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  Foto: afp, VYACHESLAV OSELEDKO
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Eurovision Song Contest, 2. Halbfinale: Schwedin Loreen fordert Omas heraus

VON BENJAMIN TONN AUS BAKU - zuletzt aktualisiert: 25.05.2012 - 06:32

Baku (RPO). Die politisch engagierte schwedische Favoritin Loreen darf sich neben neun weiteren Künstlern aus dem zweiten Semifinale am Samstagabend mit Roman Lob um den Sieg beim 57. Eurovision Song Contest in Baku messen. Die Türkei musste bis zum letzten Augenblick zittern.

„Türkiye, Türkiye“ hallt es aus dem Großteil der knapp 17.000 Kehlen in der Crystal Hall. Nur noch ein Umschlag muss geöffnet werden und Aserbaidschans Bruderstaat zittert noch. „Zwei Nationen – ein Volk“ fassen die Gastgeber ihre Beziehung zum Land am Bosporus nur zu gerne zusammen. Als der weiße Halbmond mit Stern auf rotem Grund auf der Videowand bricht ohrenbetäubender Jubel aus: Nach dem Malheur von Düsseldorf ist die Türkei in Baku wieder im Finale vertreten.

Dort wird Can Bonomo mit seinem orientalischen Seemannslied in englischer Sprache „Love Me Back“ von Startplatz 18 aus ins Rennen gehen. Einen Startplatz nach Schweden. Der 28 Jahre alte Fanliebling Loreen wurde ihrer Favoritenrolle vollauf gerecht. Ihre mysteriöse Capoeira-Dance-Nummer „Euphoria“ mit künstlichem Schnee als Spezialeffekt, die bei sämtlichen Buchmachern und Umfragen sowie in den Hitparaden in Schweden und Finnland vorne liegt, fand sogar beim kritischen einheimischen Publikum Liebhaber und erntete viel Applaus.

Kälte strahlt Loreen offenbar nur aus, wenn es um ihre Musik geht. Als einzige Teilnehmerin des Wettbewerbs traf sich die Schwedin am Dienstag auf eigenen Wunsch zum Gedankenaustausch mit Vertretern der azerischen Opposition. Am Tag des zweiten Halbfinals soll es wieder bei friedlichen Demonstrationen vor dem Gebäude des Staatsfernsehens vor den Augen der internationalen Presse zu Festnahmen gekommen sein.

Loreens Busenfreund Tooji, aufgrund seiner Ausstrahlung von vielen in Baku liebevoll „Tuntji“ genannt, aus Schwedens Nachbarland Norwegen schaffte ebenfalls den Sprung ins große Finale. Der gebürtige Iraner setzte in seinem Dance-Song „Stay“ ebenfalls auf orientalische Klänge und darf am Samstag mit Startnummer zwölf seinen 25. Geburtstag auf der Eurovisionsbühne feiern.

Auf ihrer Suche nach ihrem Ex-Mann war Mazedoniens sympathische Sängerin Kaliopi auf Pressekonferenz nach der Show. Der heißt Romeo Grill und ist Komponist von „Crno I Belo“, dem Lied, das dem kleinen Balkanstaat den ersten Finaleinzug (Startplatz 22 am Samstag) seit 2007 bescherte. „Gut, dass wir in Kontakt geblieben sind“, war der trockene Kommentar zu ihrem Verflossenen. Kaliopi, die übrigens ausgezeichnet deutsch spricht, dürften die Stimmen der Nachbarländer geholfen, schließlich ist sie auf dem Balkan ein renommierter Star.

