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Paul McCartney mit Gitarre Panorama ddp09
  Foto: ddp, ddp
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Konzert von Paul McCartney in Köln: Grandiose Beatles-Stücke – ohne Zuckerguss

VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 17.12.2009 - 16:05

Köln (RP). Paul McCartney spielte in der ausverkauften Arena in Köln. Der 67-Jährige brachte größtenteils Songs aus dem Katalog der Beatles. Dabei sparte er mit Zuckerguss und reichte die bekannten Stücke in rockigen Versionen dar. Ein Konzert-Ereignis für 15.000 Menschen.

Und plötzlich mag man sogar diesen Song wieder. Als er gegen Ende "Yesterday" singt, wird klar, dass er der einzige mögliche Interpret des Liedes ist, das man eigentlich über hat, weil die Jahre es verwaschen und ihm das Geheimnis genommen haben. Aber er bringt die beinahe 50 Jahre alte Komposition neu zum Leuchten, ein magischer Moment. Die Menschen stehen da, 15.000 sind gekommen, die Hände haben sie vor dem Bauch verschränkt. Sie gucken, als seien sie gerade von einer Matrone mit heißer Milch und Honig vor dem Erfrieren gerettet worden, und nun stoßen sie gerührt und zufrieden auf. Da vorne sitzt Paul McCartney am Klavier und inszeniert mit tiefer gelegter Stimme eine Urszene des Pop, so hat alles begonnen, so ungefähr, die Beatles, damals war das.

Die Ergriffenheit des Publikums vermittelt eine Ahnung von den mächtigen Erwartungen, mit denen die meisten eine der wenigstens 110 Euro teuren Karten für die Arena in Köln gekauften hatten. Sie wurden nicht enttäuscht. Man wollte während der knapp drei Stunden dieses ersten von zwei Konzert-Abenden eigentlich die ganze Zeit umher laufen und andere umarmen und Sachen sagen, die keinen Sinn ergeben, jedenfalls nicht im Leben da draußen. Aber hier ist drinnen, und da versteht jeder die Gefühlswallung, es sind ja alle gleich jung, diese Vergangenheit gehört dir und mir.

Es ist genau genommen ein Hardrock-Konzert, das McCartney und seine vier Rock-Pop-Lümmel auf die Bühne bringen. Mit ordentlich Tempo, Lautstärke und brachialem Scheppern prügeln sie "Get Back", "Back in the U.S.S.R.", "Drive my Car" und sogar "Helter Skelter" durch die Halle. Es ist verblüffend, wie rasch die Melodien über die Lärmwand klettern, wie sie sich befreien und locken und zur Schwelgerei einladen. Das kann er: die Menschen am feinen Band der Harmonien führen, sie einwickeln und betäuben. Und man lässt das gern geschehen. Wenn er sich dann ans Piano setzt oder allein am Bühnenrand steht und "The Long And Winding Road" spielt oder "Something" auf der Ukulele oder die größte Wunderbarkeit dieser Nacht, "And I Love Her" von 1964, dann geht das mit doppelter Kraft zu Herzen.

McCartney dosiert den Zuckerguss sparsam, Bläsersätze und Orchester-Arrangements kommen aus dem Keyboard. Er variiert, der Auftritt ist Totenmesse und Rückblick, Feier der Gegenwart und Kabarett. Er gedenkt der großen Toten des Pop: ein Lied für George und eines für John und natürlich für Linda. Er erzählt von früher, aus den"Sixties", zum Teil auf deutsch, die Geschichte von Jimi Hendrix, der zwei Tage nach dem Erscheinen des "Sgt.-Pepper"-Albums ein Konzert mit dem Titelsong der größten Platte in der Geschichte des Pop eröffnete, und McCartney war dabei. Also auch ein Lied für Jimi, großes Sentiment.

Aber er bringt außerdem Aktuelles, zwei Stücke seines Avantgarde-Projekts Fireman sind darunter, "Sing The Changes" etwa, dazu lässt er das Konterfei von Barack Obama einblenden. Auch sein neuestes Werk kommt zur Aufführung, "(I want to) Come Home" aus dem Soundtrack des neuen Films mit Robert de Niro, eine schöne Ballade. Er habe eben erfahren, dass es für einen Grammy nominiert sei, sagt er und spannt mit den Daumen die Hosenträger und spitzt den Mund zur McCartney-Tülle während die Masse applaudiert. In diesem Moment ist er tatsächlich 67 Jahre alt, ein älterer Herr, der kokettiert, mit jugendlichem Stolz das Erreichte herzeigt.

Ansonsten wirkt er Neid erregende frisch und jugendlich. Die Hose seines als Reminiszenz an die "Help!"-Phase kragenlos gehaltenen Anzugs sitzt eng auf dem runden Po, an den Füßen trägt er Chelsea Boots, schön spitz und natürlich mit hohem Absatz. Er will Deutschland etwas Gutes tun und bringt erstmals "Ob-La-Di, Ob-La-Da", aber bei dieser Albernheit wirken er und die Begleit-Musiker wie eine Beatles-Cover-Band, ebenso beim eigentlich überwältigenden "A Day In The Life", das er leider übergangslos und arg platt in "Give Peace A Chance" münden lässt.

Die Bühnenshow ist effektiv. Wie bei Konzerten dieser Größenordnung üblich lässt er Videos auf mächtige Leinwände projizieren. Erfrischende Aufnahmen des jungen George Harrison sind da zu sehen, ein Film über die Produktion des berühmten, mit den Schauspielern James Coburn und Christopher Lee inszenierten Fotos auf der Hülle zur "Band On The Run"-LP der Wings. Zu "Live And Let Die" wird geklotzt, ein Feuerwerk dramatisiert die Tempowechsel: Flammen, Funkenflug, Wumms und noch und nöcher.

Nach mehr als 30 Liedern singt McCartney "Hey Jude", das man künftig nur noch in der Version des Abends hören möchte, mit dieser brüchigen und erschöpften Stimme vorgetragen und mit einer altersgemäßen Würde. Man weiß nicht, wie häufig er noch auf Tour gehen wird, möge es oft sein, mal sehen. Dieses "Hey Jude" indes kann einem niemand nehmen.


 
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