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Goertz' Top 100
Platz 1: Bachs h-Moll-Messe

Top 100 von Wolfram Goertz: Platz 1: Bachs h-Moll-Messe
Johann Sebastian Bach, h-Moll-Messe, Beginn des "Credo", des sogenannten "Symbolum Nicenum". Der Satz ist kontrapunktisch sehr streng gehalten und wirkt wie ein archaisches Portal in das Glaubensbekenntnis. FOTO: Staatsbibliothek Berlin
Düsseldorf. Als Johann Sebastian Bach, der Protestant, seine einzige katholische Messe komponierte, wollte er seinem Gott und der Welt zeigen: Auch das kann ich! Die h-Moll-Messe ist ein Gipfelwerk, das Musikfreunde staunen lässt und Chorsänger in Verzweiflung stürzt: Das Werk stellt maximale Anforderungen. Von Wolfram Goertz

Vor diesem Stück hat jeder nicht nur Respekt, sondern Bammel. Es ist so komplex, so anspruchsvoll: Es schickt den Sopran in höchste Höhen, lässt Koloraturen taktelang hageln, dass irgendwann die Luft wegzubleiben droht; es verlangt nach enormer Kondition. Der Chor beispielsweise muss nacheinander das altertümlich polyphone "Confiteor", das himmelstürmende "Ex expecto resurrectionem", das prachtvoll-hymnische "Sanctus" und schließlich das doppelchörige "Osanna in excelsis" singen - knapp 13 Minuten ohne Unterlass höchste Anforderung an Wachheit, Leuchtkraft, Ausdauer.

Die h-Moll-Messe vermag Heiden zu Frommen zu machen

Und an Glaubensfestigkeit. Natürlich können dieses Opus auch intelligente Atheisten vortragen, aber vermutlich ist es hilfreich, wenn man von diesen Texten des Mess-Ordinariums und ihren Inhalten mehr als nur intellektuell berührt ist. Andersherum vermag gerade die h-Moll-Messe Heiden zu Frommen zu machen: weil sie in die Krypta des Glaubens vordringt, dort das Licht der Erkenntnis entzündet, aber keine Neonhelligkeit verbreitet. Ja, die h-Moll-Messe lässt einen staunend und stumm zurück; sie besitzt Momente des Halbdunkels, der Kontemplation - Stellen, an denen man sich auf Zehenspitzen bewegen sollte, um den Heiligen Geist beim Wehen nicht zu stören.

So eine Stelle ist das Ende des "Confiteor", eine Wanderung an der Grenze der Harmonik, die man bei vernünftiger Betrachtung fast 170 Jahre später in der Musikgeschichte verorten könnte. Die "Vergebung der Sünden", um die es darin geht, ist eine Sache, auf die man bloß hoffen kann, die aber am Ende allein in der Entscheidung höherer Gerichtsbarkeit steht. Demut auf Erden scheint also die angemessene Haltung, findet Bach und komponiert einen Büßergang, der an die Intonationskunst eines Chores höchste Anforderungen stellt. So sehr gekrümmt hat Bach eine Chorstimme selten zuvor.

"Credo", "Sanctus" und "Agnus Dei"

Dass der Protestant Bach eine Messe mit "Credo", "Sanctus" und "Agnus Dei" komponiert und zwischendurch der Bassstimme, die bei Bach immer die Stimme Christi ist, auch die Worte "et in unam sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam" anvertraut, ist kein Zufall. Bach legte seine Kompositionen nicht allein als Alltagsgeschäft, sondern als Ewigkeitswerk an. Musik war eine der Wissenschaften, eine gelehrte Disziplin, und Bach liebte es nun mal, sich kompositorisch das Leben schwer zu machen, damit hinterher, bei erfolgreicher Abnahme im Himmel, der Glanz von dort umso heller auf ihn scheine. Bach dachte wirklich so, dass der liebe Gott als ferner Adressat seiner Musik ein liebendes Ohr besitzt und einem Komponisten das eingereichte fromme Werk entsprechend vergilt. Nicht grundlos steht "Soli deo gloria" - Gott allein der Ruhm - unter manchen Werken Bachs. Gott las das immer, dachte und hoffte Bach.

Die h-Moll-Messe, für die es keinen Auftraggeber gab, war für Bach also ein Modell, das ihm Hingabe abverlangte, ähnlich der "Kunst der Fuge", den "Kanonischen Veränderungen", dem "Musikalischen Opfer". Dabei trägt die h-Moll-Messe unverkennbar Züge des Spätwerks: Zwar entstanden einige Sätze, nämlich die lutherische Kurzmesse aus "Kyrie" und "Gloria", schon 1733, aber in den späten 40er Jahren griff Bach weiter aus und schuf vor allem mit dem "Credo" eine Art theologisch-musikalischen Denk- und Andachtsraum, in dem er die kardinalen Themen des Glaubens exemplarisch bearbeitete. Die Auferstehung. Das Leben der kommenden Welt. Die Vergebung der Sünden. Die Auferweckung der Toten. Solche Themenkomplexe fand Bach extrem reizvoll; der protestantische Gottesdienst hielt eine solche Verdichtung wie im "Credo"-Text ja nicht bereit. Also dachte Bach, darin seiner Zeit voraus, ökumenisch. Aber auch ökonomisch: Es blieb bei einer Messe. Sie war ein einmaliger Fremdgang.

Von musikalischer Genialität

Natürlich hätte sich diese "Top 100"-Liste der Klassik auch für die "Matthäuspassion" oder die "Johannespassion" entscheiden können; ebenfalls sakrale Kunstwerke von unerreichtem Tiefgang, theologischer Dichte und musikalischer Genialität. Die h-Moll-Messe schließt die Themen der Passionen jedoch nicht nur ein, sie durchmisst auch den Kanon musikalischer Formen und Stilebenen im Sinne einer Totalität von Glauben und Sein.

Auf der einen Seite finden wir in der h-Moll-Messe Sätze im "stile antico", gelehrt anmutende Sätze, die zurück in die Musikgeschichte blicken und beispielsweise in der franko-flämischen Vokalpolyphonie Impulse finden. Bach fühlte sich in Werke von Ockeghem, Josquin, Palestrina, Willaert ein; an Bildung übertraf Bach kein anderer Komponist. Wie man heute sagen würde: Bach war gut vernetzt - und wenn er ins Gewand alter Stile stieg und trotzdem der eine und heilige Johann Sebastian blieb, dann war das beides zugleich: Ehrbezeugung und Selbstbekräftigung. Auf der anderen Seite stehen die Arien und Duette, in denen Bach auf sinnliche, zuweilen fast italienische Weise die Melodie feiert und gleichwohl die Kunst des Kontrapunkts beschwört.

Sie vollständige Form blieb eine Utopie

Bach hat die h-Moll-Messe in ihrer vollständigen Form vermutlich nie gehört. Sie blieb eine Utopie, ein Entwurf für spätere Zeiten. Dass er etliche Sätze bereits früher etwa in Kantaten vertont hatte und nun umwidmete, war zu seiner Zeit gängige Praxis. Weiterverwertung galt auch für Bach als Form der Erweiterung, Veredelung und Optimierung,

Gott, so hoffte Bach, nahm daran keinen Anstoß. Nein, er nahm nicht, sondern war beglückt: dem Höchsten das Höchste.

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Quelle: RP
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