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Interview mit Farin Urlaub
"Nimm Fremde freundlich auf!"

Die Ärzte - Party auf Deutschland-Tour
Die Ärzte - Party auf Deutschland-Tour FOTO: dpa, Patrick Seeger
Köln. Farin Urlaub ist Sänger der "Ärzte" – und Fotograf. Gerade hat er einen Bildband über Afrika veröffentlicht. Im Interview wirkt er so energiegeladen, dass man sich nach dem Begrüßungshandschlag vorübergehend in der Lage glaubt, "Faust 3" schreiben zu können. Wir dokumentieren das Gespräch im Wortlaut. Von Philipp Holstein

Der vor 51 Jahren als als Jan Vetter geborene Musiker steht in der Suite hoch oben im Hotel Hyatt-Regency in Köln und wartet auf seinen naturtrüben Apfelsaft. Die Augen blitzen, und wenn er lächelt, öffnet sich das Gesicht von einem Ohr zum anderen. Urlaub hat eine enorme Präsenz. Er hat soeben einen Bildband mit Fotos aus Afrika veröffentlicht.

Das Lied "Schrei nach Liebe" seiner Band "Die Ärzte" wurde 22 Jahre nach der Erstveröffentlichung von vielen Menschen auf Platz eins der Charts gebracht, weil sie damit ein Zeichen gegen Gewalt von rechts setzen wollen. Gerade werden seine Einlassungen gegen Rassismus im Internet massenhaft geteilt.

Doch dazu möchte Farin Urlaub eigentlich nichts mehr sagen. Er sei weder Fachmann noch Politiker, meint er, er habe nur eine Meinung. Die könne er aber gerne noch einmal sagen: "Wer so dumm ist, Flüchtlinge nicht willkommen zu heißen, muss sich fragen, was er eigentlich hier will."

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Sie waren in Bhutan, Osttimor, Indien, Kenia. Ist es nicht schrecklich, wenn man aus solchen Ländern zurückkehrt und dann in Tegel landet?

Farin Urlaub Meistens landet man ja erstmal in Frankfurt, aber das ist auch schon eine kalte Dusche. Ich habe aber inzwischen so viel Erfahrung mit dem Heimkehrer-Blues, dass ich nach langen Reisen versuche, eine Woche in Italien oder Frankreich dranzuhängen. Dann wird das aufgefangen.

Wie reisen Sie?

Flüchtlinge – erschütternde Bilder aus aller Welt FOTO: afp, MM

Urlaub Ich fahre einfach los. Oft sage ich: Da war ich noch nicht, das gucke ich mir jetzt an.

Legen Sie sich vorher einen Reiseplan oder eine Route zurecht?

Urlaub Meistens nicht. Am liebsten lasse ich mich treiben. Man trifft ja unterwegs auch Leute, die sagen: Du musst unbedingt da und da hin. Und dann fahre ich dahin.

Suchen Sie sich Reiseziele nach zu erwartenden Fotomotiven aus?

Urlaub Nein. Das Reisen ist das Wichtige, das Fotografieren nur ein Add-On, wie man heute sagen würde.

Wenn Sie in Afrika in einem Dorf ankommen, wie verhalten Sie sich?

Urlaub Ich bin respektvoll, ich frage immer um Erlaubnis, ob ich bleiben und fotografieren darf. Dann wird diskutiert, weil ich ja auch gefährlich sein könnte. Wenn Fragen kommen, antworte ich: Ich reise, und ich erkläre Leuten, die nicht nach Afrika kommen können, wie Afrika aussieht.

Dann bin ich als Gast akzeptiert, und das schließt ein, dass ich mein Auto auflassen kann. Niemand würde auf die Idee kommen, den Kühlschrank, das Werkzeug oder sonstwas daraus zu stehlen. Das Dorf könnte sich zusammentun und mich erschlagen, und dann wären dort alle unendlich viel reicher als zuvor. Aber sie machen es nicht.

Warum machen die das nicht?

Urlaub Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil sie sich vorstellen können, wie es ist, irgendwo alleine zu sein. Ich bekomme oft sogar noch etwas geschenkt.

