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Europas Pop-Kultur
Schweden beherrscht den Grand Prix
ESC 2012: Das ist die Siegerin Loreen
ESC 2012: Das ist die Siegerin Loreen FOTO: dpa, Jörg Carstensen
Baku/Stockholm. Schweden hat nicht nur den Eurovision Song Contest gewonnen, sondern gleich acht Titel im Finale platziert. Der Sieg von Loreen krönt ein Jahrzehnt, in dem Schweden wie kein zweites Land die Pop-Kultur Europas geprägt hat – von Musik über Krimis bis zu Möbeln und Mode. Von Ulli Tückmantel

Der Sieg von Loreen (28) mit dem mystisch anmutenden und schrill getanzten Windmaschinen-Popsong "Euphoria" war nur der Gipfel des Erfolgs, den schwedische Komponisten, Texter und Produzenten am Samstagabend beim Finale des Eurovision Song Contest in Baku einfuhren. Allein vier der zehn bestplatzierten Titel im Finale stammten entweder komplett aus schwedischer Produktion oder entstanden unter schwedischer Mitarbeit: Neben Schweden selbst schmückten sich Aserbaidschan (Platz 4), Italien (9) und Spanien (10) mit solidem Schweden-Pop.

Auch Irland (Platz 19), Malta (21), Großbritannien (25) und Norwegen (26) ließen in Schweden texten und komponieren. Blickt man auf den gesamten Wettbewerb, ist der schwedische Erfolg sogar noch beeindruckender: 16 der 42 teilnehmenden Länder bezogen in diesem Jahr ihre Songs aus Schweden, acht von ihnen kamen damit unter die 26 Finalisten. In aller Stille ist Schweden, das am Wochenende bereits seinen fünften Sieg (1999, 1991 und 1984) nach dem legendären Abba-Triumph von 1974 mit "Waterloo" verbuchte, zum heimlichen Mutterland des Grand Prix geworden.

Auf den zweiten Blick ist das nicht überraschend. Schweden ist nach den USA und Großbritannien seit mehr als einem Jahrzehnt weltweit der drittgrößte Produzent englischsprachiger Pop- und Rockmusik. Seit dem Siegeszug von Abba bestellen alle internationalen Größen von Madonna bis hinunter zu den Backstreet Boys Hit-Songs in Schweden. Mit "Export Music Sweden" unterhält die schwedische Musikindustrie eine eigene Organisation, die sich um nichts anderes kümmert, als schwedische Musik international zu vermarkten, schwedische Nachwuchskünstler auf den Karriere-Zug zu setzen und erfolgreiche Netzwerke zu organisieren.

In keinem anderen europäischen Land werden kreative Entwicklungen so schnell und so professionell zu marktfähigen Trends verarbeitet wie in Schweden, und das keineswegs nur in der Musikindustrie. Weil das Land zugleich das Image der friedliebenden Harmlosigkeit genießt, nimmt den Schweden niemand ihre popkulturelle Hegemonialstellung wirklich übel. Zur schwedischen Musik, die im Hintergrund läuft, lesen Europäer ebenfalls seit fast einem Jahrzehnt bevorzugt schwedische Krimis. Dazu sitzen sie in schwedischen Möbeln, die sie selbst aufgebaut haben, und tragen preisgünstige schwedische Mode.

Der Siegeszug der schwedischen Axtmörder und nachdenklichen Polizisten durch ganz Europa begann Ende der 90er Jahre und beendete auf einen Schlag eine 15 Jahre währende südamerikanische Literatur-Welle. Zunächst staunten nur die Leser, welch abgründige Spielarten von Mord und Totschlag offenbar direkt hinter dem harmlosen Småland verborgen sind, dann staunten auch die TV-Zuschauer; ein deutscher TV-Abend ganz ohne Schweden-Krimi hat Seltenheitswert.

Es liege eine gewisse Ironie darin, dass der typischste Trend im internationalen Verlagswesen schon ein Jahrzehnt lang ausgerechnet Krimis aus der friedfertigsten Region der Welt seien, stellte der isländische Experte Halldór Gumundsson 2009 fest: "Die Friedensstifter verbreiten das Wort vom Mord. Aber unter Beachtung der Eigenschaften des Genres ist dies nicht so überraschend: Kriminalromane behandeln die Beeinträchtigungen des sozialen Friedens, und nirgendwo ist diese Beeinträchtigung so drastisch wie an einem friedlichen Ort."

Da kaum eine Literatur-Gattung in immer neuen Variationen so festen Regeln und klaren Abläufen folgt wie der Krimi, ist er wie geschaffen für die schwedische Produktion von Pop-Kultur im industriellen Stil. Die Herstellung von Musik und Krimis unterscheidet sich letztlich nur graduell von dem, was der eigentliche Kern des Ikea-Prinzips ist: Mach es billig, aber mach es modisch. Dass Ikea es geschafft hat, 80 Prozent der im Möbel-Handel anfallenden Kosten auf seine Kunden zu verlagern und ihnen ihre kostenlose Mitarbeit als gutes Gefühl zu verkaufen, zeigt die Wirkmächtigkeit des Prinzips.

Nicht anders hat der Textil-Konzern Hennes & Mauritz (H&M) es geschafft, sich über mehr als 40 Länder auszubreiten und Mode-Trends in eine Art Discounter-Couture zu verwandeln, mit der vor allem junge Kundinnen sich tatsächlich gut angezogen vorkommen – obwohl es Kleidung aus dem Land von Pippi Langstrumpf ist.

Quelle: RP/rm
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