| 16.16 Uhr

Deichkind-Konzert
"Gefällt mir, wer da gestorben ist"

Deichkind feiern im Cyber-Outfit
Deichkind feiern im Cyber-Outfit FOTO: dpa
Düsseldorf. Die Hamburger Band trat vor 7500 Fans in Düsseldorf auf. Erkenntnis des Abends: Persiflage ist das Kunstprinzip von Deichkind. Fazit des Abends: Gut, dass es sie gibt.  Von Philipp Holstein

Im Grunde ist Deichkind eine Mischung aus Scooter und Blumfeld, wobei in Konzerten der Band eigentlich nur der Vergleich mit Scooter übrig bleibt. Die Hamburger Gruppe hatte denn auch erst drei Stücke in der ausverkauften Mitsubishi-Electric-Halle gespielt, da waren die Toilettenräume bereits überfüllt. Aber nicht, weil so viele austreten mussten, sondern weil sie sich am Waschbecken abkühlen wollten, bevor sie zurückkehrten in in den wilden Mob vor der Bühne.

Deichkind ist ein Phänomen. Niemand macht sarkastischere Texte zurzeit, niemand dichtet treffendere Slogans, und Songtitel wie "Arbeit nervt", "Leider geil", "Bück dich hoch" und "Like mich am Arsch" sind zu geflügelten Worten geworden. Das Sextett hat es geschafft, aus Kapitalismuskritik ein Geschäft zu machen, und das aktuelle Album "Niveau Weshalb Warum" brachte es sogar auf Platz eins der deutschen Charts. Ein Grund für den Erfolg könnte sein, dass Deichkind nie bitter klingt, keinen Groll in ihre so lustigen wie zumeist auch gescheiten Verse packen. Diese Künstler ergeben sich beim Denken den Verhältnissen, die sie eigentlich kritisieren: Es ist ja auch alles so schön bunt hier. Sie regieren mit Überwältigtsein auf die Überforderung, und eines ihrer Lieder lassen sie gleich Siri singen, die Stimme des iPhones.

Deichkind schicken zur Einstimmung den Videoclip zum Song "Killing In The Name Of" von Rage Against The Machine über eine Großleinwand. Dann beginnen sie den rund zweistündigen Abend mit "So'ne Musik" vom neuen Album. Sie sparen sich die Hits nicht für die Zugaben auf, sie bringen "Denken sie groß" und "Befehl von ganz unten" direkt im Anschluss. Die Bühnendekoration besteht aus acht verschiebbaren Rechtecken. Davor tanzen die Bandmitglieder mit Pyramidenmaske, Gehirnperücke und weißem Kampfanzug. Sie fahren mit dem Rollator herum, werfen Bonbons ins Publikum und setzen sich in ein Schlauchboot, das dann auf den Händen der 7500 Fans durch die Halle getragen wird. Beim Lied "Hauptsache nichts mit Menschen" steigen sie von der Bühne und spazieren durch die Menge. Sie spielen auf einer Gitarre aus LED-Elementen, und später liegt Sänger Ferris MC auf einer Sonnenbank aus Neon-Leuchtröhren.

Deichkind mit politischem Auftritt beim Echo 2015 FOTO: ap

Das "Too much" wird zum Prinzip

Sie erheben das Too Much zum Prinzip, sie machen das Noch zum Nöcher, und nach einer Stunde ist man so durchgerockt von dieser Mischung aus Electro-Punk, HipHop und Techno, dass man nur noch selig grinsen kann. Mit der Energie, die durch die Halle zieht, könnte man Düsseldorf ein Jahr lang heizen, und irgendwann an diesem Abend denkt man, dass das ziemlich toll ist, dass es diese Band gibt. Zwischen ultrabeschleunigten Sounds und dem Willen zum Unfug blitzen tolle Textfetzen auf. "Trink den Baikalsee auf ex / Zum Frühstück Blattgold auf die Smacks", singen sie in "Denken sie groß", jenem Song, mit dem sie Motivationstrainer- und Manager-Sprech persiflieren.

Überhaupt ist Persiflage das Kunstprinzip von Deichkind. Die Absurdität des Nebeneinanders von banal und ernst und des Like-Buttons als Kriterium in den sozialen Netzwerken klingt bei ihnen so: "Gefällt mir, wer da gestorben ist / schon wieder einer übern Jordan, Rest in Peace / Gefällt mir, dein neues Tattoo am Arm / Guck mal hier, das süße Lamababy, wie es zahnt".

Der Rest ist Wahnsinn.

Quelle: RP
 
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