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Essay
1985 – Das Jahr, in dem ich wurde, wer ich bin

Essay: 1985 – Das Jahr, in dem ich wurde, wer ich bin
FOTO: Endermann, Andreas
Die 80er gelten musikalisch als zehn Jahre lange Geschmacksverirrung. Unser Autor sieht das anders: Für ihn war 1985 das Jahr, das ihn am stärksten beeinflusst hat. Von Philipp Holstein

Es gibt in meinem Plattenregal ein Fach, das den Herzensangelegenheiten vorbehalten ist. Jene Alben stehen da, die ich nie weggebe, die ich retten würde, wenn das Haus in Flammen steht. Ich habe sie neulich durchgesehen, was ziemlich schön war, weil solch ein Regal ein Erinnerungsspeicher ist, Tagebuch und Biografie zugleich. Mir fiel auf, dass viele Platten darin, sehr viele sogar, in diesem Jahr 30 werden: "Steve McQueen" von Prefab Sprout etwa, "Cupid & Psyche 85" von Scritti Politti, "Slave To The Rhythm" von Grace Jones, "Meat Is Murder" von den Smiths, "Psychocandy" von Jesus & Mary Chain und "Boys & Girls" von Bryan Ferry. 1985 war ganz offensichtlich ein wichtiges Jahr für mich; das Jahr, das meinen Geschmack formte. Ich würde sogar sagen: 1985 ist die Basis, von der aus ich meine Entdeckungstouren in die populäre Kultur unternahm. Ich kehre heute noch gerne dahin zurück.

Ich lebte damals in Vechta, einer Stadt in Niedersachsen: 25.000 Einwohner und zwei Geschäfte, in denen es Platten zu kaufen gab. Meine erste Platte kaufte ich mit neun, es war "Help!" von den Beatles, sie kostete 14.90 Mark. Ich war zehn, als ich begann, Musiksendungen im Radio zu hören. Ich schnitt auf Kassette Lieder mit, die mir gefielen, und ich schrieb auf, wie die Lieder hießen und wer sie sang. Wenn der Moderator die Lieder und ihre Interpreten nicht verriet, löschte ich die Musik von meiner Kassette, denn was nicht benannt werden konnte, zählte für mich nicht, es hatte keinen Wert – Töne galten nichts ohne Worte. Ich schrieb Hitparaden mit, ich erfand meine eigene Steno-Schrift, damit es schneller ging. Und wenn ich die Top 10 aus Deutschland, England und Amerika notiert hatte, schrieb ich meine Hieroglyphen auf Din-A-5-Zetteln ins Reine und heftete sie in ein Ringbuch mit grünem Plastiküberzug.

Jeden Dienstagabend hörte ich Bremen 4

1985 war das Jahr, in dem ich 13 wurde, und ich hörte damals an jedem Dienstagabend die Radio-Sendung auf Bremen 4, in der die britischen Charts vorgestellt wurden – alle Neueinsteiger und das Beste aus den Top 10. Es war ein großartiges Pop-Jahr, mich elektrisierte das alles: das elektronische Instrumental-Stück "Axel F." von Harold Faltermeyer ebenso wie die Dimmerlicht-Hymne "Careless Whisper" von George Michael, das Anti-Kriegslied "19" von Paul Hardcastle und die herrliche Jungstimme in "Take On Me" von a-ha. Ich mochte "I Want To Know What Love Is" von Foreigner ebenso wie "Crazy For You" von Madonna, und ich mag beide Stücke immer noch. Als gegen Ende des Jahres "West End Girls" von den Pet Shop Boys erschien, war ich hin und weg: "West End Girls" verband London und Vechta, ein Lied als Brücke, vier Minuten Transit. Es klang so lässig und informiert, so wehmütig und cool zugleich. "West End Girls" war Pop, und Pop war eine Zeitschrift: Darin konnte man alles über die Gegenwart lesen. Die Pet Shop Boys wurden zu einer der wichtigsten Gruppen für mich.

Die letzte halbe Stunde dieser Chartssendung auf Bremen 4 war den Independent-Charts vorbehalten; das gab es damals noch: eine Hitliste mit Titeln, die bei kleinen, unabhängigen Firmen erschienen waren. In diesem Teil der wöchentlichen Sendung begegnete ich zum ersten Mal dem kantigen Post-Punk von The Fall und den kandierten Gitarrenwällen von Jesus & Mary Chain. Das Schöne an den 80er Jahren und vor allem an den 80er Jahren in England war ja das Nebeneinander von Avantgarde und Mainstream, von Abseitigkeit und Massenbewegung, von Melancholie und Euphorie, Trash und Ambition. Man muss sich nur die damals in England populäre Sampler-Reihe "Now That's What I Call Music" ansehen: Dire Straits und Phil Collins folgten dort auf Sisters Of Mercy und Style Council; das war ganz natürlich, an den Unterschieden stieß sich niemand.