Was zum Beispiel?

Urlaub Ein Leopardenfell. Da habe ich gesagt: Ist total nett, aber wenn ich damit zum Flughagfen komme, werde ich verhaftet. Und hoffentlich habt ihr den Leoparden jetzt nicht meinetwegen umgebracht. Hatten sie aber nicht.

Wie erklären Sie den Menschen in Afrika, was sie zuhause beruflich machen?

Urlaub Ich lüge.

Was sagen Sie?

Urlaub In manchen Kulturen bin ich Messebauer. Weil das leicht zu erklären ist: Man kommt viel rum, hat viel Urlaub, super. Neuerdings erzähle ich, dass ich Verleger bin. Was auch stimmt, ich bin ja Musikverleger meiner eigenen Werke. Und das versteht dann jeder. Da sagen die dann: Ah, irgendwas mit Büchern, okay.

Von Ihnen weiß man kaum Privates.

Urlaub Gut so.

Warum erzählen Sie nichts?

Urlaub Wer mein Freund ist, der kennt mein Privatleben, und wer nicht mein Freund ist, den geht es einen Scheißdreck an.

Das heißt, die Person, mit der ich gerade spreche, ist eine Kunstfigur?

Urlaub Genau.

Und wenn die Tür zugeht, sitzt hier jemand anderes.

Urlaub Genau. Wobei: Es sind schon Schnittmengen vorhanden. Man kann es so sagen: Ich verreise, und die Kunstfigur bringt das Buch heraus.

Lesen Sie viel Theorie, um sich auf Ihre Reisen vorzubereiten?

Urlaub Ich bin ein neugieriger Mensch. Ich lese inzwischen fast ausschließlich Sachbücher.

Was hat Sie zuletzt euphorisiert?

Urlaub Das Leben.

Ich meine an Büchern.

Urlaub Die neue Herodot-Übersetzung in Englische. Die ist nicht so knochentrocken wie die davor. Die ist so gut! Das ist ein bisschen wie mit der Keith-Richards-Biografie: Man hat das Gefühl, man sitzt jemandem gegenüber, der Anekdote um Anekdote raushaut. Es ist großartig, es macht so viel Spaß. Ja, das hat mich euphorisiert.

Sie lesen viel auf Englisch?

Urlaub Sachbücher, die auf Englisch erschienen sind, lese ich auf Englisch. "Guns, Germs And Steel" von Jared Diamond zum Beispiel ist so schrecklich ins Deutsche übersetzt. Das muss man im Original lesen, dafür hat er den Pulitzer-Preis bekommen.

Lesen Sie keine Romane?

Urlaub Ich arbeite gerade alles von William Faulkner ab. Das habe ich mir allerdings vorgenommen, bevor ich wusste, wie viel der Mann geschrieben hat. Es ist unfassbar.

Haben Sie "Als ich im Sterben lag" gelesen? Das ist toll.

Urlaub "As I Lay Dying". Das war das Erste, was ich gelesen habe, deshalb bin ich Fan. Unfassbares Buch. Ich habe drei Kapitel gebraucht, bis ich wusste, wo es langgeht. Sensationell. Muss man aber auf Englisch lesen.

Ich habe es auf Deutsch gelesen.

Urlaub Das reicht nicht. Diese Sprache! Ich habe acht Bücher von Faulkner durch. Jetzt bin ich bei "Absalom, Absalom". Das ist das erste, was mir nicht so super gefällt. Aber ich arbeite mich durch.

Schall und Wahn?

Farin "The Sound And The Fury". Ja, klar.

Sie hatten mal vor, alle Länder der Welt zu bereisen.

Urlaub Habe ich immer noch. In vielen Ländern war ich schon.

Reisen Sie immer alleine?

Urlaub Nicht immer. Manchmal ist meine Schwester dabei, die ist härter als ich.

Gibt es eine Weisheit oder Lehre, die sie von Ihren Reisen mitgenommen haben?

Urlaub Nimm Fremde freundlich auf! Du weißt nie, was sie dir Gutes tun.

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