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Goertz 100
Platz 8: Monteverdi, "Marienvesper"

Ranking: Das sind Wolfram Goertz' Top 100
Ranking: Das sind Wolfram Goertz' Top 100 FOTO: RP
Düsseldorf. Prachtvolle Kirchenmusik auf der Grenze zwischen Renaissance und Barock. Von Wolfram Goertz

Drei Jahre vorher hatte er "Orfeo" komponiert und das Tor zu einem unbekannten Universum aufgestoßen. Mehr noch, es war, als habe er die Musikgeschichte in eine neue Umlaufbahn katapultiert: die Oper. Diese neue Welt beeinflusste die Musik allenthalben, auch Claudio Monteverdis eigene. Nun, im Jahre 1610, schrieb er ein weiteres Großwerk, jedoch für die Kirche: eine umfangreiche Marienvesper.

Im Originaltitel heißt sie "Vespro della Beata Vergine" und ist Papst Paul V. gewidmet, der sich als Adressat in doppelter Weise angesprochen fühlen sollte. Monteverdi war in Mantua unglücklich - sein Dienstherr, Herzog Vincenzo Gonzaga, zeigte nur wenig Kunstsinn - und wollte sich verändern. Aber aus Rom kam keine Erhörung; der Vatikan war den Neuerungen des einfallsreichen und innovativen Künstlers nicht gewogen. Das war für ihn überaus schmerzlich, doch drei Jahre später bekam Claudio Monteverdi das Angebot seines Lebens: als Domkapellmeister an San Marco zu Venedig.

Die "Marienvesper" ist am Übergang zwischen Renaissance und Barock eine Komposition des Prunks und des Raffinements. Da zeigt einer, was er kann, hat alle Ideen für mehrstimmige Artistik der Singstimmen gebündelt und bedenkt auch den Raum, in dem dieses fast musiktheatralische Werk aufgeführt wird. Dessen Dimensionen sind für die Liturgie des Alltags freilich nicht geeignet: Die Vesper besteht aus einem Invitatorium, fünf Psalmen, einem Hymnus und einem Magnificat. Das lässt an einen konzertanten Aspekt denken - oder gar an die Weihe für einen sehr fernen Bestimmungsort, der dem irdischen Zugriff zu Lebzeiten verwehrt ist. Nun denn, Bach und Bruckner waren nicht die einzigen Komponisten, die ein Werk als Bewerbungsschreiben dem lieben Gott zudachten.

Die Pracht geht nicht nur aus der instrumental-vokalen Abwechslung (bis hin zur doppelchörigen Zehnstimmigkeit) hervor, sondern auch aus der Virtuosität, zu der die Sänger aufgerufen sind. Diese Pracht hat jedoch nichts vordergründig Schillerndes, sie steht in jedem Takt im Dienst einer sinnlich-theologischen Verkündigung, die ausruft: Für Maria nur das Beste! Auf der anderen Seite besticht der weltliche Aspekt - vieles in der "Marienvesper" ist vom weltlichen Madrigal inspiriert, löst die polyphone Architektur in Richtung der Monodie ab, des einstimmigen Ziergesangs

Die schönste Aufnahme hat uns John Eliot Gardiner mit seinem Monteverdi Choir im Jahre 2003 hinterlassen. Sie entstand am Fluchtpunkt von Monteverdis persönlichem Sehnen und Streben: in San Marco zu Venedig. Ob das Werk dort je - etwa am Festtag Mariä Verkündigung - aufgeführt wurde, steht allerdings in den Sternen.

Die Liste zum Anhören

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Das Ranking

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