 Uhr
Eurovision Song Contest in Baku
Mit Ironie sollte man in Baku vorsichtig sein
ESC 2012 in Baku: Das sind die Platzierungen
ESC 2012 in Baku: Das sind die Platzierungen FOTO: dpa, Ladygin Alexei
Baku. Der deutsche Vertreter Roman Lob tritt heute Abend in Aserbaidschan um eine gute Platzierung an. Baku glänzt mit einnehmenden Kulissen und Menschen, die sich über Besuch aus Europa freuen. Von Jan Feddersen

Einer von ihnen soll sogar geweint haben. Eigentlich wollte er dem Land, in dem der Eurovision Song Contest stattfindet, einen Gefallen tun. Zwischen den Auftritten während der Halbfinale und auch heute beim Finale laufen Filmchen für das Publikum an den Bildschirmen – in der Halle selbst werden diese Intervalle für Umbaupausen benötigt.

Brainpool TV hat diese Clips gedreht, die deutsche TV-Produktionsfirma, die man gewöhnlich als Mutterhaus von Stefan Raabs TV Total kennt, hat von Ictimai TV den Auftrag zugesprochen bekommen, diese Show zu ermöglichen. Mit allen Schikanen, Kameras, Lichteffekten, Klangräumen – HighTech-Fernsehen, auf das sich diese Firma versteht. Sie hat voriges Jahr in Düsseldorf den ESC werktechnisch ins Bild gesetzt.

Jörg Grabosch, Geschäftsführer der Firma und seit einem Dreivierteljahr beinahe nur noch besuchsweise in seiner Kölner Heimat, sagt, dass Aserbaidschan nicht allein Hilfe bräuchte, kein Land könne dieses Entertainmentfestival ins Werk setzen. Kein Sender muss all das Equipment, all die speziellen Kompetenzen parat halten.

Ironie ist in diesem Land gefährlich

Es wäre falsch, Grabosch als erschöpft zu skizzieren in diesen fast sommerlich heißen Tagen in Baku. Aber er wirkt etwas geschafft. Überall lauern Pannen, aber keine Pleiten. Aserbaidschan hat Geld, dieser Flecken Erde, das nicht einmal auf unseren Wetterkarten ganz rechts unten zu sehen ist, leidet nicht an finanzieller Not – Öl- und Gasvorkommen sei Dank.

Aber Brainpool TV ist nicht allmächtig hier am Saum Europas. Die Videofilmchen nämlich, die gedreht wurden, wie gewohnt mit leichter Ironie, und dennoch die Vorzüge des Landes visuell fein präsentierend, wurden von der Aliev Foundation nicht genehmigt – und ließ fast über Nacht neue Clips drehen.

Aserbaidschan will nämlich glänzen – und Ironie ist in diesem Land gefährlich, weil man für diesen Dialekt der Kommunikation eine coole Distanz zu sich selbst braucht. Die Bakuer Regierung – und zu der gehört der Think Tank der Aliev Foundation als zentraler Link zwischen dem Land und der ganzen anderen Welt – will sich pompös darstellen in dem irrigen Glauben, die Welt ließe sich nur von Glitzer und Flitter beeindrucken.

Grelle Filmchen

Aber nun sieht das Publikum wie auch heute Abend diese Filmchen: Putzige, viel zu grelle Agitpropstücke, die nicht einmal touristisch Attraktivität stiften. Grabosch aber sagt, weil er vermutlich stolz, mit seiner Firma und aserischen Kollegen dieses Ding gestemmt hat, er freue sich vor allem darauf, wenn er wieder nach Hause kommt: auf ein anderes Klima. Eine andere Brise. Wo die Luft nicht so schwül ist, der Regen auch mal Abkühlung bringt und die Sonne nicht zur Hitze führt.

Vieles fühlt sich staubig an in Baku, was den Eindruck verstärkt, dass in der Stadt recht eigentlich rund um die Uhr von einem Heer von Menschen geputzt, gefegt, gewischt und gewienert wird. Ein nicht zu gewinnender Kampf gegen den Film, der sich überall leicht ölig auf alles legt.

Roman Lob chillt

Von all dem kriegt freilich Roman Lob nichts mit. Man könnte denken, der deutsche ESC-Kandidat reise zehn Tage vor seinem finalen Auftritt an und beginne ein intensives Programm des Chillens. Das Gegenteil ist der Fall. Lob, dieser all German Boy aus dem Pfälzischen, gelernter und bekennender Industriemechaniker, nett, freundlich, Mützenträger, hat ein hartes Programm zu absolvieren. Interviews in Fülle für Radios und Nachrichtenagenturen, Besichtigungen, Fototermine, Auftritte in einer deutschen Bierschwemme am Rande der Bakuer Altstadt.

Roman Lob, den man hier süß und niedlich nennt, den junge Mädchen unversehens auf der Straße um Autogramme angehen und mit ihm fotografiert werden wollen, hält sich mehr als tapfer. Aber es gibt eben auch Stunden – nur Stunden, möchte man sagen –, in denen selbst die gefräßige Promotionsmaschine seiner Menschen im Hintergrund still hält. Lob darf dann, so heißt es, ausgiebig chillen.

 Thomas D. macht den Buddy

Er scheint es prima zu meistern. Kann er denn etwas dafür, dass viele Journalisten erst jetzt Interesse an ihm zu haben scheinen? War es nicht auch gemein, dass es seitens vieler Medienkollegen hieß, na, der Lob ist ja keine Lena, dafür machen wir jetzt viel über Menschenrechte. Lena war im Übrigen auch schon in Baku, aber nur für einen Auftritt als einer von fünf einstigen ESC-Siegern. Sie machte es prima, zeigte sich wieder eine Idee mehr erwachsen, fraulicher – aber um sie geht es jetzt nicht mehr.