Mein Vater hielt alles nach 1959 für Krach

Im Zeitschriftenladen am Ende der Straße meines Elternhauses gab es eine einzige englische Zeitschrift, sie hieß "Smash Hits", und sie hatte das Niveau der deutschen "Popcorn". Es ist mir heute noch ein Rätsel, warum gerade dieses Magazin dort angeboten wurde, aber ich werde es nie lösen, denn den Laden gibt es nicht mehr. "Smash Hits" berichtete am liebsten über Wham!, Duran Duran, Frankie Goes To Hollywood und Tears For Fears, aber es gab auch Artikel über Morrissey und die Talking Heads. Ich verstand natürlich nur das Wenigste, aber ich las dennoch, und ich begann, Bezüge herzustellen: New Order, stand dort, seien aus einer Band hervorgegangen, die Joy Division hieß und einen anderen Sänger hatte, aber der habe sich umgebracht. Also versuchte ich, an Platten von Joy Division zu kommen, und ich fand sie bei dem älteren Bruder eines guten Freundes. Scritti Politti nahmen einen Song mit Miles Davis auf, also versuchte ich, mehr über diesen Kerl mit der Trompete zu erfahren, und ich bekam die Informationen von meinem Vater, der ein Jazz-Fan ist, alles nach "Kind Of Blue" jedoch als Krach ablehnt –- alles nach 1959 also. Ich hörte, dass "Meat Is Murder" nicht das erste Album der Smiths war, also versuchte ich, die Vorgänger in die Hände zu bekommen, und ich fand sie beim Freund des älteren Bruders eines Klassenkameraden. So lernte ich Musik kennen und Leute, ich kam ins Gespräch, und ich merkte, dass es viele gibt, sie sich für das interessieren, was mich bewegte.

1985 war das Jahr, als sich Joschka Fischer in Turnschuhen als Umweltminister in Hessen vereidigen ließ, als Christian Klar verurteilt und Gorbatschow Generalsekretär wurde. 1985 war "Rainbow Warrior", Pershing II, Boris Becker und Bernhard Langer. Meine Zeit verbrachte ich indes mit Musik, mein Taschengeld gab ich für Platten aus, und weil meine Eltern verstanden, wie wichtig das für mich war, durfte ich mir jedes Mal eine Platte aussuchen, wenn wir zum Einkaufen in Städte wie Oldenburg oder Bremen fuhren. Ich verbrachte Stunden in Plattenläden, wägte ab und hörte vor, und am Ende traf ich unter Zeitdruck meine Auswahl: "Hounds Of Love" von Kate Bush, "Around The World In A Day" von Prince, "A Secret Wish" von Propaganda, "Promise" von Sade. Ich entdeckte auch die Vorzüge anderer Medien, und ich fürchte, ich werde mich nie wieder so großartig fühlen wie in dem Moment, als ich nach "Zurück in die Zukunft" aus dem Kino trat. Es war eine Nachmittagsvorstellung, es war immer noch hell, ich war geblendet, und ich hatte kein Skateboard. Aber das war egal. Immer wenn ich den Hit aus diesem Film höre, "The Power Of Love" von Huey Lewis & The News, erinnere ich mich an dieses Gefühl.

Im Sakko stand ich am Autoscooter

Die Musik war mein geistiges London, der Ort, an dem alles möglich war. Ich könnte stundenlang über den Anfang des Lieds "The Sweetest Taboo" von Sade sprechen, wie sich das Geräusch englischen Regens mit sanfter Percussion verbindet, wie sich die Stimme an den Groove schmiegt und sich Europa allmählich in einen exotischen Kontinent verwandelt. Ich habe tagelang darüber nachgedacht, warum "The Headmaster Ritual", das erste Lied auf "Meat Is Murder" von den Smiths, so verstolpert anfängt, als seien die ersten Sekunden versehentlich nicht aufs Band gekommen. Und ich weiß nicht, wie viele Stunden ich auf das Cover des Prefab-Sprout-Albums "Steve McQueen" geblickt habe: Die Band versammelt sich dort um ein Motorrad, sie sind Freunde, und hinten krallen sich die Bäume der Provinz im Nebel fest. Die Freunde könnten aufbrechen und abhauen in die große Stadt, aber sie passen nicht alle auf das Motorrad, also warten sie, denn sie sind ja Freunde, und dabei sehen sie so verflixt gut aus. Ich trug meine Hemden damals mit geschlossenem obersten Knopf, weil Bryan Ferry das so machte. Und einmal stand ich beim Schützenfest in unserer Stadt im Sakko am Autoscooter – allerdings tatsächlich nur einmal, denn ein Freund wies mich darauf hin, dass das nun vielleicht doch too much sei.

Ich fand alles gleich wichtig, ich hätte nie gesagt, dass "Tarzan Boy" von Baltimora weniger Bedeutung habe als etwa "Marlene On the Wall" von Suzanne Vega. 1985 eröffnete mir Perspektiven, ich fand Prefab Sprout toll, also landete ich bald bei Aztec Camera und Orange Juice. Ich mochte The Cure, also begegnete ich irgendwann Wire. Bryan Ferry brachte mich zu Roxy Music, und über Roxy Music lernte ich Brian Eno kennen, und der führte mich zu David Bowie. So ging es weiter, so geht es im Grunde bis heute, es lässt sich alles auf 1985 zurückführen. Wenn ich heute Belle & Sebastian mag, liegt das an den Smiths von 1985. Wenn ich zu verstehen beginne, wie großartig das Werk von Miles Davis ist, könnte die gute Vorbereitung durch Scritti Politti der Grund sein. Was außerdem geblieben ist, ist die Freude an chromglänzenden Popklängen, die Lust an neuer Musik, der Glaube an die Schönheit und den Wert des Populären, die Euphorie beim Auspacken einer neuen Platte. Seit 1985 weiß ich, dass jedes Lied, und sei es noch so billig, ein Versprechen ist.

30 Jahre reichen nicht aus, um zu beschreiben, was drei Minuten Musik bewirken.

 
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