Ähnliches gilt für den Serben Zeljko Joksimovic, der nach Platz zwei in Istanbul 2004 auf dem Siegertreppchen nun noch eine Stufe höher klettern will. Sein „Nije Ljubav Stvar" setzte sich von Startnummer eins aus durch und wird im Finale erst kurz vor dem Ende kommen (Startplatz 24). Das Balkan-Trio komplettiert Bosnien-Herzegowinas Maya Sar mit ihrer langatmigen Ballade „Korake ti znam" (Startplatz fünf). Ausgeschieden sind hingegen ein wenig überraschend die junge Slowenin Eva Boto mit „Verjamem“ sowie die Kroatin Nina Badric mit „Nebo“.

Keine Überraschung hingegen war das Weiterkommen von Estlands Stimmwunder Ott Lepland mit seiner wunderbaren Ballade in Landessprache „Kuula“ (Startplatz elf) sowie Gaitanas Einladungshymne zur EURO in Polen und ihrer Nation, der Ukraine, „Be My Guest“, die im Finale an Position 25 starten darf. Vom letzten Startplatz profitierte Litauens Danny Montell, der seinen sich langsam aufbauenden Disco-Titel „Love Is Blind“ (Startplatz vier im Finale) mit einer von Swarovsky-Steinen besetzten Augenklappe vortrug.

Großer Jubel auf der Mittelmeerinsel Malta, das durch Kurt Calleja und seinem Partysong „This Is The Night“ nach drei Jahren wieder den Sprung ins Finale schaffte. Mit Startplatz 21 performt er im Finale im Anschluss an Roman Lob.

Wo Sieger sind, sind auch Verlierer. Hoffnungsvoll hat eine große Fankolonie in oranje-farbenen Indianerkostümen die Reise nach Baku angetreten, um ihre Vertreterin Joan Franka zu unterstützen. Es half nichts. Ihr Mix aus Country und Singer-Songwriter „You And Me“ blieb ebenso im Halbfinale kleben wie die niederländischen Beiträge in den sieben Jahren zuvor.

Ein ungewohntes Gefühl war hingegen das Aus für Georgien. Seit 2007 (mit Pause im Jahr 2009) dabei muss das Nachbarland Aserbaidschans das erste Mal beim großen Finale zuschauen, dabei sei die Macho-Nummer „I’m A Joker“ doch nach eigenen Angaben das beste Lied gewesen, das Anri Jokhadze je geschrieben hat. Aber ein Sänger mit extrem weiblicher Ausstrahlung, der davon singt, ein Womanizer zu sein, ist halt extrem unglaubwürdig.

So muss der Blondschopf sein Schicksal mit Weißrussland, Portugal, Bulgarien und dem slowakischen Rocker Max Jason Mai, der der Halle gewollt oder ungewollt sein halbes Hinterteil präsentierte, teilen.

Als Überbrückung traten in der Votingpause die Sieger der Jahre 2007 bis 2011, Marija Serifovic, Dima Bilan, Alexander Rybak, Ell und Nikki sowie Lena auf. Für Lena war es der dritte Eurovisionsauftritt in Folge. Nach den jeweiligen Siegertiteln begleitet von azerischen Instrumenten sang die Gruppe den Hit „Waterloo“. Nachdem in der ersten Generalprobe noch die Texte von Zetteln abgelesen wurden und in der zweiten mehr gesummt als gesungen wurde, wurde Abbas Siegerlied von 1974 in der Show wenigstens erkannt.

Erkannt hat das Publikum auch die Sicherheitsbeamten in zivil, die sich in der Halle unauffällig unter das Volk mischen soll, damit in der Liveshow keine Spruchbänder mit möglichen regierungskritischen Botschaften gezückt werden. In die Gegend herumzublicken ist allerdings nicht unauffällig, wenn die Halle Kopf steht.

Für Stimmung sorgte auch Oma Ella aus Berlin. Der mit 102 Jahren wohl älteste ESC-Fan der Welt, der im vergangenen Jahr auch schon den Wettbewerb in Düsseldorf besucht hatte, verfolgte die Show von ihrem Rollstuhl aus am Bühnenrand mit azerischer Fahne in der Hand live in der Halle.

Quelle: csr/csi
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