Sondern um Roman Lob. Kann er vorne landen? Einen Sieg erwartet niemand von ihm, weder die ARD noch Thomas D, sein Mentor – aber wie im Sport soll natürlich nicht die Hoffnung ganz ausgesperrt bleiben, dass er gewinnen könnte. Einer wie Thomas D, der sich liebevoll Roman Lob gegenüber als „Rockerboss auf einer Harley“ versteht und durch ein Schicksal namens „Unser Star für Baku“ plötzlich Nachwuchs auf seinen Hof in der Eifel zugespült bekommt – um im Bild zu bleiben: auf einer Mofa –, dieser Thomas D ist vermutlich das Beste für den Nachwuchsmusiker, was diesem passieren konnte. Zumal hier in Baku.

Jeder fragt nach den Menschenrechten

Der Fanta 4-Sänger beschützt ihn auf so diskrete Art, dass Lob aufzublühen scheint. Kein pädagogisches Gebell, kein esoterisches Zureden wie „Packen wir, Alter“, nein, Thomas D, so schmal wie er ist, gibt den Breitschultrigen, an dessen Muskeln kein Vorbeikommen ist, zumal nicht zu Roman Lob. Sie spielen quasi Buddys hier in Baku, vielleicht sind sie auch schon Freunde.

Baku selbst wird für die meisten Eurovisionstouristen eine heftige Erinnerung bleiben. Am ehesten darf man sagen: Die etwa 10.000 Menschen aus 45 Ländern Europas, die momentan am Kaspischen Meer Station machen, wissen, zumal die Deutschen, dass kein Kontakt in die Heimat ohne die Frage von deren Seite verläuft: Na, wie sind die Menschenrechte dort? Nicht, dass das ein unwichtiges Thema wäre. Nicht, dass die empfindlichen Polizeieinsätze gegen Demonstranten, gegen NGOs so gar nichts mit einem machen müsste – wer will schon in einer Stadt zu Gast sein, in der an jeder Ecke Gefahr und staatliche Willkür lauert.

Aserbaidschan ist nicht Nordkorea

Aber ein ums andere Mal muss man nach Hause mitteilen: Nein, es fühlt sich nicht wie Nordkorea an; ja, hier sind viele schöne, neue prächtige Bauten, aber die Polizei ist wahnsinnig freundlich; und, nein, auch wie in Moskau vor drei Jahren beim ESC geht es hier nicht zu. Das soll dann bedeuten, dass in der russischen Hauptstadt in jenem Jahr der Bürgermeister die schwulen Männer, die nun einmal den ESC im Hintergrund mehrheitlich ausmachen, unerwünscht seien. Eine Metropole, die voll ist mit politischen Gefangenen und nur eine Polizei kennt, die durchweg drakonisch strafend operiert. Aber in Baku, zum Vergleich, sieht man derlei Touristenhorror nicht.

Ein Mitarbeiter einer politischen Stiftung aus Deutschland in Baku, ein Berater und Analyst, sagt jenseits des Geschehens der Verhaftungen von Menschenrechtlern, dass Präsident Aliev eine stabile Basis im Volk habe, dass das Land immer reicher werde - und dass aber Baku schon immer freundlich, multikulturell war. Nur politisch, da sei man auf strikte Trennung zwischen Religion und Staat aus, weshalb das Verhältnis zum Iran auch so angespannt ist.

Baku sieht prima aus - und ist so nett

Rashad Hueseynli, der in Baku Zuhause ist, will die Anliegen von politisch ähnlich Gestrickten wie den Menschenrechtlern nicht kleinreden, gleichwohl sagt er, dass man die nächste Generation abwarten müsse, die im Westen ausgebildet wurde.

Die werde die demokratischen Defizite beheben, er sei sich dieser Option sicher. Garantien kann er keine geben, aber er findet, dass Baku nicht allein der massiven Verschönerung zur Eurovision wegen viel lockerer sei als vor zehn Jahren. Die Menschen sind freundlich, es ist ein muslimisches Land, das allerdings keine politischen Islam duldet, also auch Kopftücher bei Frauen eher ungern sieht. Baku wirkt selbst in den nicht prächtigen Vierteln wie eine westliche, europäische Stadt. Sie sieht prima aus.

Roman chillt sich in Hochform

Die Regierenden, die man nun als Halb- oder Vierteldemokraten, womöglich als Autokraten bezeichnen könnte, wissen nicht, dass man durch eine quasistaatliche Kulturbehörde keine TV-Filmchen prüfen lässt, allein des Rufschadens wegen nicht. Das Regime weiß auch nicht, dass es eine PR-Masche fährt, die bei einem westlichen Publikum oft nicht gut ankommt.

Aber, bizarr und wenigstens eine Wahrheit dieser Tage in Baku: Aserbaidschans Hauptstadt ist die freundlichste ESC-Stadt, die es nur geben könnte. Roman Lob, dem Journalisten schon vor Wochen ein moralisches Bekenntnis zu Menschenrechten abpressten, geht durch die Stadt, fährt Omnibus und tritt in Otto Efes Bar auf. Er sieht aus, als könnte er am Samstagabend zur Hochform auflaufen. Nur die letzten Spuren einer Heiserkeit, die müssten noch ausgechillt werden.

Quelle: pst/csi
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung.
Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.


Melden Sie diesen Kommentar